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Das Geschäft mit der Sehnsucht

Frauen kaufen sich fremde Eizellen, ertragen Mehrlingsschwangerschaften oder verbieten sich nach "fetaler Reduktion“ gar ihre Trauer: Über die Schizophrenie der Kinderwunsch-Industrie.

Zdenˇek Mal´y ist ein Sprachtalent. Englisch, Russisch und Polnisch beherrscht er ohne Probleme, Deutsch sogar ohne Akzent. An Sprechpraxis mangelt es dem tschechischen Reproduktionsmediziner jedenfalls nicht: Rund 90 Prozent der Patientinnen in seiner Brünner Privatklinik "Unica“ kommen aus Deutschland oder Österreich. Hier lässt sich ihre Sehnsucht erfüllen; hier wird ihnen endlich das ermöglicht, was ihnen in ihren Heimatländern verboten ist: ein eigenes Kind zu bekommen mithilfe der Eizellen einer Fremden.

Rund 120 österreichische Paare reisen Jahr für Jahr nach Brünn, um sich in Mal´ys Klinik einer künstlichen Befruchtung nach Eizellspende zu unterziehen. Meist kommen Frauen zu ihm, die verfrüht in den Wechsel geraten sind, die keine funktionsfähigen Eierstöcke besitzen oder zahlreiche erfolglose In-vitro-Fertilisationen durchlitten haben. Viele von ihnen werden vom Wiener Reproduktionsmediziner Wilfried Feichtinger geschickt, der mit dem tschechischen Arzt befreundet ist und wenig überraschend für eine dezidierte Zulassung der Eizellspende in Österreich eintritt. Bis es so weit ist, stellt Mal´y und nicht Feichtinger hartnäckig unfruchtbaren Paaren die Eizellen einer anonymen Spenderin zur Verfügung, befruchtet sie in vitro mit dem Samen des Mannes und setzt die Embryonen (fast immer zwei) in die Gebärmutter der Patientin ein, die vorbereitend Hormontabletten erhalten hat. Bereits nach einem einzigen Zyklus seien 55 bis 60 Prozent der Frauen schwanger, erklärt Zdenˇek Mal´y stolz am Telefon. In 46 Prozent komme es schließlich zur Geburt.

Höchstrichter legitimieren Eizellverbot

Insgesamt lassen rund 400 bis 500 unfruchtbare Paare aus Österreich Jahr für Jahr im Ausland eine Eizell- oder Samenspende durchführen. Und so wie es aussieht, hält dieser Behandlungstourismus an: Erst Anfang November hat die Große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) festgestellt, dass der österreichische Staat nicht gegen das Recht auf Familie verstößt, wenn er Paaren die Verwendung fremder Ei- und Samenzellen bei der In-vitro-Fertilisation verbietet. (Laut österreichischem Fortpflanzungsmedizingesetz ist nur das Einbringen von Fremdsamen direkt in die Gebärmutter der Frau zulässig.) Auslöser des Straßburger Urteilsspruchs waren zwei österreichische Ehepaare, die wegen Ungleichbehandlung geklagt hatten - und im Vorjahr von der Kleinen Kammer des EGMR recht bekamen. Doch die letzte Instanz entschied anders: Nach Ansicht der 17 Richter habe Österreich (zumindest 1998, als die Klage der beiden Paare eingebracht wurde) seinen Beurteilungsspielraum nicht überschritten. Die Regierung sei freilich aufgefordert, die Gesetze mit dem Stand der medizinischen Forschung und dem gesellschaftlichen Konsens abzugleichen. Eine Aufgabe, der sich nun vorbereitend die Österreichische Bioethikkommission widmen will (siehe S. 23).

Doch was ist eigentlich unerträglicher: Den florierenden Behandlungstourismus österreichischer Paare mitanzusehen? Oder eine Praxis zuzulassen, die womöglich mehr Probleme schafft, als sie löst? "Eizellen sind heute ein Rohstoff, der teilweise unter mafiösen Umständen gehandelt wird“, meint etwa die Bremer Sozialwissenschafterin und Journalistin Eva Schindele, die vergangene Woche im Rahmen einer Studientagung der aktion leben österreich zum Thema Eizellspende referierte. Die jungen "Spenderinnen“ würden durch die gefährliche Hormonstimulierung ihre Gesundheit riskieren, oft medizinisch schlecht versorgt oder nur nach Ablieferung einsatzfähiger Zellen bezahlt. Von einer bloßen "Aufwandsentschädigung“, wie sie laut EU-Gewerberichtlinie allein zulässig sei, könne keine Rede sein. Es handle sich schlichtweg um ein Geschäft - und vielfach um Ausbeutung.

