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Im falschen Licht

Park bei Nacht - © Foto: iStock / Juhku
Wissen

Achtlos angestrahlt

1945 1960 1980 2000 2020

Die Abschaffung der Nacht ist ein uralter Traum der Menschheit. Daraus ist eine schrankenlose Leuchtkultur erwachsen, in der allzu viel Licht verschwendet wird.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Abschaffung der Nacht ist ein uralter Traum der Menschheit. Daraus ist eine schrankenlose Leuchtkultur erwachsen, in der allzu viel Licht verschwendet wird.

Oft sind es erst die Kontraste, durch die man etwas genauer einschätzen kann. Die Erhellung der Nacht durch künstliches Licht zum Beispiel ist schon so normal geworden, dass sie meist gar nicht mehr auffällt. Erst wenn man in dünn besiedelten Gebieten unterwegs ist oder gar einen Trip durch die Wildnis macht, zeigt sich beim Blick auf den Nachthimmel eine bislang verborgene Pracht. So erging es auch Annette Krop-Benesch, als sie sich einem internationalen Forschungsteam im Karijini-Nationalpark in Australien anschloss. Die Astronomen hatten eine lange Reise auf sich genommen, um dort, an einem der dunkelsten Orte der Welt, die Sterne zu beobachten. Zu ihnen hatten sich Biologen gesellt, die Tiere und Pflanzen im australischen Busch erkunden wollten, darunter auch Krop-Benesch: „‚Lights off!‘ Die Dunkelheit um uns herum wird tiefer, und zum ersten Mal an diesem Abend blicke ich hinauf in den Himmel. Es verschlägt mir die Sprache. Tausende von Sternen leuchten über uns, umgeben von einem weißen Nebelband – der Milchstraße.“

Hier, auf der Südhalbkugel, blickt man direkt ins Herz unserer Galaxis. „Der Sternenhimmel über uns ist einer der atemberaubendsten Anblicke meines Lebens“, erzählt die deutsche Biologin in ihrem eben erschienenen Buch „Licht aus?!“. Es thematisiert die unterschätzte Gefahr der fortschreitenden Lichtverschmutzung, der bislang viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Denn weltweit schwinden die Orte für „Nachtbegeisterung“, wo noch ein Gefühl für die „unaussprechliche, geheimnißvolle Nacht“ (Novalis) entstehen kann.

Weltweiter „Rebound-Effekt“

Die Geschichte der Lichtverschmutzung ist untrennbar verknüpft mit der technologischen Aufrüstung der Beleuchtung. Diese ist im Laufe der Zeit immer potenter, effizienter und auch günstiger geworden, wie Krop-Benesch im spannenden historischen Exkurs verdeutlicht: Vor 100 Jahren kostete eine Stunde Licht aus einer 100-Watt-Glühbirne 3200-mal so viel wie dieselbe Lichtmenge heute. Damals musste ein Arbeiter fast drei Stunden für diese Lichtmenge arbeiten; heute hingegen reicht dafür eine Sekunde aus. Seit der Einführung der LED-Lampen, deren Energieeffizienz und Langlebigkeit erfolgreich beworben wurde, haben sich die Kosten für Licht noch einmal deutlich reduziert. Die Folge: Günstigeres Licht führt zu mehr Licht, und genau dieser „Rebound“-Effekt ist derzeit weltweit zu beobachten. Eine Umkehr bei der Lichtverschmutzung ist nicht in Sicht.

Oft sind es erst die Kontraste, durch die man etwas genauer einschätzen kann. Die Erhellung der Nacht durch künstliches Licht zum Beispiel ist schon so normal geworden, dass sie meist gar nicht mehr auffällt. Erst wenn man in dünn besiedelten Gebieten unterwegs ist oder gar einen Trip durch die Wildnis macht, zeigt sich beim Blick auf den Nachthimmel eine bislang verborgene Pracht. So erging es auch Annette Krop-Benesch, als sie sich einem internationalen Forschungsteam im Karijini-Nationalpark in Australien anschloss. Die Astronomen hatten eine lange Reise auf sich genommen, um dort, an einem der dunkelsten Orte der Welt, die Sterne zu beobachten. Zu ihnen hatten sich Biologen gesellt, die Tiere und Pflanzen im australischen Busch erkunden wollten, darunter auch Krop-Benesch: „‚Lights off!‘ Die Dunkelheit um uns herum wird tiefer, und zum ersten Mal an diesem Abend blicke ich hinauf in den Himmel. Es verschlägt mir die Sprache. Tausende von Sternen leuchten über uns, umgeben von einem weißen Nebelband – der Milchstraße.“

Hier, auf der Südhalbkugel, blickt man direkt ins Herz unserer Galaxis. „Der Sternenhimmel über uns ist einer der atemberaubendsten Anblicke meines Lebens“, erzählt die deutsche Biologin in ihrem eben erschienenen Buch „Licht aus?!“. Es thematisiert die unterschätzte Gefahr der fortschreitenden Lichtverschmutzung, der bislang viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Denn weltweit schwinden die Orte für „Nachtbegeisterung“, wo noch ein Gefühl für die „unaussprechliche, geheimnißvolle Nacht“ (Novalis) entstehen kann.

