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Das globale Mosaik der Babyindustrie

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Eizellspende, Leihmutter oder künstlicher Uterus? Der Dokumentarfilm "Future Baby" gewährt Einblicke in die schöne neue Fortpflanzungswelt.

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Eizellspende, Leihmutter oder künstlicher Uterus? Der Dokumentarfilm "Future Baby" gewährt Einblicke in die schöne neue Fortpflanzungswelt.

Eigentlich ist die Costa Blanca ein Tourismusmagnet. Weiße Sandstrände und ein azurblaues Meer bieten Gästen aus dem Norden die wichtigsten Ingredienzen für ihren Traumurlaub. Doch Carol Ann und Norbert Utz aus Deutschland sind wegen einer ganz anderen Sehnsucht in die spanische Provinz Alicante gekommen. Nervös und angespannt sitzen sie im Behandlungszimmer des Instituts "IVF Spain" und hören zu, wie Dr. Jon Aizpurua die Fakten rekapituliert: das Hormonprofil der 49-Jährigen, das auf eine "verschwundene bis verschwindende Ovarialreserve" hindeutet; die aufwändige Hormonbehandlung, der sich eine junge Eizellspenderin unterziehen muss; und die komplizierte Zyklus-Synchronisation, die notwendig ist, damit sich die befruchtete fremde Eizelle in der Gebärmutter der Empfängerin einnistet.

Kurz wischt sich Carol Ann Utz eine Träne von der Wange, doch ihr Entschluss steht fest. Seit sie 30 Jahre alt war, wünscht sich die gebürtige Kanadierin ein Kind. Nun, da ihre biologische Uhr schon zu ticken aufgehört hat, will sich das Paar diesen Wunsch durch die Eizellen einer unbekannten Spanierin erfüllen. In ihrer Heimat Deutschland sind Eizellspenden grundsätzlich verboten; in Österreich wurden durch das Verbot der Anonymität sowie finanzieller Vergütung und Bewerbung enge Grenzen gezogen - doch hier in Spanien ist alles möglich. Auch die hohen Kosten sind kein Hindernis: "Wir haben gerade den Kredit für unsere Küche abbezahlt", sagt Carol Ann Utz in die Kamera. "Jetzt können wir einen neuen Kredit aufnehmen und ein Kind anschaffen."

Die "andere Seite" ins Bild bringen

Seit 1978 das erste Retortenbaby geboren wurde, hat sich die Reproduktionsmedizin zu einem Feld der unbegrenzten Möglichkeiten entwickelt. Mehr als fünf Millionen Kinder sind seither durch künstlich assistierte Fortpflanzung entstanden, Eizell-und Samenspenden, Leihmütter und Genchecks an Embryonen sind vielerorts schon Routine. Kann es sein, dass Reproduktion auf natürlichem Weg bald schon nicht mehr gut genug sein wird?

Getrieben von dieser Frage hat sich die Wiener Dokumentarfilmemacherin Maria Arlamovsky auf die Reise gemacht. Drei Jahre lang hat sie recherchiert und von Spanien bis Mexiko, von Tschechien bis in die USA ungewollt kinderlose Paare, Forscher und Visionäre getroffen -aber auch jene befragt, deren Situation im öffentlichen Diskurs kaum beleuchtet wird: Eizellspenderinnen, die für Geld ihre Gesundheit riskieren; Frauen, die aus schierer Not ihre Gebärmutter verleihen; und Kinder, denen durch eine anonyme Keimzellenspende das Menschenrecht auf Kenntnis ihrer Wurzeln genommen wird.

Sie alle sind Teil jenes Panoptikums menschlicher Machbarkeit, das Arlamovskys Dokumentarfilm "Future Baby" ab nächster Woche in den österreichischen Kinos entfaltet. Auf eigene Wertungen hat die Regisseurin dabei bewusst verzichtet. Ihr geht es darum, die verschiedenen Aspekte technisch assistierter Fortpflanzung zu einem Bild zusammenzuführen und dadurch eine längst überfällige Debatte anzustoßen: Wie weit wollen wir beim Wunsch nach eigenen Kindern tatsächlich gehen?

Unfruchtbarkeit als größtes Tabu

Betroffene Paare sind bei der Beantwortung dieser Frage meist auf sich allein gestellt - zu groß ist das Tabu, mit dem das Thema Unfruchtbarkeit noch immer behaftet ist. Auch Maria Arlamovsky, die sich in ihren Dokumentarfilmen stets mit dem weiblichen Körper und dem Trend zur totalen Medikalisierung des Lebens auseinandergesetzt hat, musste im Zuge ihrer Recherchen diese Erfahrung machen: "Ich habe davor zum Thema sexueller Missbrauch gearbeitet", erzählt sie im FURCHE-Gespräch. "Es war wesentlich leichter, Menschen zu finden, die darüber sprechen, als Leute, die über ihre eigene Unfruchtbarkeit reden." Doch die 51-Jährige blieb hartnäckig -und rückte neben der Frauen-auch die Kinderperspektive in den Fokus: Als Mutter zweier leiblicher Kinder, eines Adoptiv-und zweier Pflegekinder war sie schließlich selbst intensiv mit Fragen der Identitätsbildung und Eltern-Kind-Bindung konfrontiert.

