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"Jede Frau muss selbst entscheiden"

Als Gynäkologin am Salzburger LKH kennt sie die bioethischen Dilemmata nicht nur aus der Theorie, sondern aus der alltäglichen Arbeit: Barbara Maier, Mitglied der Bioethikkommission und Referentin bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen, über den Salzburger Abtreibungsstreit, die Präimplantationsdiagnostik (PID) und die Adoption von Embryonen.

Die Furche: Sie sind Gynäkologin am LKH Salzburg, studierte Theologin und Mitglied der Bioethikkommission des Bundeskanzlers. Wie haben Sie die Debatte über Abtreibungen in Salzburger Landesspitälern erlebt?

Barbara Maier: Diese Diskussion ist zeitweise mehr politisch motiviert als an der Sache orientiert. Meine Einstellung als Frau und Frauenärztin ist, dass jede Frau das Recht haben soll zu entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft austragen kann oder nicht.

Die Furche: Tatsache ist, dass Abtreibung in Österreich nicht erlaubt, sondern nur straffrei ist. Soll der Staat die Ressourcen zu einer prinzipiell verbotenen Handlung liefern müssen?

Maier: In diesem Fall ja. Es ist verwunderlich, dass es in Salzburg nicht Regelungen wie etwa in Wien geben kann. Hier in Salzburg scheint eine gewisse Moral Platz zu greifen, die aus meiner Sicht zu hinterfragen wäre.

Die Furche: Nicht nur Abtreibung, auch bioethische Fragen betreffen Frauen in besonderer Weise. Umso bemerkenswerter ist der Umstand, dass die vier weiblichen Mitglieder der Bioethikkommission - wie zuletzt in der Stellungnahme zur Präimplantationsdiagnostik (PID) - durchgängig liberale Positionen vertreten...

Maier: Ich möchte Bioethik nicht generell zu einem Gender-Thema werden lassen. Aber ich denke schon, dass durch die mögliche Betroffenheit und durch die Solidarität mit anderen Frauen vielleicht ein anderer Zugang gefunden werden kann. Viele Fragen werden aber von etlichen Männern in der Bioethikkommission ganz ähnlich gesehen.

Die Furche: Andererseits gibt es in der Bioethik eine neue Allianz zwischen Lebensschützern und Feministinnen, die vor einer Instrumentalisierung von Frauen warnen...

Maier: Diese Allianz von radikaleren Feministinnen mit konservativer eingestellten Personen verwundert mich nur teilweise. Aus reproduktionsmedizinischer Perspektive muss man aber feststellen, dass sich sehr viele Interventionen im und am Körper der Frau abspielen und sie diese auch psychisch bewältigen muss. Insofern ist die Sorge, inwiefern Frauen in biotechnologische Verfahren verwickelt werden, durchaus berechtigt.

Die Furche: Zurück zur PID: Sie haben sich der Mehrheitsmeinung angeschlossen und eine beschränkte Zulassung gefordert. In welchen Fällen?

Maier: Als Frauenärztin kenne ich doch einige Paare, die auf Grund einer genetischen Disposition Kinder verloren oder Kinder mit schweren Erkrankungen bekommen haben - und die vor der Entscheidung stehen, ob sie noch einmal eine Schwangerschaft wagen sollen. Für solche Paare wäre die Inanspruchnahme von Präimplantationsdiagnostik sicher eine große Erleichterung in ihren Entscheidungen. Denkbar wäre der Einsatz der PID für mich etwa bei schweren genetischen Erkrankungen, die zum Teil zum Tode führen oder einen sehr intensiven Leidensprozess verursachen.

Die Furche: Es gibt Befürchtungen, dass dadurch Menschen mit solchen Behinderungen implizit das Lebensrecht abgesprochen wird...

Maier: Ich habe sehr viele Kontakte zu Eltern von betroffenen Kindern. Hier gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Manche Eltern sagen: Ich würde mir wünschen, eine solche Entscheidungsmöglichkeit zur PID gehabt zu haben. Andere sehen darin aber auch die Möglichkeit eines Solidaritätsverlustes. Beide Meinungen sind ernst zu nehmen. Ich möchte aber davor warnen, betroffenen Eltern auf Grund von Angst vor mangelnder Fürsorge für bereits lebende Kinder die Entscheidungsfähigkeit zu nehmen.

Die Furche: Wer sollte beurteilen, ob in einem konkreten Fall eine PID erlaubt sein soll oder nicht?

