Hart erkämpftes Glück

Maileen L. hat viel in Kauf genommen, um ihr eigenes Baby im Arm zu halten. Über die oft mühsamen, teuren und bedenklichen Wege zum ersehnten Kind.

"Die Warteschleife war wie immer. Mal war es zu ertragen und mal war ich nicht zu ertragen. Aber ich wusste ja, dass das normal war und ich nicht die Einzige, die so ein Gefühlschaos verspürte.“

Diese Eintragung steht gleich zu Beginn jenes sechs Jahre dauernden Prozesses, den die deutsche Krankenschwester Maileen L. auf sich genommen hat, um ein eigenes Baby zu bekommen. Es war eine Achterbahn der Gefühle zwischen Hoffnung, Enttäuschung und Verzweiflung, die sie in ihrem Tagebuch festgehalten und nun in einem Buch veröffentlicht hat. Vielsagender Titel dieses Werks, das vom Hamburger Fortpflanzungsmediziner Michael Ludwig umfangreich ergänzt und kommentiert worden ist: "Ich habe so lange auf Dich gewartet!“

Insgesamt 16 verschiedene Behandlungszyklen hat sich die 25-jährige Maileen zugemutet. Vor jedem einzelnen hat sie ihre Eizellen mit Hormonen stimuliert, indem sie sich Spritzen in die Bauchdecke injizierte und unzählige Medikamente schluckte, um die Erfolgsaussichten zu erhöhen. Das Ziel war immer klar vor Augen: endlich Mutter werden.

Die Sehnsucht nach einem eigenen Kind ist bei ungewollt kinderlosen Paare oft unbeschreiblich groß. Statistisch gesehen, besteht bei etwa jedem siebenten Paar in Österreich ein unerfüllter Kinderwunsch. Dies trifft nach Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO zu, wenn sich bei regelmäßigem, ungeschütztem Geschlechtsverkehr innerhalb eines Jahres keine Schwangerschaft eingestellt hat. Die Ursachen verteilen sich mit jeweils 30 bis 40 Prozent gleichermaßen auf Mann und Frau. Bei den restlichen Paaren liegen die Probleme an beiden Partnern - oder lassen sich einfach nicht diagnostizieren.

Was auf natürlichem Weg nicht möglich ist, versuchen viele Betroffene in der Folge auf künstlichem Weg: Etwa 5.000 Paare haben im Jahr 2010 versucht, mit Hilfe assistierter Fortpflanzung in einem der 27 Vertragszentren des österreichischen IVF-Fonds (siehe Kasten) ihren Traum vom Kind zu erfüllen. Rund 1000 Euro Selbstbehalt haben sie pro Behandlungszyklus bezahlt, wobei die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft derzeit zwischen 30 und 35 Prozent pro Versuch beträgt. Die restlichen Kosten, immerhin 70 Prozent, trägt der IVF-Fonds - freilich nur unter bestimmten Voraussetzungen und höchstens bis zum vierten Versuch.

Maileen L. ist deutlich weiter gegangen. Anfangs hat sie - wie viele andere Frauen in einer ähnlichen Situation - täglich morgens ihre Temperatur gemessen und dann zusätzlich Hormone eingenommen. Als diese Maßnahmen ohne Wirkung blieben, wurde ihr Partner vom Urologen eingehend untersucht. Aufgrund seiner eingeschränkten Spermienfunktion wurde eine In-vitro-Fertilisation (IVF) ausgeschlossen und eine Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI, siehe Kasten) vorgenommen. Insgesamt neun solcher Versuche ließ Maileen an sich geschehen - ohne schwanger zu werden.

Die psychische Belastung in dieser Zeit war enorm, doch das Verständnis ihrer Freunde wurde von Versuch zu Versuch geringer: "Anfangs hatte ich das Gefühl, dass alle interessiert zuhörten und mich auch fragten, wie es mir denn geht während der Behandlung“, schreibt Maileen in ihrem Buch. "Jedoch nach jedem weiteren fehlgeschlagenen Versuch schien es niemanden mehr zu interessieren, wie es mir ging. Eigentlich wollte ich auch nicht ständig darüber reden, aber auch wenn ich nicht bemitleidet werden wollte, habe ich doch ein wenig Trost und Zuspruch gesucht.“

Maileen und ihr Partner Stephan gaben die Hoffnung dennoch nicht auf. Der nächste Schritt war für sie der sogenannte "Kryozyklus“, bei dem auf eingefrorene Embryonen aus vorangegangenen ICSI-Versuchen zurückgegriffen wurde. Doch auch diese Variante blieb für die engagierte Krankenschwester ohne Erfolg.

Vater aus dem Katalog

Eine weitere Hoffnung, doch noch schwanger zu werden, eröffnete sich durch die Samenspende eines anderen Mannes. Maileen hielt in ihrem Tagebuch den Moment fest, in dem sie den ersehnten Brief von der Samenbank erhielt: "Ich riss ihn eilig auf und hielt einen Zettel mit sechs Spenderprofilen in der Hand. Dort wurden die jeweiligen Spender beschrieben mit Größe, Gewicht, Haarfarbe, Herkunft, Hobby, Job etc. ... Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man vor der Auswahl steht, einen, potentiellen‘ Vater für sein werdendes Kind suchen zu müssen. Es ging mir nicht gut dabei, Stephan ganz sicher auch nicht.“

Nach der siebenten heterologen Insemination (siehe Kasten) enden die Aufzeichnungen der jungen Frau: Sie ist endlich schwanger! Für welchen der Spender sie sich schlussendlich entschieden hat und wer der Vater ist, verrät sie den Leserinnen und Lesern nicht. Ebensowenig, ob sie dem Kind je die Geschichte seiner Zeugung und seines fremden, biologischen Vaters erzählen wird.