In den Laboratorien der globalen Wunschbabyindustrie stehen mögliche psychische Nebenwirkungen freilich nicht auf dem Tapet. Gemacht wird, was gemacht werden darf, wie Arlamovskys Tour d'horizon beweist: anonyme Eizellspenden in Alicante und Prag, "Family Balancing", also bewusste Geschlechts-Selektion, in Los Angeles, umfassende Genchecks bei Embryonen in Barcelona (weil man "in entwickelten Gesellschaften nicht mehr tolerieren muss, dass Kinder mit einer Krankheit geboren werden") oder Befruchtungen durch den Samen Verstorbener in Tel Aviv. "Die ganzen historischen Strukturen -Vater, Mutter, Kind - sind längst hinter uns", ist Jaron Rabinovici vom Sheba Medical Center überzeugt. "Samen aus Israel, Eizellen aus Südafrika und zwei Leihmütter aus Thailand, die dort drei Kinder aus dieser Kombination austragen: Das alles wäre vor zehn Jahren noch Science-Fiction gewesen."

Heute ist es eine Praxis, die im mexikanischen Bundesstaat Tobasco schon vergleichsweise wohlfeil zu haben ist. Um 60.000 Dollar können US-Amerikaner hier ihr künftiges Baby von einer Leihmutter austragen lassen; etwa 13.000 Dollar bleibt ihr dabei selbst. Eine von ihnen hat Maria Arlamovsky begleitet: bei den Ultraschall-Untersuchungen, die die künftigen Eltern per Skype mitverfolgen; beim Spazierengehen mit ihrer kleinen Tochter, vor der sie ihren Babybauch verbirgt; und bei der Geburt per Kaiserschnitt, die das fremde Elternpaar mit Handy und Fotoapparat dokumentiert. Als ihnen das Neugeborene, dessen mütterliche Gene von einem brasilianischen Model stammen, in die Hand gedrückt wird, reagieren sie denkbar ungelenk. Erst als das kleine Bündel wieder in die Nähe der Leihmutter kommt, wird es ruhig. "Dieser winzige Moment, in dem das Kind Bindungsanschluss sucht, hat mich schockiert", erzählt Maria Arlamovsky.

Aber vielleicht sieht die Zukunft der menschlichen Fortpflanzung ja ohnehin ganz anders aus: Vielleicht werden Embryonen schon bald in künstlichen Gebärmüttern heranwachsen. Was das für unser Konzept von Mutterschaft bedeutet, wird von der Bioethikerin Anna Smajdor von der University of East Anglia längst reflektiert. Andere wie Carl Djerassi, der 2015 verstorbene Entwickler der "Pille", sehen eher im "Social Egg Freezing" die Zukunft: "Wenn ich Carla Djerassi wäre, ich würde mit 23 Jahren meine Eizellen einfrieren und mich sterilisieren lassen, dann studieren und mit 37 Jahren mein eigenes, junges Ei gebrauchen", erklärte er im Film.

Kinderrechte als Angelpunkt

Doch ein solches Lebenskonzept hat auch seine Tücken. Familie Soman aus New Rochelle in den USA hätte mit ihren Drillingen, die von einer mexikanischen Leihmutter ausgetragen wurden, eigentlich rundum glücklich sein sollen. Tatsächlich ist die 46-jährige Mutter Vanessa nur noch müde und erschöpft. Für Maria Arlamovsky eine Schlüsselszene: "Warum lassen sich Frauen heute einreden, das Kinderkriegen immer weiter zu verschieben -statt auf adäquate Krippenplätze und bessere Arbeitsmodelle zu pochen?" Bloße Verbote sind für sie jedenfalls keine taugliche Antwort auf das boomende Wunschbaby-Geschäft -die Folge wäre nur ein Abwandern des Fortpflanzungstourismus in die Illegalität. "Ich glaube, der Angelpunkt muss das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung sein", ist sie überzeugt. Wenn darüber - auch in Österreich -verstärkt diskutiert würde, hätte der Film sein Ziel erreicht.

Future Baby A 2016. Regie/Drehbuch: Maria Arlamovsky. Filmladen. 90 Min. Ab 15.4. im Kino

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