Digital In Arbeit

Grundrechte, auch in der Kirche

1945 1960 1980 2000 2020

In vielen Bereichen gibt es gemeinsame Anliegen. Die Geister scheiden sich beim Thema "Grundrechte in der Kirche".

1945 1960 1980 2000 2020

In vielen Bereichen gibt es gemeinsame Anliegen. Die Geister scheiden sich beim Thema "Grundrechte in der Kirche".

Die Grünen haben nicht die Absicht, sich in innerkirchliche Vorgänge einzumischen, wohl aber werden sie, da die katholische Kirche eine wichtige Kraft in unserer Gesellschaft darstellt, die Vorgänge in der Kirche aufmerksam verfolgen und ihre Meinung dazu kundtun. Umgekehrt erwarten wir von der Kirche, daß sie zu allen demokratisch legitimierten Parteien ein offenes Verhältnis pflegt und keiner Partei ein exklusives Vertretungsrecht christlicher Anliegen zuspricht.

Mensch und Umwelt Der große Themenkomplex Mensch und Umwelt, oder christlich gesprochen Mensch und Schöpfung, stand am Anfang und steht nach wie vor im Zentrum grüner Politik. Das Spannungsfeld zwischen der Bewahrung der sogenannten Umwelt und ihrer Gestaltung durch die menschlichen Gesellschaften, die Erkenntnis, daß gestaltende menschliche Eingriffe ökologische Kreisläufe beachten müssen, führten zur Entstehung der Grünbewegung und zur Gründung grüner Parteien. Obwohl die Einsicht in die Notwendigkeit der Bewahrung ökologischer Kreisläufe mittlerweile nahezu zum politischen Gemeinplatz geworden ist, ist eine Trendumkehr bei jenen Faktoren, die die Lebensvoraussetzungen, wie etwa das Klima auf der Erde, bestimmen, nach wie vor nicht erkennbar. Dies obwohl die Anzeichen und Vorboten gewaltiger ökologischer Krisen unübersehbar sind.

Oftmals wird in diesem Zusammenhang dem Christentum der Vorwurf gemacht, daß das Bibelwort "macht Euch die Erde untertan" eine geistige Grundlage der ökologischen Fehlentwicklungen darstelle. Unbestreitbar daran ist, daß Francis Bacon, einer der Gründerväter der neuzeitlichen Wissenschaft, die Herrschaft des Menschen über die Natur, also die Ausbeutung der Umwelt, im Rückgriff auf diesen Bibelspruch legitimiert hat. Das zeigt, daß die christliche Botschaft diesen Herrschaftsauftrag zuläßt, und daß die Bibel eine der geistigen Quellen dieses Auftrages ist. Allerdings sehe ich auch, daß die Interpretation und die Gewichtung einzelner Passagen auch von christlichen Texten im Zusammenhang mit der Entwicklung der Gesellschaft und Wirtschaft gesehen werden muß. Die eigentliche Wirkung dieser Herrschaftsaufforderung entfaltete sich in vollem Umfang nämlich erst am Beginn der Neuzeit mit dem Aufkommen der heutigen Naturwissenschaft und des mechanistischen Naturbegriffes. Und in der Bibel findet sich auch eine andere Einstellung zur Natur. So steht in Genesis 2,15 "Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und bewahre", was man als ökologischen Auftrag deuten könnte.

Der biblische Auftrag, sich die Erde untertan zu machen, wird heute wieder neu diskutiert. Auch in der Theologie wird eine intensive Debatte über die "Bewahrung der Schöpfung" im Einklang mit dem Gestaltungsauftrag an die menschlichen Gesellschaften geführt. Ein Paradigmenwechsel in Richtung des oben zitierten Satzes aus Genesis, der eine naturbewahrende Absicht ausdrückt, wäre durchaus wünschenswert. Hier ergäben sich mannigfaltige Berührungspunkte zwischen der Kirche und den Grünen. Der Widerspruch zwischen der Einsicht in das Notwendige einerseits, und den realen politischen Entscheidungen andererseits, wurde von der Grünbewegung seit ihren Anfängen thematisiert; er müßte wohl auch von den Kirchen stärker aufgegriffen werden, denn die kirchliche Stimme war in diesem Zusammenhang noch nicht sehr deutlich zu vernehmen.

Fristenregelung Zu diesem Thema, bei dem es immer wieder Kritik von seiten der Kirchen an den Grünen gegeben hat, will ich mich nicht verschweigen. Für uns sind die betroffenen Frauen und ihre Interessen zentral, und wir stehen daher voll und ganz hinter der in Österreich geltenden Fristenregelung. In einer Gesellschaft, in der die Geburt eines Kindes für die Mutter oft ein schneller Weg in die Armut oder in die gesellschaftliche Ausgrenzung ist, in der also Mütter - finanziell, beruflich und emotional - alleingelassen werden, muß es die Entscheidung der Frau sein, ob sie ein Kind bekommen möchte oder nicht. Aber auch im Sinne der Würde von Frauen und ihrer Selbstbestimmung ist dieses Frauen-Recht für uns ein selbstverständliches. Wir glauben nicht, daß sich Frauen leichtfertig für eine Abtreibung entscheiden, sondern daß sie dies nur nach reiflicher Überlegung tun.

