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Gentechnik: Eine neue Umweltbedrohung

1945 1960 1980 2000 2020

Wer sich aufmerksam umsieht, erkennt: Umweltprobleme, wohin man schaut, und zu wenig Wissen und Bereitschaft, sie ernsthaft zu bewältigen. Mit der Gentechnik werden sich diese Probleme aller Voraussicht nach weiter verschärfen.

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Wer sich aufmerksam umsieht, erkennt: Umweltprobleme, wohin man schaut, und zu wenig Wissen und Bereitschaft, sie ernsthaft zu bewältigen. Mit der Gentechnik werden sich diese Probleme aller Voraussicht nach weiter verschärfen.

Wer die Ursachen der Umweltprobleme unvoreingenommen analysiert, muß zu dem Schluß kommen: Nur ja keine massiven Eingriffe mehr mit Instrumenten, deren Nebenwirkungen wir nicht wirklich durchschauen, keine kurzfristigen Vorteile zulasten langfristiger Schädigungen, keine Eingriffe mit Folgen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind.

Genau diese Bedrohungen gehen aber von der Gentechnik aus. Das derzeit im österreichischen Parlament behandelte Gentechnikgesetz (FURCHE 13/1993) wird da wohl kaum für ausreichenden Schutz sorgen können. Eigentlich ist es unfaßbar, daß wir uns im Zeitalter der Umweltbedrohungen noch weitere Gefährdungen aufhalsen. Welche enormen Vorteile erwartet man sich denn von der neuen Wundertechnik?

Hauptanwender sind die Lebensmittel-, Pharma- und Agrarindustrie. Bisher ist der Durchbruch zur Anwendung im großen Stil nicht gelungen (Gott sei Dank!). So schätzt man den Anteil gentechnischer Produkte auf dem Weltpharmamarkt auf drei Prozent (in Österreich ein Jahresumsatz von 650 Millionen). Aber man gibt dieser Technik eine ganz große Zukunft. Die Bundeskammer rechnet bis zum Jahr 2000 mit einer Verfünf-zehnfachung der Umsätze.

Es sind diese Hoffnungen, die man ins Treffen führt. In vielen Forschungsbereichen werde es demnächst Durchbrüche geben. Großes erwartet man sich im Kampf gegen Aids und Krebs. Das ist ein probates Mittel, große, finanzielle Mittel anzuzapfen.

Hoffnungen auch im Bereich von Pflanzen- und Tierzucht: rascheres Wachstum, größere Resistenz der Pflanzen gegen Schädlinge und Pestizide, bessere Lagerungs- und Transportfähigkeit der Früchte... Die Lösung der großen Menschheitsprobleme wird uns verheißen: Erfolge im Kampf gegen Hunger und Leiden.

Biotechnologische Verfahren weisen außerdem den Vorteil auf, bei normalem Druck und normalen Temperaturen abzulaufen. Das bedeutet weniger Energie und weniger Einsatz von aggressiven Chemikalien. Außerdem verspricht man sich von gentechnisch veränderten Mikroorganismen Hilfe bei der Behandlung von Abwässern und bei der Beseitigung von Umweltverschmutzung. Gentechnik als Umwelthit?

Fragen wir,zunächst nach der Bedeutsamkeit riieser Anliegen: Wozu die Landwirtschaft noch produktiver machen? Sie leidet in unseren Breiten nicht an mangelnder Produktivität, sondern erzeugt schon heute zu viel. Sie noch mehr zu technisieren, wird sie endgültig ruinieren.

Weiters: Unsere Gesundheitsprobleme sind nicht Folgen eines Mangels an geeigneten Medikamenten, sondern eines dem Menschen nicht zuträglichen Lebensstils in der Industriegesellschaft. Gegen Krebs könnte erfolgreicher durch Verminderung krebserregender Stoffe gekämpft werden, als durch neue Produkte zur Bekämpfung der Krankheit. Auch die Verbreitung von Aids läßt sich wirksamer durch Lebensstiländerung (Stichwort Enthaltsamkeit) bekämpfen als durch Präparate, die es vielleicht einmal geben wird.

Ingesamt läßt sich feststellen: Die Gentechnik setzt den bisherigen Weg der Industriegesellschaft fort - nur mit neuen Mitteln: Bedürfnisbefriedigung mit großem technischem Aufwand, um nur ja keine Lebensstiländerungen erforderlich zu machen.

Stehen diese - vor allem hypothetischen Vorteile - in irgend einer vernünftigen Relation zum Risiko, das ihr Einsatz bringt?

Beim Durcharbeiten einschlägiger Publikationen des Umweltbundesamtes stößt man auf Aussagen, die deutlich die Gefahren aufzeigen: Da ist zunächst die Tatsache, daß - trotz atemberaubender Fortschritte - das gentechnische Wissen äußerst bruchstückhaft ist. Dem mit riesigen Forschungsgeldern ausgestatteten amerikanischen Projekt zur Erforschung der menschlichen Erbinformation, dem „Human Genome Project" ist es bisher gelungen, zwischen 0,1 und 0,2 Prozent dieser Information zu entziffern.

