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Abtreibung: Gemeinsamer Nenner fehlt

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Rockenschaub-Artikel (Nr. 17) fragten wir Staatssekretärin Dohnal: Was tut denn der Staat gegen Abtreibungen? Ihr heutiger Beitrag erklärt nicht, warum sie nicht zurückgehen. Auch Grit Ebner geht nicht auf alle Rok-kenschaub-Argumente ein. Die Diskussion wird fortgeführt.

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Rockenschaub-Artikel (Nr. 17) fragten wir Staatssekretärin Dohnal: Was tut denn der Staat gegen Abtreibungen? Ihr heutiger Beitrag erklärt nicht, warum sie nicht zurückgehen. Auch Grit Ebner geht nicht auf alle Rok-kenschaub-Argumente ein. Die Diskussion wird fortgeführt.

Die Überbewertung des Strafrechts, auf das man sich allzulange 'und allzusehr verlassen hat, hat bisher nur dazu geführt, daß positive und wirksame soziale Maßnahmen vernachlässigt worden sind", schrieb Bundeskanzler Kreisky bereits 1973 zum Thema Schwangerschaftsabbruch an Kardinal König.

Die Häufigkeit der Durchführung des Schwangerschaftsabbruchs hat in der Tat nichts mit Gesetzlichkeit oder Ungesetzlichkeit des Eingriffs zu tun, sondern damit, ob die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für unge-plant schwangere Frauen so sind, daß sie die Schwangerschaft sozusagen im nachhinein noch als erwünscht akzeptieren können.

Diese Einsicht führte zu flankierenden Maßnahmen zur Fristenlösung:

1. Maßnahmen zur materiellen Förderung von Kindern und Alleinerziehern: Seit 1970 wurde Schritt für Schritt die staatliche Förderung von Kindern so gestaltet, daß jedes Kind gleich gefördert wird. Stand zu diesem Zeitpunkt noch eine relativ niedrige direkte Beihilfe einem Steuerfreibetrag gegenüber, den vor allem Familien mit hohem Einkommen optimal nutzen konnten, so wurde zunächst die direkte Beihilfe angehoben, 1973 der Steuerfreibetrag in einen Absetzbetrag umgewandelt und 1978 schließlich die Kombination einer Steuerbegünstigung und einer direkten Beihilfe aufgehoben und der gesamte Betrag in einer direkten Beihilfe ausbezahlt.

Seit 1974 erhalten alleinstehende Mütter ein um 50 Prozent höheres Karenzurlaubsgeld. Dies soll ihnen ermöglichen, den Karenzurlaub auch wirklich in Anspruch zu nehmen. Außerdem haben sie die Möglichkeit, anschließend bis zum dritten Lebensjahr des Kindes Sondernotstandshilfe zu beziehen, wenn sie wegen der Betreuung des Kindes ihre Berufstätigkeit nicht wiederaufnehmen können. Gerade diese Maßnahmen werden in den letzten Monaten immer wieder angegriffen und dafür verantwortlich gemacht, daß die Rate der unehelichen Geburten steigt.

Ich möchte eindeutig festhalten, diese Maßnahmen wurden als flankierende Maßnahmen zur Fristenregelung einstimmig im Parlament verabschiedet. Wer nun dagegen ist, daß unverheiratete Mütter bessere Bedingungen vorfinden, muß sagen, was er als Alternative will. Die Studien legen den Schluß nahe, daß Frauen in dieser Situation den Schwangerschaftsabbruch als einzige Alternative sehen, und zwar egal, ob er legal ist oder illegal.

1976 trat als weitere Hilfe für Alleinerzieher das Unterhaltsvorschußgesetz in Kraft, 1982 wurde schließlich der Alleinerhalterab-setzbetrag eingeführt.

2. Maßnahmen zur Aufklärung über Empfängnisverhütung:

Bereits 1970 wurde vom Unterrichtsministerium ein Grundsatzerlaß über Sexualerziehung herausgegeben, der 1974 durch einen inhaltlichen Erlaß ergänzt wurde.

Seit 1974 werden aus Bundesmitteln Familienberatungsstellen gefördert, was zur enormen Steigerung von zehn auf derzeit über ISO Beratungsstellen in allen Teilen Österreichs geführt hat. Ergänzt werden diese Maßnahmen durch Öffentlichkeitsarbeit (Broschüren und Filme) über Empfängnisverhütung.

Was ist noch zu tun?

Wie aus dieser kurzen Ubersicht klar wird, hat die Bundesregierung eine ganze Palette von Maßnahmen gesetzt, um Schwangerschaftsabbrüche möglichst zu vermeiden. Es ist aber keine Frage, daß alle angeführten Maßnahme* noch verstärkt werden könnten. Aktivitäten zur Vermeidung ungeplanter Schwangerschaften,aber auch zur stärkeren gesellschaftlichen Anerkennung alleinstehender Mütter und ihrer Kinder, sollten von allen gesellschaftlich relevanten Institutionen gesetzt werden.

Die Grundlage, dieses Problem öffentlich zu machen und ihm entsprechend zu begegnen, ist aber, daß die Straffreiheit gewahrt bleibt und ist ferner, daß endlich der legale Schwangerschaftsabbruch in allen öffentlichen Spitälern durchgeführt wird. Das ist nämlich die einzige Möglichkeit, um gegen jene Geschäftsmacher anzugehen, die derzeit an der Notsituation der Frauen verdienen.

