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"Causa Groer ungeschickt behandelt"

1945 1960 1980 2000 2020

"Katholische Kirche in Österreich 1992 - 1997": Auszüge aus dem heftig umstrittenen Bericht der österreichischen Bischöfe aus Anlaß ihres Ad-limina-Besuchs.

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"Katholische Kirche in Österreich 1992 - 1997": Auszüge aus dem heftig umstrittenen Bericht der österreichischen Bischöfe aus Anlaß ihres Ad-limina-Besuchs.

Die Katholische Kirche in Österreich sah sich im Berichtszeitraum einem erhöhten Interesse der Massenmedien ausgesetzt. Ursachen dafür waren vor allem kirchenpolitische Entscheidungen und Konflikte in der Kirche. Das viele Positive, das sich tagaus tagein tausendfach im kirchlichen Leben ereignet, fand hingegen kaum Aufmerksamkeit. Aufsehen erregten vielmehr vor allem die Konflikte im Zusammenhang mit der Emeritierung des Erzbischofs von Wien, Kardinal Dr. Hans Hermann Groer, der des sexuellen Mißbrauchs junger Menschen unter Ausnützung von Abhängigkeitsverhältnissen beschuldigt wurde. Anders als in angelsächsischen Ländern wurde dieser Konflikt höchst ungeschickt behandelt, weil es nicht gelang, ein Zusammenwirken des Beschuldigten, der Bischofskonferenz und der römischen Instanzen zu erreichen. So wuchs beim größeren Teil der Kirchenmitglieder die Unzufriedenheit über die offenbar geringe Fähigkeit der Kirche zu einem tauglichen Krisenmanagement, und bei vielen Menschen kam es ganz allgemein zu einer größeren kritischen Distanz gegenüber der Kirche. [...]

Die über den Mitgliederbereich der Katholischen Kirche hinausreichende Initiative eines "Kirchenvolks-Begehrens", das mehr als eine halbe Million Unterschriften erbrachte, konnte nur auf dem Boden einer derart weitreichenden Unzufriedenheit so erfolgreich sein. Viele Unterschriften sind deshalb auch keineswegs als Zustimmung zu allen konkreten Forderungen dieser Initiative anzusehen, sondern eher als ein deutlicher Ausdruck des weitverbreiteten Wunsches, in der Kirche möge sich einiges ändern.

* Schließlich sei hier auf den "Dialog für Österreich" verwiesen ... Er wirkt sich auch auf das Verhältnis von Kirche und Staat aus, denn von seiten der politischen Parteien und zahlreicher Verantwortungsträger in der Gesellschaft wurde großes Interesse an - zum Teil institutionalisierten - Gesprächen mit der Kirche bekundet.

* Die Wirtschaft versucht, die Probleme der schwankenden Wirtschaftslage durch verschiedene Arbeitszeitmodelle in den Griff zu bekommen. Eine flexible Arbeitszeit hat jedoch Auswirkungen auf das Familienleben und die österreichische Sonn- und Feiertagskultur. Mittlerweile wird bereits an einigen Feiertagen in ganzen Branchen und an Sonntagen in einigen Einkaufszentren und Industriezweigen gearbeitet.

Hier tritt die Kirche im Sinne eines umfassenden Wertgefüges stets für den Grundsatz "Mensch vor Kapital" auf. Der wachsende Druck wird seitens der Wirtschaft mit dem Argument abgestützt, daß Arbeitsplätze gesichert werden müßten. Mit dem gleichen Argument wird auch immer wieder versucht, soziale Leistungen und Errungenschaften zu schmälern.

Österreich ist seit 1995 Mitglied der Europäischen Union. Seither orientiert sich hier die Wirtschaftspolitik an den in Maastricht festgelegten Stabilitätskriterien. Die infolgedessen sehr restriktive Budgetpolitik geht einher mit einem politischen Klima, in dem eine international konkurrenzfähige Wirtschaft und die Rücknahme öffentlicher Solidarität mit Verweis auf die jeweils individuelle Verantwortung für soziale Risiken in den Vordergrund gestellt werden. [...] Gleichzeitig ist es bei den Veränderungen im Sozialsystem aber auch zu familienpolitischen Verbesserungen gekommen. [...]

* Die Zahl der Menschen, die in einem kirchlich bzw. religiös geprägten Umfeld aufwachsen und leben, wird ständig kleiner. In der Bundeshauptstadt Wien wurden 1995 nur noch 45,6% der Neugeborenen getauft. Der Anteil der Katholiken an der österreichischen Bevölkerung beträgt derzeit nur noch 75%. Mit diesem Rückgang schwindet auch die prägende Wirkung der Kirche auf viele gesellschaftliche Bereiche.

Gerade an der Solidarität mit künftigen Generationen und am verantwortungsvollen Handeln der heutigen Generation für eine lebenswerte Zukunft kann man christliche Weltgestaltung erkennen. Die logischen Folgen der Konsumgesellschaft tragen auch in Österreich zu einem Anwachsen egoistischer Grundhaltungen bei. Damit erscheint das kirchliche Engagement für Randgruppen einer wachsenden Zahl von Menschen einmal als "exotisch", das andere Mal als naiv oder als idealistischer "Luxus", den "man" sich eigentlich nicht leisten könne.

* Die Kirche in Österreich sieht sich als ständiger Anwalt für das Leben. Vom Einsatz für das ungeborene Leben und für behinderte Menschen bis hin zu den Bereichen der Sterbebegleitung und des Widerstandes gegen Sterbehilfe reicht hier der Bogen.

Die größte unabhängige Lebensschutzbewegung, die "Aktion Leben", entstand vor 25 Jahren anläßlich der Diskussionen um die Einführung der "Fristenregelung" (der Freigabe der straffreien Abtreibung bis zum dritten Monat durch ein staatliches Gesetz). Die "Aktion Leben" ist österreichweit organisiert und die führende Einrichtung zur Beratung von Frauen in Konflikten, die mit Schwangerschaft zusammenhängen. Da sich die "Aktion Leben" auch für die Informationsarbeit über empfängnisverhütende Mittel engagiert und gegen eine Verschärfung der Rechtslage im Hinblick auf die Abtreibung ausspricht, ist es in den vergangenen Jahren zu Konflikten zwischen ihr und den Bischöfen gekommen.

In letzter Zeit gibt es wieder fruchtbare neue Ansätze im Gespräch zwischen Bischöfen und der "Aktion Leben", da diese ihre Arbeit im Sinne eines umfassenden Schutzes des Lebens gestaltet und sich nun auch für behindertes Leben, in Fragen der Biomedizin, der pränatalen Diagnostik und der Euthanasie engagiert.

Auch die Beratungsstellen der Caritas stehen immer wieder vor der Aufgabe, Kindern und ihren Müttern Leben zu ermöglichen. In den meisten Diözesen gibt es außerdem auch diözesane Hilfseinrichtungen für Schwangere in Notsituationen.

In den vergangenen Jahren ist auch eine Reihe von oft sehr kleinen, teils hoffnungsvollen, teils zu radikalen "Pro-Life"-Gruppen entstanden, die in der öffentlichen Diskussion in sehr eindringlicher Weise gegen die Tötung menschlichen Lebens auftreten und oft zu starker Emotionalisierung der Problematik beitragen. Ihre Schwerpunkte sind mehr Gebet und Bewußtseinsbildung als konkrete Beratungsarbeit und Hilfe für Kinder und Mütter.

* Die mediale Berichterstattung über die Katholische Kirche hat sich in Österreich seit dem März 1995 aufgrund von zwei Faktoren entscheidend verändert: * die Vorwürfe gegen Kardinal Hans Hermann Groer, junge Menschen (sexuell) mißbraucht zu haben, und * die verstärkte Konkurrenzsituation in der österreichischen Medienlandschaft.

Die "Causa Groer" beherrschte seit März 1995 die Berichterstattung über die Kirche in Österreich, wobei immer wieder die ungelösten Probleme und offenen Fragen thematisiert wurden. Erst die Erklärung einiger österreichischer Bischöfe im Frühjahr 1998 mit einer stellvertretenden Bitte um Entschuldigung und die Abreise Kardinal Groers ins Ausland vor dem Papstbesuch, ließen die Medienangriffe weitgehend abflauen.

Die öffentliche Meinung über die Kirche ist darum weiterhin sehr pauschalisierend: Die Kirche sei autoritär, gehe über Menschen hinweg, sehe nicht, was die Menschen wirklich brauchen, sei verletzend und überheblich. Wer dies durch sein Verhalten und seine Wortmeldungen bestätigt, wird in den Medien besonders gern zitiert.

Das beeindruckend vielfältige tägliche Leben der Kirche mit dem Engagement von Bischöfen, Priestern, Ordensleuten und Laien, Frauen wie Männern ist dadurch in den Medien kaum präsent.

Als einzige Ausnahme ist hier die Caritas zu nennen, die mit ihrem Engagement für soziale Randgruppen, Asylanten, aber auch für die Familien eine starke, weithin gehörte Stimme in der innenpolitischen Auseinandersetzung hat. Es zeigt sich, daß die Caritas in der medialen Rezeption nicht als Teil der Kirche angesehen wird, bzw. nur als ein kleiner, nicht repräsentativer Mosaikstein im Bild der Kirche.

* Der bisherige Monopolist ORF ist als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt durch diese Änderungen in der Medienlandschaft auch in eine starke Identitätskrise geraten. Zwischen dem Anspruch, ein Qualitätsprogramm zu gestalten, und dem Bestreben, mit den privaten Sendeanstalten, deren Programme via Satellit und Kabelanschluß zu empfangen sind, konkurrieren zu können, entsteht ein Programm, das immer weniger Raum für eine differenzierte Berichterstattung läßt.

Die langjährige, traditionell gute Zusammenarbeit zwischen Kirche und ORF, abgesichert durch eine eigene Fachabteilung "Religion" in Radio und Fernsehen, tritt nun in eine neue Phase ein, denn auch innerhalb des ORF ist der "Kampf um die Einschaltziffern" entbrannt. Die Sendungen der Fachabteilungen führen daher entweder ein Schattendasein auf ungünstigen Sendeplätzen oder schwimmen im "mainstream" der plakativen Annäherung an das Thema "Religion" mit.

* Die Kirche ist aber auch in verschiedenen anderen Bereichen in der österreichischen Medienlandschaft präsent: [...]

Die Furche ist ab 1998 die einzige der Kirche zurechenbare Wochenzeitung, seit "präsent" Ende 1997 aus finanziellen Gründen eingestellt werden mußte. Die katholischen Verlagshäuser Styria (Diözese Graz-Seckau), Niederösterreichisches Pressehaus (Diözese St. Pölten), Wiener Domverlag (Erzdiözese Wien), Carinthia und Hermagoras (Diözese Gurk-Klagenfurt) und Tyrolia (Diözese Innsbruck) sind auch über das Medium Buch um die gute Aufbereitung religiöser Fragen bemüht. Das Medienhaus Styria ist außerdem mit der Tageszeitung "Kleine Zeitung" und Beteiligungen an der Tageszeitung "Die Presse", am Radiosender "Antenne Steiermark" und an der Filmproduktion "Cinevision" multimedial präsent.

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