Aus dem Mund von Zdenˇek Mal´y klingt das anders: Die meisten seiner Eizellspenderinnen - Studentinnen zwischen 20 und 29 Jahren - würden einfach "ungewollt kinderlosen Frauen helfen“ wollen. Einmal habe er sogar miterlebt, wie eine Spenderin ihr "Kompensationsgeld“ von 900 Euro der Caritas überlassen habe. "Da habe ich mir gedacht: Hut ab!“

Dass die Eizellindustrie ausgerechnet in Tschechien boomt - laut Europäischer Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (ESHRE) liegt das Land mit 15 Prozent aller Behandlungszyklen hinter "Marktführer“ Spanien mit 30 Prozent an zweiter Stelle -, ist kein Zufall: Schließlich ist hier die Anonymität der Spenderinnen zulässig. Nicht nur die jungen Frauen, auch die behandelten Paare präferieren diese Situation, um ihr neues Familienglück nicht zu gefährden. Doch ist dies auch zum Wohl des Kindes? Nein, meint Ulrike Riedel, Berliner Medizinrechtlerin und Mitglied des Deutschen Ethikrates: Es gebe ein Menschenrecht auf Kenntnis der eigenen Abstammung, das nicht einfach aufgehoben werden könne, nur weil es sich die sozialen Eltern wünschten. (In Österreich durch Fremdsamenspende gezeugte Kinder haben übrigens mit 14 Jahren das Recht, Einblick in die Aufzeichnungen zu erhalten.)

Die tatsächliche Aufklärungspraxis sieht indes anders aus: Während fast alle Kinder nach einer Adoption und viele Kinder nach IVF ihre Entstehungsgeschichte erfahren, ist dies nur bei rund acht Prozent der Eizellspenden-Kinder der Fall. Zu groß scheint die emotionale Belastung einer Offenbarung dieser "gespaltenen Mutterschaft“ zu sein."Die Folge ist ein tabuisiertes Familiengeheimnis, das sich hochdramatisch auswirkt“, weiß die Wiener Kinderärztin Katharina Kruppa. Und sie geht noch weiter: Als Leiterin der Baby-care-Ambulanz des Preyer’schen Kinderspitals sei sie "überproportional häufig“ mit in vitro-gezeugten Kindern konfrontiert. Die Ursache liege in der enormen Stressbelastung der Mütter während der Schwangerschaft wie auch in der hohen Zahl an Mehrlingsschwangerschaften: In 23,7 Prozent der Fälle wachsen nach künstlicher Befruchtung Zwillinge heran, in 1,1 Prozent Drillinge. Entsprechend hoch ist das Frühgeburts- und Schädigungsrisiko.

Wie viel Tod nehmen wir in Kauf?

Auf die Spitze getrieben wird die psychische Belastung, wenn schwangere Frauen im Falle mehrerer Föten vor der Entscheidung stehen, welches ihrer ersehnten Kinder im Zuge einer "fetalen Reduktion“ getötet werden soll. "Die Trauer um dieses Kind wird oft abgespalten, denn die Mutter hat sich die Schwangerschaft ja so sehr gewünscht“, erklärt Kruppa und formuliert ihr Unbehagen am Status quo in denkwürdigen Sätzen: Warum gibt es in Österreich kein Gesetz zum Single-Embryo-Transfer, das die riesige Gefahr der Frühgeburtlichkeit reduziert? Und: Wieviel Tod nehmen wir für unseren Kinderwunsch eigentlich in Kauf?

Ein Paar aus Zürich, das sich in der Brünner Klinik "Unica“ behandeln ließ, war vor zwei Monaten schmerzhaft mit dieser Frage konfrontiert: In der Gebärmutter der Frau waren drei Föten herangereift - ein Einling und eineiige Zwillinge. "Anders als die meisten Paare haben sich die beiden aber gegen eine fetale Reduktion entschieden“, erzählt Zdenˇek Mal´y, dessen Leitspruch "Unsere Bemühung beschenkt uns mit süßen Früchten“ auf der Klinik-Homepage prangt. In der 22. Schwangerschaftswoche kam es schließlich zur Frühgeburt. Alle drei Kinder starben.

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