Maier: Ich würde mir die Einrichtung eines Ethik-Gremiums nach englischem Vorbild wünschen, wo von Fall zu Fall entschieden wird, wo die Durchführung der PID beobachtet und der ethische Impact untersucht wird.

Die Furche: A propos Großbritannien: Dort wurde jüngst die PID auch für Fälle zugelassen, wo ein Kind als Stammzellspender für ein krankes Geschwisterkind gezeugt werden soll...

Maier: Hier gibt es natürlich einen Widerspruch zur Selbstzweckhaftigkeit des Menschen. Allerdings kann die Entscheidung zu einem solchen Schritt auch sehr nachvollziehbar sein. Betroffene Eltern in den USA sagen jedenfalls, dass sie dieses Kind mit genau derselben Liebe annehmen wie jedes andere Kind.

Die Furche: Sie sind auch für die Zulassung der embryonalen Stammzellforschung. Dabei werden Embryonen, die im Zuge einer In-vitro-Fertilisation entstanden sind, vernichtet. Ab welchem Zeitpunkt der Entwicklung sprechen Sie einem Embryo Lebensrecht bzw. Personstatus zu?

Maier: Die Behauptung, es sei bereits eine Person vorhanden, wenn die Samenzelle die Eizelle penetriert, ist eine Zuschreibung, die den biologischen Fakten nicht standhält. Nach der deutschen Biologin Christiane Nüsslein-Volhard ist es vorurteilsbehaftet, zu meinen, dass sich die Entwicklung des Menschen kontinuierlich vollzieht. Zuerst kommt es zur Befruchtung und zur Entwicklung hin zur Blastozyste. Der zweite Schritt, die eigentliche Embryogenese, vollzieht sich nach der Einnistung in die Gebärmutter nach dem fünften Tag. Hier hat die Entwicklung eine andere Dimension erreicht.

Die Furche: Allerdings trägt schon ein früher Embryo das Potenzial in sich, ein Mensch zu werden: Jeder von uns war einmal eine Blastozyste...

Maier: Ein Embryo wird nicht sagen können: Ich bin einmal Barbara Maier. Aber ein Mensch kann sagen: Ich war einmal eine Blastozyste. Hier finde ich es wichtig, das Werden, die Geschichte wirklich anzunehmen und sie nicht von hinten aufzurollen.

Die Furche: Eine Möglichkeit, mit "überzähligen" Embryonen umzugehen, ist die Embryonen-Adoption. Was halten Sie davon?

Maier: Ich weiß aus Großbritannien, dass das nicht sehr gewünscht wird. Paare, die ein "eigenes" Kind haben möchten, wollen eher die Samen- oder Eizellspende in Anspruch nehmen als eine Embryonenspende. Es hat sich auch gezeigt, dass es nach dem Auftauen der Embryonen Probleme gab, jene Paare zu finden, die diese Embryonen "verlassen" haben. Ich halte es auch für problematisch, hier von einer Adoption zu sprechen. Wir adoptieren Kinder. Embryonen werden transplantiert.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

Eine Frau zwischen den Disziplinen

Barbara Maier ist ein neugieriger Mensch. Wie sonst ist es zu erklären, dass sie nach dem Studium von Russisch, Geschichte und katholischer Theologie an der Universität Wien noch ein Medizinstudium begann? Heute kommt der 47-jährigen Gynäkologin die Lust an der interdisziplinären Zusammenschau zugute: Seit 2003 ist Maier Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik in Gynäkologie und Geburtshilfe. Zwei Jahre länger, nämlich seit 2001 - sitzt sie als eine von vier Frauen in der 19-köpfigen Bioethikkommission des Bundeskanzlers. Der geringe Frauenanteil ist auch einer ihrer größten Kritikpunkte an diesem Gremium. Weniger Sorgen macht der Mutter einer 18-jährigen Tochter die Tatsache, dass die Kommission stets zwei unterschiedliche Stellungnahmen abgibt (im Fall der PID sprachen sich zwölf Mitglieder für eine beschränkte Zulassung aus, sieben forderten eine Beibehaltung der derzeitigen Gesetzeslage, welche die PID de facto verbietet): "Ich halte es für problematisch, in ethischen Fragen einen Konsens zu erwarten", so Maier. "Unser Dissens ist mit Argumenten ausgeführt. Auch laienhaft interessierte Menschen können diese Argumente nachvollziehen und entscheiden, welche für sie einsichtiger sind." Die Positionen der katholischen Kirche empfindet die studierte Theologin dabei als "große Herausforderung": "Gewisse Realisierungen von Prinzipien ohne Folgenabschätzung muss man kritisch betrachten."

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