Jedenfalls ist die Wissenschaft weit davon entfernt, die genetische Steuerung auch nur annähernd zu durchschauen. Teileinsichten in Ursache-WirkungszUsammenhänge gibt es allerdings. Sie ermöglichen gezielte Eingriffe, deren Nebeneffekte man aber nicht durchschaut - vielleicht auch nie durchschauen kann, weil sie von zu vielen Faktoren abhängen.

Ist ein Mangel an umfassendem Wissen über mögliche Nebeneffekte schon bei unbelebten Stoffen sehr problematisch, so kommt bei Lebewesen noch folgendes hinzu: Sie sind ver-mehrungs- und daher auch unbegrenzt verbreitungsfähig. Das heißt: Man kann nur ganz wenige Lebewesen freisetzen und schon bekommt das Ganze eine Eigendynamik -anders als bei leblosen Stoffen.

Weiters: Lebewesen sind - einmal freigesetzt - nicht rückholbar (und zwar je kleiner sie sind, umso weniger). Bewirken sie also Schädigungen, so sind diese nicht mehr rückgängig zu machen. Man kann die Produktion von Chemikalien stoppen und damit Schaden begrenzen. Aber einmal freigesetzte Bakterien sind frei - für immer. Und noch etwas: Man kann kaum vorhersehen, welche Wechselwirkungen zwischen manipulierten und natürlich vorkommenden Organismen stattfinden können: „Austausch von Erbmaterial, Aktivierung latent vorhandener negativer Eigenschaften und synergistische Effekte mit anderen Genen stellen somit biologische Potentiale mit weitgehend unbekannten Folgen dar," lese ich in der Zusammenfassung der Studie.

Schon allein daraus ist die enorme Gefahr dieser Technik gegeben. Die naheliegende Schlußfolgerung wäre: Verzicht auf Freisetzung (wovon leider im Gesetzentwurf keine Rede ist) und Beschränkung auf Arbeiten in geschlossenen Systemen. Aber auch diese sind problematisch: „Biologisch geschlossene Systeme, wie Bioreaktoren, Abluftfilter, Belebtschlammkläranlagen... können praktisch nie als vollständig geschlossene Systeme betrieben werden... Eine unbeabsichtigte Freisetzung (ist) unvermeidbar."

Das Verfahren ist also in jedem Fall nicht wirklich beherrschbar. Aber selbst wenn alles Wesentliche wirklich durchschaut werden sollte (eine Hypothese, die man eigentlich ausschließen kann), so bleibt noch folgendes zu bedenken: Wer kann garantieren, daß sich die Umweltbedingungen, unter denen wir heute die Verfahren testen, nicht ändern? Wir leben ja in einer Zeit, in der sich solche Veränderungen abzeichnen. Dann stellen sich viele Fragen neu.

Auf solche Einwände hört man den Einwand, man könne nun einmal als Mensch nicht jedes Risiko ausschalten. „Leben ist immer lebensgefährlich", hat Erich Kästner formuliert. Stimmt. Aber müssen heute, da wir ohnedies übermäßig von Gefahren umgeben sind, mutwillig weitere Risken eingehen? Ist das vernünftig?

„Aber die Freiheit der Wissenschaft!", heißt es sofort, wenn so grundsätzliche Kritik geäußert wird.

Man könne doch die Menschen nicht am Forschen hindern.

Auf diese Frage eine klare Antwort zu geben, ist schwierig. Bevor man sich da auf Glatteis begibt, läßt sich doch immerhin auf etwas hinweisen, was noch im Vorfeld der Klärung der Grenzen der wissenschaftlichen Freiheit liegt: Die Subventionierung der Wissenschaft nämlich. Wir hätten weder Probleme mit der Atomenergie, noch mit der Gentechnik, wenn nicht Unsummen öffentlicher Mittel in diese Forschungszweige geflossen wären, wenn nicht gigantische Subventionen für die Entwicklung dieser Techniken gegeben würden.

Ist das nicht eine Herausforderung für eine wirklich verantwortungsvolle Forschungspolitik? Statt technisch zwar machbare, aber extrem risikobehaftete Verfahren zu fördern, sollte man das Geld endlich in die Entwicklung von „sanften", umweltverträglichen und risikoarmen Techniken stekken. Dann käme es zu mancher riskanter Technik gar nicht.

Und noch etwas: Würde man die Anwender der Gentechnik zwingen, Versicherungen zur Abdeckung jedes möglichen Schadens einzugehen, so würden sich kaum mehr Interessenten für diese Technik finden - und wohl auch kaum Versicherer.

Näheres siehe: GENTECHNOLOGIE IN DISKUSSION und FREISETZUNG GENTECHNISCH VERÄNDERTER ORGANISMEN, Bd 5 und 6 der Tagungsberichte des Umweltbundesamtes, Wien 1992

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