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Hymnen an die Nacht

1945 1960 1980 2000 2020

Digitalisierung und Lichtverschmutzung wirken bedrohlich zusammen: Sie rauben uns die seelisch wichtigen Dunkelzonen.

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Digitalisierung und Lichtverschmutzung wirken bedrohlich zusammen: Sie rauben uns die seelisch wichtigen Dunkelzonen.

Es war genau an der Wende zum 19. Jahrhundert, da schwelgte ein deutscher Dichter vor lauter "Nachtbegeisterung": "Muß immer der Morgen wiederkommen? () Zugemessen ward dem Lichte seine Zeit; aber zeitlos und raumlos ist der Nacht Herrschaft", verkündete Friedrich von Hardenberg, besser bekannt unter dem Künstlernamen Novalis, in seinem epochalen Werk "Hymnen an die Nacht". Seine junge Geliebte Sophie von Kühn war früh verstorben. Doch poetisch äußerte er nun die Hoffnung, die schmerzliche Trennung in den Visionen eines "unerschöpflichen Traumes" zu überwinden: "Abwärts wend ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnißvollen Nacht (...)"

Der Titel seines Gedichts fügte sich nur allzu gut in das Programm der Romantiker, die damals der geistigen Strömung der Aufklärung (engl. "enlightenment") etwas Anderes entgegensetzen wollten. Die Schattenreiche des menschlichen Geistes mussten vor dem anmaßenden Licht der Vernunft abgeschirmt werden, um ihr Geheimnis zu bewahren. Im frühen 19. Jahrhundert formierte sich daher eine Avantgarde-Bewegung an romantischen Dichtern und Denkern: Sie waren fasziniert von der Macht der Fantasie, inspiriert durch Rausch und Traum, Mythen und Märchen. Bis heute ist ihr kultureller Einfluss wirksam geblieben. Und auch im 21. Jahrhundert trifft das Gedicht von Novalis einen Nerv der Zeit.

Licht der Vernunft

Wer die "Hymnen an die Nacht" heute liest, dem drängen sich freilich andere Assoziationen auf -ganz abgesehen davon, dass das Licht der Vernunft angesichts der Hochkonjunktur von "Fake News" und vielerorts bedrohten Errungenschaften der Aufklärung doch dringend wieder heller strahlen sollte. Nein, heute gibt es sowohl konkret als auch symbolisch andere Gründe, sich voller Emphase der Nacht zuzuwenden. Denn es scheint, als ob eine riesige Angst vor der Dunkelheit um sich gegriffen hätte; als ob der Mensch, der jahrtausendelang im Einklang mit dem natürlichen Zyklus von Sonnenaufgang und -untergang gelebt hat, ein immer tieferes Unbehagen angesichts des nächtlichen Dunkels verspüren würde. Es scheint, als ob die Nacht zum feindseligen Naturphänomen geworden ist, das es nun mit unzähligen Lichtquellen zu bekämpfen gilt. Und dass dies irgendwie mit der Entfremdung und Rastlosigkeit des modernen Menschen zu tun hat, der selbst in der Schlafenszeit immer weniger zur Ruhe zu kommen scheint.

"Endet nie des Irdischen Gewalt? Unselige Geschäftigkeit verzehrt den himmlischen Anflug der Nacht", schrieb schon Novalis. Vielleicht ahnte er, dass mit dem Aufkommen neuer Technologien auch nervenaufreibende Beschleunigung, Hyperaktivität und Schlaflosigkeit Einzug halten würden.

Abglanz des Sternenhimmels

Über Milliarden von Jahren verlief die Evolution des Lebens ohne künstliches Licht. Erst seit rund hundert Jahren beeinflusst dieses das Wechselspiel von Tag und Nacht in bedeutendem Ausmaß. In Europa sind es heute 99 Prozent der Bevölkerung, die in Gegenden mit signifikanter Lichtverschmutzung leben. Einem Drittel der gesamten Menschheit bleibt deshalb der Blick auf die Milchstraße verwehrt. Viele Menschen erleben heute nur noch einen müden Abglanz des prächtigen Nachthimmels, dessen magischer Sternenglanz unseren Vorfahren seit jeher Ehrfurcht eingeflößt hat. Denn das Streulicht aus immer effizienteren Leuchten führt zu einer diffusen Aufhellung der Nacht. Das trübt nicht nur den Alltag der Astronomen, die oft gezwungen sind, auf einsame Sternwarten auszuweichen, sondern beeinträchtigt Ökosysteme auf allen biologischen Ebenen. Darunter leiden Pflanzen und Tiere, bis hin zur menschlichen Gesundheit. Schäden bedingt durch veränderte Lichtstärken und Lichtrhythmen werden erst seit zwei Jahrzehnten eingehend untersucht.