Jeder, der verhindert, daß in den öffentlichen Spitälern legale Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden, macht sich mitschuldig an der Ausbeutung der Frauen und daran, daß es nicht möglich ist, Frauen zumindest nach einem erfolgten Schwangerschaftsabbruch über Verhütung entsprechend zu informieren.

Es fällt auf, daß Dozent Rok-kenschaub (FURCHE 17/ 1982) wiederholt „hüben und drüben" attackiert und deutlich zu erkennen gibt, daß er mit der derzeitigen Lage, an deren Herbeiführung er wesentlich mitgewirkt

hat, nicht einverstanden ist. Zumindest das also haben wir gemeinsam, und mit dieser Unzufriedenheit hebt er sich weit hinaus über seine Kampfgenossen von ehedem. Diese (und damit meine ich die Politiker) tun bis heute so, als habe sich seit der Einführung der Fristenregelung und allem was dazu gehört, alles zum Guten gewendet.

Ich weiß nicht. Was oder wen Rockenschaub meint, wenn er davon spricht, daß die Aussichten auf Änderung schlecht sind, „solange sonst nichts geschieht, als daß man sich unverbindlich um Paragraphen balgt". Hingegen weiß ich, daß viele Vorschläge, von denen nicht ein einziger mit dem Strafgesetz zu tun hatte (etwa Trennung zwischen Beratung und Durchführung der Abtreibung, Beschränkung auf Fachärzte für Frauenheilkunde, statistische Erhebungen), seitens der Regierung niemals ernstlich erwogen, geschweige denn verwirklicht wurden.

Der zweite massive Vorwurf ist der, daß eigentlich die Kirche an den — von Rockenschaub geschätzten — hohen Abtreibungsziffern schuld sei, weil „der Papst die wirksamen Verhütungsmethoden diskreditiert".

Zwar ist es ein offenes Geheimnis, daß viele Katholiken Schwierigkeiten haben, dem Papst in seiner generellen Ansicht über empfängnisverhütende Mittel zu folgen, aber das Problem derart zu vereinfachen, scheint mir unzulässig. Genau so gut könnte man sagen, alle Verkehrstoten seien darauf zurückzuführen, daß ein Autofahrerklub auf der Beibehaltung der Gelbphase bei den Verkehrsampeln besteht.

Wäre Abtreibung sozusagen ein katholisches Problem, müßte es ja auch auf katholische Länder beschränkt sein. Die Vereinigten Staaten von Amerika (vorwiegend protestantisch), Japan (Schintoismus, Buddhismus), Ostblockstaaten (große Teile areligiös) haben mit uns jedoch nicht den Grad an Katholizismus gemein, wohl aber die hohen Abtreibungsquoten.

Die Kirche und ihr nahestehende Gruppen haben — das wird wohl niemand bestreiten — stets klar gemacht, daß ungeborene Kinder auch Menschen sind, geschaffen als Ebenbilder Gottes.

Anstatt eine Aufklärungskampagne in Richtung „Achtung, das ist ein Mitmensch" zu unterstützen, wurde seitens jener, die für die Fristenlösung eintraten, jedoch eine Verdummungskampa-gne geführt. Sie hat zweifellos mit dazu beigetragen, die Motivation zur Anwendung empfängnisverhütender Mittel zu beeinträchtigen.

Es ist aber auch falsch, die Vorstellung zu erwecken, entschlösse man sich prinzipiell zur Empfängnisregelung, gäbe es weder Probleme mit dieser noch mit un-geplanten Schwangerschaften. Beides stimmt nicht. Den Stein der Weisen betreffend Empfängnisverhütung gibt es nicht, denn Sexualität ist eingebunden in die Gesamtpersönlichkeit.

Weil Sexualität sehr stark mit der geistigen Dimension des Menschen zu tun hat, sagt die Kirche: Wer nur auf der körperlichen Ebene agiert, der wird, auf Dauer gesehen, verletzt. Das scheint mir Quintessenz der zurückhaltenden Meinung der Kirche zur Empfängnisverhütung zu sein. Daß es nicht genügt, jungen Menschen mit Erreichung der Pubertät irgend ein Verhütungsmittel in die Hand zu drücken, darüber sind sich doch eigentlich alle klar.

Es ist aber andererseits auch nichts damit getan, sich gegenseitig Schuld aufzurechnen. Lohnender ist es, einem erstrebten Ziel entgegenzuarbeiten, und dieses sieht meiner Meinung nach folgendermaßen aus:

• Einsicht in die Tatsache, daß Sexualität und Kinder miteinander in ursächlichem Zusammenhang stehen, woraus sich ein verantwortungsvoller Umgang damit (dem Alter, den Lebensumständen und der Persönlichkeit des Menschen gemäß) ergeben sollte;

• Einsicht in die Tatsache, daß auch jene Kinder, die im Schoß ihrer Mutter oder einer anderen Frau oder einer Retorte heranwachsen, unsere Mitmenschen sind, für deren Leben wir allesamt Verantwortung tragen;

• Einsicht in die Tatsache, daß wir unseren Kindern eine möglichst schöne, positive Welt hinterlassen wollen, in der sie selbst noch Spielraum zur Gestaltung haben; kurzum eine Welt, in der sie gerne leben.

Zu tun gäbe es wirklich genug.

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