Unser Antreten gegen Abtreibung basiert darauf, daß wir uns für viel tiefgreifendere Veränderungen einsetzen, die hoffentlich die wirklichen Ursachen für Abtreibungen beseitigen würden. Dazu gehört die Verbesserung der gesellschaftlichen Situation von Frauen, weiters eine Veränderung des Arbeitsmarktes dahingehend, daß Kinder nicht mehr als Einschränkungen der Produktivität der Frauen gesehen werden, sondern als zukünftige BürgerInnen. Nicht zuletzt bedarf es einer Gesellschaftsveränderung in dem Sinn, daß Männer sich ihrer Verantwortung für (ihre) Kinder stärker bewußt werden und diese auch wahrnehmen. Nur wenn wir diese Veränderungen erreichen, werden Abtreibungen überflüssig werden. Leider ist die Regierung durch die Sparpakete der vergangenen Jahre genau in die falsche Richtung gegangen. Hier müssen wir Grüne - in Zukunft hoffentlich gemeinsam mit den Kirchen - noch stärker Widerstand leisten.

Menschenrechte in Kirche & Staat Im Bereich der Weiterentwicklung der Menschenrechte und der Grundrechte erkennen die Grünen einen großen Handlungsbedarf des Staates und einen noch größeren der katholischen Kirche. Immer schwerer gelingt es, den Kernbestand der klassischen Grund- und Freiheitsrechte zu bewahren. Unter dem Schlagwort des Kampfes gegen das organisierte Verbrechen werden bedenkenlos bürgerliche Grundfreiheiten ausgehöhlt. Lauschangriff und Rasterfahndung machen vor der Privatsphäre der BürgerInnen nicht halt und bieten keinen effizienten Schutz vor mafiosen Verbrecherorganisationen. Die bürgerlichen Mitbestimmungsrechte wiederum gelten nur für österreichische StaatsbürgerInnen. Neben der Verteidigung des etablierten Grundrechtskatalogs ist jedoch eine Ausweitung und Aktualisierung der Grundrechte dringend notwendig, und zwar sowohl im Bereich der sozialen Sicherheit als auch neuer ökologischer Grundrechte.

Die von den Grünen erwünschte und erwartete Unterstützung dieser Anliegen seitens der Kirche wird es freilich solange schwerlich geben, solange der Apostolische Stuhl den Katalog der in Europa anerkannten Menschen- und Grundrechte nicht zum Bestandteil seiner eigenen Verfassung macht. Das Engagement der christlichen Kirchen in allen Bereichen der humanitären Hilfe und des Kampfes gegen die Armut ist wichtig und richtig, es kann aber eine konstitutionelle Anerkennung der Grund- und Freiheitsrechte nicht ersetzen.

Die Haltung zu Frauen ist - das muß offen gesagt werden - einer der Punkte, in dem wir Grüne und die katholische Kirche sehr weit voneinander entfernt sind. Denn hier fordern wir eine umfassende Verbesserung der gesellschaftlichen Situation von Frauen, ihre volle Partizipation an gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen etc. Entscheidungsprozessen sowie Gleichstellung in allen Lebensbereichen. Die Schwierigkeit der Umsetzung dieser unserer Forderungen hat nicht zuletzt mit der diskriminierenden Behandlung von Frauen in und durch die katholische Kirche als klassisch patriarchalische Institution zu tun, die jahrhundertelang die Wertvorstellungen unserer Gesellschaft geprägt hat und dies bis heute tut.

Ebenso geht es nicht länger an, daß Menschen innerhalb der Kirche aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder wegen ihres Eintretens für Lesben und Schwule diskriminiert oder diszipliniert werden. Genauso erachten wir es auch als Grundrecht jedes Menschen, empfängnisverhütende Mittel anzuwenden und damit die Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft selbst zu treffen. Um zu einer gelebten und verbrieften Antidiskriminierungspolitik zu gelangen, ist es unerläßlich, offen und ohne Tabus über Sexualität, Empfängnisverhütung und über den Schutz vor geschlechtlich übertragbaren Krankheiten (wie AIDS) zu sprechen. Die Verweigerung oder Verdrängung dieser Auseinandersetzung führt auch dazu, daß eine Grenzziehung zwischen einer selbstbestimmten, gewollten und sicherlich nicht sündhaften Sexualität unter Erwachsenen einerseits, und dem Mißbrauch von Abhängigkeitsverhältnissen andererseits, erschwert oder gar unmöglich gemacht wird. Die Kirche selbst nimmt - dies beweisen die aktuellen Vorfälle - durch diese Diskussionsverweigerung und die fortgesetzten Diskriminierungen schweren Schaden.

Ich denke, dieser kurze Überblick über verschiedene Themen zeigt, daß es zwischen der Kirche und den Grünen genug Stoff für einen Dialog gibt. Ich wünsche mir, daß dieser Dialog intensiv geführt wird, sodaß deutlich wird, wo es Übereinstimmungen gibt, die vielleicht in gemeinsame Aktionen münden, aber auch, wo es Differenzen gibt, die man weiterdiskutieren oder als Differenz stehen lassen muß.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau