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Vater unbekannt, Mutter Retorte ?

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Die Möglichkeiten der Manipulation am Beginn und Ende des menschlichen Lebens sind größer geworden. Wird Forschen auf diesem Gebiet ethischer, je mehr verboten ist?

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Die Möglichkeiten der Manipulation am Beginn und Ende des menschlichen Lebens sind größer geworden. Wird Forschen auf diesem Gebiet ethischer, je mehr verboten ist?

Zeugung und Sterben sind manipulierbar geworden. Der kleine Satz aus dem Referat des Wiener Hirnforschers Franz Seiteiberger in einer Plenarveranstaltung zum Thema „Medizin und Ethik — Neubestimmung oder Neuorientierung” beim Europäischen Forum Alpbach nennt die Bandbreite, wie weit der Mensch in den eigenen Zugriff geraten ist. Uber dessen Legitimation muß man sehr geteilter Meinung sein, will man nicht ein Konstitutivum der europäisch-abendländischen Kultur aufgeben: die Integrität der Person.

Wo nun aber endet, um das etwas salopp zu formulieren, der Zellhaufen und wo beginnt die menschliche Person?

Dieser Nachmittag brachte keine Lösung, keine naturwissenschaftlich klar definierte Linie. Denn was die Grenzziehung angeht, leben wir auch mit vorwissenschaftlich verfestigten Haltungen, die zumeist philosophisch-religiös begründet sind und die möglicherweise dazu führen, wie das der Wiener Biochemiker und Rektor der Universität, Hans Tuppy, andeutete, daß manche Leute glaubten, wissenschaftlich-forschendes Handeln sei umso ethischer, je mehr verboten werde.

Welche Möglichkeiten es in der Fortpflanzungsmedizin gibt, wo der Kommerz um sich greift, zeigte die an der George Washington University (Washington, USA) lehrende Österreicherin Elisabeth Herz-Kremenak, die, ohne selbst ganz präzis Standpunkt zu beziehen, die künstlichen Befruchtungsmethoden darstellte, mit allen für das Umfeld der Problematik notwendigen Hinweisen auf rechtliche, soziale, psychologische und religiöse Fragen. Bei der künstlichen Befruchtung „in vivo”, also der intrakorporalen Befruchtung, besteht die Möglichkeit der Befruchtung durch Samen des Ehemannes (homolog) oder eines Spenders (heterolog) oder gemischt.

Bei der künstlichen Befruchtung gibt es ferner die Möglichkeit „in vitro”, die extrakorporale Befruchtung, deren Ergebnis ein sogenanntes „Retortenbaby” ist. Schließlich hat man sich mit der Frage der „Leihmütter” oder „Mietmütter” auseinanderzusetzen. Da jedes siebente Ehepaar Fortpflanzungsschwierigkeiten hat und in einem Drittel der Fälle der ungewollten Kinderlosigkeit die Ursache in einem Samendefekt des Mannes liegt, scheint Herz-Kremenak der heterologen Insemination nicht abgeneigt.

In nicht wenigen Ländern gelte diese Art der Zeugung nicht mehr als Ehebruch, sondern sei bereits in das bestehende Rechtssystem eingebaut; der zustimmende Gatte ist der rechtliche Vater des Kindes. Die Debatte geht nun mehr darum, ob solche Kinder irgendwann einmal über ihre Herkunft aufgeklärt werden sollen, zumal später unter Umständen auch Erbfragen zu klären sind. Herz-Kremenak: „Es spricht viel dafür, heterologe Insemination als pränatale Adoption aufzufassen.”

Freilich weiß man nicht Bescheid über die psychologische Entwicklung solcher Kinder. Sorgfältige Auswahl der Samenspender (man erinnert sich der Samenbank von Nobelpreisträgern) und der Eltern sind zwar Voraussetzung, aber der Ruf nach dem Juristen ist unüberhörbar: Ist das Sperma das Geschenk eines Ehepaares mit Kindern oder ein kommerzielles Produkt?

Bei der extrakorporalen Befruchtung wird das Dilemma noch um einiges schärfer zu sehen sein: Denn diese Methode — ursprünglich entwickelt, um eine relativ häufige Ursache von Unfruchtbarkeit, die Blockierung der Tuben der Frau, zu beseitigen —erlaubt ja Manipulation am Embryo; es sind „Varianten möglich, die bis zu fünf Menschen in eine elterliche Beziehung zu dem Kind bringen können”.

Und bei allen Fragen und Problemen, die Herz-Kremenak anführte, schien auch ihr die Frage „Wann beginnt der Mensch?” die schwierigste ethische zu sein. Im Zwei-, Vier- oder Achtzellstadium? Und hat der Embryo dann die gleichen Rechtsansprüche wie der vollentwickelte Mensch? Und schließlich: da wegen besserer Resultate mehrere Eizellen gewonnen und befruchtet werden — was soll mit den überschüssigen Embryonen geschehen?

„Medizin und Wissenschaft haben Wege gefunden, aber ist das Machbare auch verantwortbar in den Konsequenzen?”, fragte Frau Herz-Kremenak am Schluß.

Hans Tuppy, der über Gentechnik und Gen-Ethik referierte, zerstreute Besorgnisse, daß Frankenstein schon demnächst drohe, ließ aber auch keinen Zweifel, daß der Mensch nicht Mensch geworden wäre im Laufe der Evolution, wenn er sich seines Forschungsdrangs begeben hätte. Verantwortung in der Forschung, Selbstkontrolle hält er für angezeigt und ausreichend, ohne daß man die Forscher etwa juridisch an die Kandare nimmt. Menschliches Leben ist ihm im frühesten Stadium als Person geläufig, er wendet sich gegen eugenische Tötung im pränatalen Abschnitt des Lebens.

Vor solcher Problematik nimmt sich bei entsprechender Gewichtung menschlichen Lebens die Modifizierung der „Urknall-Theorie”, wie sie Jürgen Ehlers vom Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in Garching und Jürgen Audretsch von der Universität Konstanz vorlegten, als unerhört interessante Sache aus, denn endlich weiß man wieder ein bißchen genauer, wie das vor 16 Müliarden Jahren mit unserem Universum zugegangen ist, als es entstand. Eine Schaffung aus dem Nichts? Woher die Kräfte? Diese Fragen sind freilich den Naturwissenschaftlern untersagt, wollen sie nicht ihre Seriosität aufs Spiel setzen.

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