Verglichen mit Maileen L. war die Wienerin Angelika B. bei der Realisierung ihres Kinderwunsches mit mehr Glück gesegnet. "Schon beim zweiten IVF-Versuch hat es funktioniert“, erzählt die Mutter von sechsjährigen Zwillingen. "Davor hat es jahrelang auf natürlichem Weg nicht geklappt. Und dann war es ganz easy.“ Eine Samenspende hätte sich Angelika B. nicht vorstellen können, dann schon eher eine Adoption. "Die In-vitro-Fertilisation war eine tolle Hilfe der Medizin!“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. "Eine Schwangerschaft - zwei Kinder: perfekt!“

Genau diese unkritische Haltung vieler Paare (und Reproduktionsmediziner) gegenüber Mehrlingsschwangerschaften sorgt freilich in Österreich zunehmend für Debatten. Zum einen bringen solche Schwangerschaften Eltern nicht selten in die schwer verkraftbare Situation, sich im Rahmen einer "pränatalen Reduktion“ gegen einzelne Föten entscheiden zu müssen; andererseits steigt mit einer Mehrlingsschwangerschaft auch das Frühgeburtsrisiko. Mit einer Rate von 10,9 Prozent schneidet Österreich im internationalen Vergleich denkbar schlecht ab. Im Rahmen der geplanten Novelle des Fortpflanzungsmedizingesetzes wird deshalb die Einführung eines transparenten Qualitätsmanagements gefordert. Es soll endlich Auskunft geben über die Mehrlingsrate und den Zustand der Kinder nach assistierter Fortpflanzung - auch in privaten Instituten.

Sind IVF und ICSI - ungeachtet ihrer problematischen Implikationen - längst erprobte Methoden der Reproduktionsmedizin, so kommen ständig neue Möglichkeiten der "Kinderwunschbehandlung“ hinzu. Immer mehr unfruchtbare Paare sehen etwa in der Eizellspende die letzte Möglichkeit, ihren Traum vom eigenen Kind zu verwirklichen. "Das Kind, das die Frauen austragen, ist zwar genetisch nicht ihres, aber im Vergleich zu einer Adoption gibt es den Vorteil, dass sie die Schwangerschaft positiv beeinflussen können und eine Geburt erleben“, sagt die Wiener Gynäkologin Marion Rankine, die sich auf künstliche Befruchtung spezialisiert hat.

Doch die Eizellspende ist in Österreich verboten - wobei dies dem Recht des Einzelnen auf Familienplanung nicht widerspreche, wie die Große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in ihrem Urteil vom November 2011 festgestellt hat. "Wir haben deswegen Partnerinstitute, vor allem in den östlichen Nachbarländern, wo es die gesetzlichen Möglichkeiten der Eizellspende gibt“, erklärt Marion Rankine. "Die Eltern haben auch kein Problem damit, dass die Spenderinnen tschechische, slowakische oder rumänische Frauen sind.“ Wichtig sei nur eine gewisse physische Ähnlichkeit, denn ein Kind auszutragen, das aus dem Samen des Partners und der Eizelle einer anderen Frau entstanden ist, sei nach wie vor ein Tabu.

Verschwiegene Mütter

Doch was ist mit den Spenderinnen? Die wirtschaftliche Not von Frauen auszunutzen, die ihre Eizellen gegen eine "Aufwandsentschädigung“ zur Verfügung stellen, ist ein zentraler Kritikpunkt der Gegner dieser Methode. Sie widerspreche zudem dem Recht jedes Menschen auf Kenntnis der eigenen Abstammung. Kinder, die mithilfe anonymer Eizellspende gezeugt würden, hätten keine Möglichkeit, die Identität ihrer genetischen Mutter zu erfahren - im Gegensatz zur Samenspende, wo Jugendliche ab dem 14. Lebensjahr Einsicht in entsprechende Datenbanken nehmen könnten.

Die Frage, in welchen Fällen der Staat dem Wunsch ungewollt kinderloser Menschen nach assistierter Fortpflanzung nachkommen soll und in welchen nicht, wird die Öffentlichkeit auch weiterhin beschäftigen. Erst jüngst wurde in Österreich auch über die Zulassung reproduktionsmedizinischer Methoden für lesbische Paare und alleinstehende Frauen debattiert. 19 von 25 Mitglieder der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt haben in einer Empfehlung an den Verfassungsgerichtshof erklärt, dass die Beschränkung dieser Techniken auf verschiedengeschlechtliche Paare unzulässig sei. "Die Frage ist: Wo fängt man an und wo hört man auf?“, ist sich Marion Rankine der Problematik bewusst. "Es ist schwierig, einfach die Stopptaste zu drücken und zu sagen: Hier machen wir nicht mehr weiter!“

Denn die große Sehnsucht vieler unfruchtbarer Paare bleibt. Es sind Betroffene, die manchmal bis zum Äußersten gehen - wie Maileen L., die heute endlich ihr Baby im Arm halten kann. Wie es ihr in ihrer hart erkämpften Mutterschaft tatsächlich geht, ist eine andere Geschichte. Vielleicht wird sie irgendwann einmal in einem zweiten Buch davon berichten.

Häufigkeit

Bei jedem siebenten Paar in Österreich besteht ein unerfüllter Kinderwunsch. Die Ursachen verteilen sich mit je 30 bis 40 Prozent gleichermaßen auf Mann und Frau. In den restlichen Fällen liegt es an beiden - oder die Ursache bleibt unklar.

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