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Plädoyer gegen den Machbarkeitswahn

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In ihrem Buch "Kind auf Bestellung" kritisiert Eva Maria Bachinger die schöne neue Welt der Fortpflanzungsmedizin.

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In ihrem Buch "Kind auf Bestellung" kritisiert Eva Maria Bachinger die schöne neue Welt der Fortpflanzungsmedizin.

Die vier Gebote der "Stammtischmoral" lauten nach dem deutschen Theologen und Ethiker Dietmar Mieth: "Erstens: das ist jetzt der Standard; zweitens: die anderen tun es auch; drittens: wenn ich es nicht tue, dann tut es ein anderer, und am Ende muss ich ihm das Ergebnis abkaufen; viertens: wenn es schon getan werden muss, dann soll es wenigstens technisch einwandfrei geschehen. Dies ist eine Form der Anpassung, in der die Moral keine Chance hat." Die österreichische Politik folgt heute also bestenfalls dieser "Stammtischmoral".

Tatsächlich haben in den letzten Monaten viele nachdenkliche Zeitgenossen über die Geschwindigkeit gestaunt, mit welcher die Liberalisierung der medizinisch-technisch assistierten Fortpflanzung in Österreich vonstatten ging: Die Legalisierung der Eizellspende für lesbische Paare, die Einführung der Präimplantationsdiagnostik und die in der Realität längst stattfindende Ausdehnung von In-Vitro-Fertilisation (Künstliche Befruchtung; IVF) über medizinisch indizierte Fälle hinaus, et cetera: All das schien weder den österreichischen Parlamentariern noch der breiten österreichischen Öffentlichkeit eine vertiefte Diskussion wert zu sein. Vielfach kritisiert wurde auch die österreichische Bioethik-Kommission, der vorgeworfen wurde, mit dem Projekt der Neuformulierung des österreichischen Fortpflanzungsmedizingesetzes lediglich die Lobby der Reproduktionsmedizin bedient zu haben.

Die mittlerweile ganz selbstverständlich gewordene Forderung nach Umsetzung auf das angebliche "Menschenrecht auf ein Kind" begegnet auch theologischen Ethikern in vielen Diskussionsrunden. Kaum jemand mehr stellt diese Forderung in Frage, und wenn es jemand tut, dann kommt sehr schnell die Antwort: "Natürlich, Ihr Religiösen habt ohnehin ein Problem mit technischem Fortschritt." Damit sind die Einwände anscheinend erledigt.

Naive Ahnungslosigkeit

Angesichts dieser Situation tut es gut, wenn einmal jemand widerspricht, dem es wirklich um die Sache selbst geht: Eva Maria Bachinger, geboren 1973, ist Journalistin und war jahrelang im Anti-Rassismusund Flüchtlingsbereich tätig. Mit ihrem Buch "Kind auf Bestellung" erhebt sie klar und deutlich Einspruch gegen den Machbarkeitswahn der Fortpflanzungstechnologie.

Über dem gesamten Buch steht das dringend notwendige Plädoyer, in der schönen neuen Welt der Reproduktionsmedizin endlich den Blick auf die Rechte und das Wohl der Person zu richten, die im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen müsste, nämlich das Kind selbst. Wo bleibt vor allem im Fall von Eizell- und Samenspende sein Recht auf Wissen um die eigene Herkunft, immerhin verbrieft durch Artikel 7 der Kinderrechtskonvention? Warum und wie soll man Kinder mit dem ungewöhnlichen Beginn ihrer Lebensgeschichte konfrontieren?

Adoptiveltern werden in einem jahrelangen Verfahren zu Recht auf solche Fragen vorbereitet. Ihnen ist bewusst, dass sie Verantwortung für ein Kind zu übernehmen haben, dessen Fremdheit in Aussehen oder Charakter eine Herausforderung für die gewohnten Bahnen darstellen kann. Wo bleibt eine solche Beratungspflicht für Paare, die Samen-,Eizellspende oder (im Ausland) Leihmutterschaft in Anspruch nehmen? Hier herrscht weitgehend naive Ahnungslosigkeit, von der Experten und Expertinnen in psychosozialen oder medizinischen Beratungsstellen ein langes Klagelied singen können. Psychologische Nachwirkungen von IVF-Behandlungen bei Müttern und Kindern sind längst in der wissenschaftlichen Literatur belegt -ganz zu schweigen von der Möglichkeit von Behinderungen, die nach wie vor nicht genügend erforscht ist.

Bachinger zeigt in ihrem Buch anhand vieler penibel recherchierter Fallbeispiele auf, was wirklich geschieht - und was im Gegensatz dazu in den österreichischen Medien gerne inszeniert wird: Auf der einen Seite die Babybäuche der 60-jährigen Rockstars in den Hochglanz-Illustrierten, auf der anderen Seite der soziale Druck auf unfreiwillig kinderlose Paare, denen angesichts geringer Geburtenraten in Europa "Sozialschmarotzertum" vorgeworfen wird.

Verschwiegene Schattenseite

Dort, wo reale Fälle gezeigt werden, ist Bachingers Buch am stärksten: Man begegnet russischen Leihmüttern und ihren schwulen Auftraggebern - bemerkenswerterweise ohne die sonst leider übliche Polemik gegen homosexuelle Paare; man begegnet dem Anwalt, der das Geschäft vermittelt; man liest von den viel beschworenen "selbstlosen" Eizellspenderinnen aus Osteuropa, für welche die österreichische Aufwandsentschädigung für die Eizellspende ein Vielfaches ihres Monatsgehalts bedeutet, womit sich das im Gesetz formulierte Kommerzialisierungsverbot in der Realität relativiert. Und man erfährt endlich einmal auch etwas über die Schattenseite der Fortpflanzungsmedizin, über die niemand sprechen will: Fetozid, die Tötung des ungeborenen Kindes mittels Herzstich im Falle von Mehrlingsschwangerschaften nach IVF; sowie der Umgang mit schwer behinderten Neugeborenen, die niemand haben möchte.

Ethische Experten und Expertinnen werden in Bachingers Buch keine neuen Argumente finden, und der polemische Stil vor allem der Anfangskapitel ist sicherlich nicht jedermanns Sache - ja, er könnte in der laufenden Diskussion sogar kontraproduktiv sein. Doch bedient Bachinger ganz im Gegensatz zu vielen sonstigen Stellungnahmen keine Klientel, und ihr Beitrag versteht sich durchaus überzeugend als unabhängig. Man muss nicht generell gegen die Technologien der Fortpflanzungsmedizin sein. Aber man sollte umgekehrt auch nicht die Augen verschließen vor dem, was hier auf eine ganze Generation samt ihren Eltern zukommt, die auf die Folgen der Liberalisierung weder ethisch noch psychologisch vorbereitet ist. Die Berufung auf das nicht existierende "Recht auf ein Kind" genügt in keinem Fall.

Kind auf Bestellung

Ein Plädoyer für klare Grenzen

Von Eva Maria Bachinger Deuticke im P. Zsolnay Verlag, Wien 2015.

256 Seiten, kart., € 20,50

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