Weltweiter „Rebound-Effekt“

Die Geschichte der Lichtverschmutzung ist untrennbar verknüpft mit der technologischen Aufrüstung der Beleuchtung. Diese ist im Laufe der Zeit immer potenter, effizienter und auch günstiger geworden, wie Krop-Benesch im spannenden historischen Exkurs verdeutlicht: Vor 100 Jahren kostete eine Stunde Licht aus einer 100-Watt-Glühbirne 3200-mal so viel wie dieselbe Lichtmenge heute. Damals musste ein Arbeiter fast drei Stunden für diese Lichtmenge arbeiten; heute hingegen reicht dafür eine Sekunde aus. Seit der Einführung der LED-Lampen, deren Energieeffizienz und Langlebigkeit erfolgreich beworben wurde, haben sich die Kosten für Licht noch einmal deutlich reduziert. Die Folge: Günstigeres Licht führt zu mehr Licht, und genau dieser „Rebound“-Effekt ist derzeit weltweit zu beobachten. Eine Umkehr bei der Lichtverschmutzung ist nicht in Sicht.

Die ‚moralische Schutzwirkung‘ von Licht wurde stets kontrovers diskutiert. Bislang ist nicht bewiesen, dass Licht vor Einbrüchen und Überfällen schützt.

Mit dem Vormarsch der globalen Konsumkultur und Aufmerksamkeitsökonomie hat auch die schrankenlose Leuchtkultur ihren Siegeszug angetreten. Das Bild ähnelt sich, egal wohin man blickt: sich ausdehnende urbane Lichtglocken, gespeist aus strahlenden Geschäften und Werbeflächen, Hausbeleuchtungen, Straßenlampen und zunehmend aggressiven Scheinwerfern. Dem Autor dieser Zeilen fallen allein in seiner unmittelbaren Nachbarschaft einige Beispiele ein, wo jede Nacht permanent Licht verschwendet wird: beim Baum vor dem Haus, der extra mit einem Scheinwerfer angestrahlt wird (!), beim Spielplatz ebendort, der nachts nicht mehr genutzt wird, oder bei den in den Boden eingelassenen Leuchtkörpern, die am Rande des Weges nach oben strahlen. All das ist unnötig, denn das Licht der umgebenden Straßenlaternen ist mehr als ausreichend. Ein Gefühl der Unsicherheit ist hier zweifellos nicht zu befürchten.

Das Sicherheitsempfinden ist wohl der wichtigste Grund, der für die nächtliche Beleuchtung ins Treffen geführt wird. Der Mensch ist ein visuelles Wesen; rund 80 Prozent der Informationen über die Umwelt erhalten wir über unsere Augen, so Krop-Benesch. Für unsere Ur-Vorfahren im Wald oder in der Savanne barg der Einbruch der Nacht tödliche Gefahren – wilde Tiere waren auf Beutezug, mit Sinnen, die viel besser an die Dunkelheit angepasst sind als die des Menschen. Höchste Zeit, Schutz zu suchen und den Anbruch des nächsten Tages abzuwarten. Auch im Laufe der Weltgeschichte blieb die Dunkelheit ein Faktor der Unsicherheit: Kriminelle Machenschaften und sexuelle Übergriffe wurden befürchtet, im antiken Rom ebenso wie im mittelalterlichen London oder im Paris zur Zeit der Revolution. Doch die „moralische Schutzwirkung“ von Licht wurde immer wieder kontrovers diskutiert: Es gab auch die Ansicht, dass schwindendes nächtliches Dunkel die „Trunkenheit“ und „Verderbtheit“ sogar begünstigen würde. Es sei gerade das „Grauen vor der Finsternis, das die Schwachen von mancher Sünde abhält“, wie 1819 in der Kölnischen Zeitung zu lesen war. Bis heute ist nicht bewiesen, dass Licht vor Einbrüchen und Überfällen schützt, wie Krop-Benesch bemerkt.

Leuchten wie die Abendröte

Gehe ich abends die Bachpromenade entlang, die vom Bahnhof zu meiner Wohnung führt, gibt es zwei Wege mit unterschiedlicher Beleuchtung: Der eine wird durch schimmernde Straßenlampen in dunklem Orange erhellt, der andere durch moderne Lampen mit hell strahlendem, grellweißem Licht. Letzeren Weg meide ich instinktiv – und gehe lieber im wärmeren Licht.

Die technische Entwicklung hat dazu geführt, einen uralten Traum der Menschheit zu verwirklichen: die Abschaffung der Nacht.

Das tendenziell rote Licht am Abend entspricht viel eher der menschlichen Biologie als das bläuliche LED-Licht, das zudem viel stärker gestreut wird. Doch der Weg zurück zu einer menschengerechten Beleuchtung erscheint noch lang. In Megacitys ist es nachts bereits so hell, dass sich die Augen der Einwohner überhaupt nicht mehr an die Dunkelheit anpassen müssen. Die technische Entwicklung hat dazu geführt, einen uralten Traum der Menschheit zu verwirklichen: die Abschaffung der Nacht. Heute gilt es aufzupassen, dass daraus kein Albtraum erwächst.

Krop-Benesch: Licht Aus!? - © Foto: Rowohlt TB
© Foto: Rowohlt TB
Buch

Licht aus!?

Lichtverschmutzung. Die unterschätzte Gefahr
Von Annette Krop-Benesch
Rowohlt TB 2019
256 S., kart., € 12,40

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