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Die Schattenseiten des Lichts

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Für den Einsatz von LED-Lampen werden triftige ökonomische und ökologische Argumente ins Treffen geführt. Wie aber steht es um potenzielle Gesundheitsrisiken?

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Für den Einsatz von LED-Lampen werden triftige ökonomische und ökologische Argumente ins Treffen geführt. Wie aber steht es um potenzielle Gesundheitsrisiken?

Licht-emittierende Dioden (LEDs) leuchten uns heute schon fast überall entgegen: in Shopping-Zentren, im Straßenverkehr, ab 2018 etwa auch in den neuen Straßenbahnen der Wiener Linien. In den Bildschirmen von Computern, Laptops, Smartphones und Tablets erhellen LEDs bereits den Arbeitstag, und als neue Form der Energiesparlampe halten sie nun Einzug in die Haushalte. Da weltweit rund 20 Prozent der Elektrizität für künstliches Licht aufgebracht werden, zeigen sie enormes ökonomisches und ökologisches Potenzial: So könnten bei Umstellung aller Lichtquellen auf LEDs jährlich rund 270 Millionen Tonnen an Kohlendioxid eingespart werden.

Im Gesundheitsbereich hat der Siegeszug der LEDs auch kritische Stimmen wachgerufen. Da ist zunächst das Offensichtliche, die meist hohe Leuchtdichte: "Überreizungen gefährden zunehmend die Qualität der Arbeitsprozesse und die Sicherheit im Straßenverkehr. Der Trend zu vermeintlich Werbe-wirksamen Superlativen verleitet die Industrie zur Entwicklung von Lichtquellen mit potenziell schädlichen Intensitäten", bemerkt Augenarzt Peter Heilig, der seit langem über Lichtschäden forscht.

Auftrumpfen mit Beleuchtung

"Im Straßenverkehr wird es durch zunehmenden Einsatz extrem heller Lampen vermehrt zu Blendungsphänomenen kommen", warnt auch Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner an der Medizinischen Universität Wien, der hier ein "stark unterschätztes Problem" verortet. Denn durch Blendung versinkt das Umfeld in Dunkelheit; man sieht etwa keine Fußgänger mehr.

"Wie man mit der Lautstärke der Fahrzeuge auftrumpfen kann - je lauter, desto maskuliner, so scheint das nun auch für die Beleuchtung zu gelten", befürchtet Hutter.

Dass das neue künstliche Licht auch ein "Schlafkiller" sein könnte, wird bereits länger diskutiert. Hintergrund ist der stark ausgeprägte Blau-Anteil vieler LED-Lampen, der für die innere Rhythmik des Organismus einen anregenden Effekt hat. Diese geistige Aktivierung mag während der üblichen Arbeitszeiten von Vorteil sein, vor dem Schlafengehen erscheint sie eher abträglich. Denn das kurzwellige Blaulicht reduziert die Ausschüttung von Melatonin, einem Schlaf-fördernden Botenstoff im Gehirn. Viele Jugendliche rufen vor der Nachtruhe noch gern ihre E-Mails ab oder besuchen ihre Facebook-Seite. Sie gehen somit, wie Experten heute feststellen, mit einer veritablen "Blaulicht-Dusche" ins Bett. In kleineren Studien fanden sich Hinweise darauf, dass das späte Sitzen vor dem Computer-Bildschirm tatsächlich die abendliche Müdigkeit verhindert oder hinauszögert; an der Schlafqualität selbst war kein eindeutiger Effekt abzulesen. Peter Heilig verweist hier generell auf das Phänomen der Überreizung: "Zu intensive Stimulation löst unerwünschte Stress-Reaktionen aus, darauf reagieren das Herz-Kreislauf- und die Stoffwechsel-Systeme. Nicht nur Lärmbelastung, sondern auch Dauer-Licht-Stress kann die Gesundheit schädigen."

Fehlende Daten, offene Fragen

Nicht zuletzt wird auch das weniger Offensichtliche diskutiert: mögliche langfristige Auswirkungen des bläulich-weißen Kunstlichts auf das Auge, insbesondere die Netzhaut, wo das einfallende Licht in Nervenimpulse umgewandelt wird. Studien weisen darauf hin, dass grelles Blaulicht für die Netzhautzellen schädlich werden kann, da es zu oxidativem Stress und der Bildung von Sauerstoff-Radikalen kommt. Über längere Zeiträume könnten auch geringere Lichtintensitäten zu schädlichen Effekten kumulieren. Als Risikogruppen gelten Kinder und Personen mit erhöhter Lichtempfindlichkeit sowie jene, die berufsbedingt hohen Lichtintensitäten ausgesetzt sind.

Mit der zunehmenden "Lichtverschmutzung" wird die Bevölkerung nun erstmals in hohem Maß den energiereichen Blaulicht-Anteilen ausgesetzt, konstatierte die französische Expertengruppe ANSES, die in ihrem Bericht (2011) auf offene medizinische Fragen verwies und eine bessere Evaluation potenzieller Risiken gefordert hat. "Seit der Einführung von Leuchtstofflampen und anderer Kaltlichtquellen erleben wir einen riesigen Feldversuch, der mit den Konsumenten unternommen wird", kritisiert der deutsche Mediziner Alexander Wunsch, der sich für die Umsetzung lichtbiologischer Erkenntnisse engagiert. "Gesetzgeber und Normierungsgremien stehen heute vor dem Problem, mögliche langfristige Schäden für das Auge und vielleicht auch den gesamten Organismus abzuschätzen."

LED-Lampen unterscheiden sich jedoch auch hinsichtlich ihrer Spektralanteile: So gibt es entsprechende Messungen von neuen LEDs für die Raumbeleuchtung, die nur einen minimalen Blauanteil aufweisen und deren Spektrum dem natürlichen Tageslicht am frühen Abend durchaus nahe kommt, wie Karl Albrecht Fischer vom Österreichischen Institut für Licht und Farbe berichtet: "Da die LED-Entwicklung heute rasant verläuft, darf man auf weitere Entwicklungen gespannt sein. Es wäre hilfreich, wenn die Industrie das Spektralbild auf der Lampenpackung abdruckt und nicht mit diffusen Begriffen wie Warmweiß, Neutralweiß und Kaltweiß operiert."

"BLUE HAZARD"

Schutz durch Licht-Hygiene

Bereits Johann Wolfgang von Goethe beschrieb die blaue Farbe als "Energie", "allein sie steht auf der negativen Seite", heißt es in seiner Farbenlehre. Im sichtbaren Lichtspektrum sind Violett und Blautöne durch relativ kurze Wellen mit hoher Energie charakterisiert. Moderne Forschung zeigt, dass ein hoher Violettund Blauanteil des Lichts einen Risikofaktor für Netzhautschäden darstellt. Experten sprechen vom "Blue Hazard". Aber auch beim Licht gilt der alte Leitsatz des Paracelsus: Die Dosis, und so wäre hinzuzufügen, die Dauer machen das Gift. "Ein Zuviel an Licht kann möglicherweise gesundheitliche Schäden verursachen, analog zu den längst erwiesenen Nebenwirkungen von Lärm", so der Wiener Augenarzt Peter Heilig, der wie andere Experten für eine neue "Licht-Hygiene" und eine "menschengerechte Lichtgestaltung" plädiert. Das bedeutet das Vermeiden potenziell schädlicher Lichtintensitäten und eine Reduktion des kurzwelligen Lichts - also weniger Blau, das laut Goethe "immer etwas Dunkles" mit sich führt. (mt)

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