Der grassierenden Lichtverschmutzung entspricht in gewisser Weise eine andere Entwicklung, die heute wie wild um sich greift: die digitale Erfassung von Räumen, Objekten und Menschen. Das Konsumprofil des Individuums ergibt sich heute zunehmend aus seinem Internet-Verhalten. In der digitalen Ökonomie werden unsere Wünsche und Sehnsüchte, Vorlieben und Begierden gnadenlos ausgeleuchtet. Doch damit nicht genug:

Als neue Stufe der Digitalisierung wird das Internet der Dinge angepriesen. Die Vernetzung von Alltagsgegenständen könnte einen neuen Raum entstehen lassen, in dem jedes Objekt eine eindeutige Adresse hat, mit der es lokalisiert und angesteuert werden kann. Was vorher stumm und dunkel blieb, leuchtet dann am Display des Smartphones, am Computer-Screen auf. Je mehr Gegenstände eingeschlossen werden, desto lückenloser die räumliche Kontrolle. Aber ist das auch eine neue Stufe der Aufklärung? Werden wir die Welt mit dem Licht der elektronischen Datenverarbeitung auf neue Art durchdringen können?

In seiner Streitschrift "Transparenzgesellschaft" (Matthes &Seitz, 2012) geht der Philosoph Byung-Chul Han davon aus, dass die gigantischen Informationsmassen kein wirkliches Licht ins Dunkel bringen werden: Die Transparenz sei kein Licht, sondern vielmehr eine lichtlose Strahlung, die nur alles durchsichtig mache. Auch die menschliche Seele brauche Sphären des Verborgenen; totale Ausleuchtung und der Zwang zur Selbstentblößung würden zu einer Art von seelischem Burnout führen. Dennoch lässt sich die Digitalisierung mit dem Licht der Sonne vergleichen: Sie macht das Leben zwar leichter und angenehmer, doch zuviel des Guten kann schnell zum "digitalen Sonnenbrand" (E. Morozov) führen. Sonnenschutz sollte heute eigentlich selbstverständlich sein.

Lokalisierte Utopien

Dunkelzonen werden immer mehr zu einem kostbaren Ort. Vieles spricht dafür, sie heute als eine Form der "Heterotopien" zu begreifen, wie sie von Michel Foucault beschrieben wurden. Das sind real vorhandene Utopien, die nicht nur als fiktives Gedankenexperiment existieren, sondern an einem genau bestimmbaren Ort zu finden sind. Laut Foucault handelt es sich gleichsam um "Gegenräume": konkrete Orte, die vollkommen anders sind und sich allen anderen Orten widersetzen. Der französische Philosoph dachte hier etwa an Gärten, Friedhöfe, "Irrenanstalten" und Altersheime, Jahrmärkte und Gefängnisse. Der Friedhof etwa sei der "absolut andere Ort", aber auch die großen Schiffe des 19. Jahrhunderts galten ihm als exemplarische Heterotopie.

Doch in Zeiten weltweiter Lichtverschmutzung und einer alle Lebensbereiche erfassenden Digitalisierung gibt es nun weitere Beispiele: einerseits Lichtschutzgebiete, wo die atemberaubende Pracht des Mondes, der Sterne und Planeten noch ungetrübt zu bewundern ist, wie einst in vorindustriellen Zeiten. Andererseits die nicht vernetzten Zonen, die sich einer Anbindung an die globalen Datenströme freiwillig widersetzen. Eines steht fest: Diese Orte werden an Bedeutung gewinnen. Wir werden sie brauchen - und lieben lernen. Denn sie werden dunkel bleiben, schwarz und geheimnisvoll wie die Nacht.

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