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Grabesruhe und kleine Auferstehungen

1945 1960 1980 2000 2020

Die letzten Jahre waren keine gute Zeit für Österreichs Katholiken: Dennoch birgt gerade das biblische Auferstehungsbild Hoffnung und Kraft für eine Neuschaffung der Kirche.

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Die letzten Jahre waren keine gute Zeit für Österreichs Katholiken: Dennoch birgt gerade das biblische Auferstehungsbild Hoffnung und Kraft für eine Neuschaffung der Kirche.

Wir aber hatten gehofft", so die zwei Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus zum unbekannten Begleiter. Zuvor schon "blieben sie traurig stehen" (Lk 24,13-35). Biblische Worte, die maßgenau auf viele in der katholischen Kirche Österreichs passen.

Österreichs Kirche gehe einen Kreuzweg, so Bischof Egon Kapellari geraume Zeit nachdem die "Causa Groer" losging. Er hat in vielfältiger Hinsicht Recht behalten. Ein solches Bild beschuldigt nicht. Es drückt vielmehr aus, was viele an tiefem Schmerz fühlen.

Die letzten drei Jahre waren wahrlich keine gute Zeit für uns Katholiken in diesem Land. Schon lange spürten die Feinfühligen, daß "unerträglich" wurde, was uns zu tragen zugemutet wurde.

Ich schicke mich an, von meiner eigenen tiefen Kirchentrauer zu sprechen. Wird sich dabei auch anderen Kirchentrauernden einen heilenden Raum eröffnen? Der Schmerz sitzt tief. Trauerzeit ist.

Enttäuschte Hoffnungen "Wir hatten Großes gehofft": auf eine Erneuerung, die unsere katholische Kirche zugleich moderner und gläubig-radikaler machen sollte. In Synoden hatten wir unsere Vorstellungen zu Papier gebracht: Aufwertung der Laien, eine Neupositionierung der Frauen im Kirchenleben, erweiterte Zuwege zu einem reformierten geistlichen Dienstamt, Ausbau der Beteiligung aller Betroffenen an jenen Entscheidungen, die sie betreffen, wie die Bestellung von Pfarrern oder Bischöfen. Wir wollten eine Kirche, die menschen- und gottesnah zugleich ist, die weiß, daß sie zu nichts dient, wenn sie nicht dient. Und was uns ermutigte: Kirchenvolk wie Kirchenführer zogen an einem Strang.

Dann aber kam die erste tiefe Enttäuschung unserer gewagten Hoffnungen. Eine Generation neuer Bischöfe wurde uns vorgesetzt. Selbst die zwei Begründungen für diesen Schritt schmerzten: die Kirche im Land sei in der Ära König liberal geworden und habe sich von der SPÖ über den Tisch ziehen lassen. Sie sei vom römischen Kurs abgewichen: in der Pillenfrage (Maria Troster Erklärung), in der Pastoral im Umkreis von Scheidung und Wiederverheiratung (Hirtenwort 1980). Es ging Schlag auf Schlag. Ein neuer Kirchenkurs wurde etabliert. Wir fühlten uns wehrlos, verstanden "Rom" nicht mehr und waren noch mehr enttäuscht, als klar wurde, daß die Drahtzieher alle in Österreich sitzen und alle ungebetenen Bischöfe von einer Minderheit erbetene waren.

Die zweite Enttäuschung war noch ärger. Schwere Vorwürfe gegen die Leitfigur des neuen Kirchenkurses wurde erhoben. "Unerhört!", riefen die einen. "Kirchenkampf wie im dritten Reich" die anderen. Dazu das tragisch-folgenschwere Schweigen des Beklagten. Die Stimmung wurde unerträglich. An erster Stelle für die hervorragenden Religionslehrenden. Dann für die vielen Engagierten in den Pfarrgemeinden, vor allem die Pfarrer, die angetreten waren, der Kirche Jesu zu dienen und sich binnen kurzem in einer Kirche wiederfanden, die in der öffentlichen Wahrnehmung von wenigen Bischöfen und dem einzigen Thema Sexualität in all ihren Facetten geprägt wurde. Unerträglich war die Lage für jene, welche verantwortlich sind für die Kirchenfinanzen und bei jeder neuen Skandalwelle ihre Sparpläne wegen rasanter Kirchenaustritte umschreiben mußten. Unerträgliches erlebten auch gläubige Eltern, die dem Spott ihrer Heranwachsenden nichts mehr entgegensetzen konnten als Ratlosigkeit und Schmerz. Nicht zuletzt litten auch nicht wenige treue Kirchenferne, denen der Kollaps einer der letzten wertvollen Institutionen ungeheuer ist.

Grabesstille War die Enttäuschung auch deshalb so groß, weil die Hoffnungen riesig waren? Geschürt durch das mutige Konzil, verdichtet durch herausragende europäische Kardinäle wie Martini, Hume, Daneels, König, Etchegarey? Wir haben allen Grund, wie die Jünger "traurig stehen zu bleiben" in unserer enttäuschten Hoffnung. Es wäre nicht gut, Trauer und Schmerz zu verdrängen und zur Tagesordnung überzugehen. Wer nicht trauert, der hat auch nicht gehofft. Nur inmitten der Trauer kann die Hoffnung überleben.

Kleine Auferstehungen Aus dieser durchtrauerten Hoffnung kann neues Kirchenleben erwachsen. Zarte Ansätze zu einem Kirchenfrühling gibt es: das unbedankte Wort Bischofs Stechers; die hervorragende Initiative der Katholischen Aktion unter Präsident Christian Friesl und dem von ihm zusammengerufenen Beraterkreis; die befreiende bischöfliche Erklärung; daß die Bischöfe ihre Handlungsfähigkeit wiedergewonnen und sich aus der Geiselhaft der Einstimmigkeit in die Freiheit der Einmütigkeit befreit haben. Kleine Schritte auf einem noch langen Weg. Weitere kleine Schritte stehen an. Wenn dem Schweigen des Kardinals die moralische Gewißheit derer entgegensteht, die sich in die Leidensgeschichten der Opfer vertieft haben, dann ist immer noch akuter Handlungsbedarf. Weitere Pontifikalhandlungen des beklagten Kardinals sind unzulässig, so sehr das auch jene schmerzen mag, die aus einer Angst vor dem freien Fall ins Bodenlose "ihrem Kardinal" in seinen dunklen Stunden standhaft blind die Treue halten.

Kleine Schritte sind zu tun. Wer mehr erwartet, überfordert die rekonvaleszente Kirche. Ein Kranker ist dann über dem Berg, wenn er neben seinem Leiden die Welt um sich wieder wahrzunehmen beginnt. Es wären solche Genesungszeichen, könnten wir unsere Aufmerksamkeit denen zuwenden, die nicht allein um die Kirche bangen, sondern dahinter um die bedrängten Menschen: die zwanzig Millionen arbeitswilliger Menschen, die im reichen Europa in bleibende Arbeitslosigkeit entsorgt werden; die unproduktiven und zu teuren Sterbenden, für deren Entsorgung ein Manifest für freizuwählendes Sterben den Boden bereitet; die Behinderten, deren Lebensraum und Lebensrecht immer enger wird; die Kinder, welche im Lifedesign von Vätern und Müttern immer mehr stören, die armen Länder inner- und außerhalb Europas, vor allem die Reformstaaten Osteuropas vor unserer österreichischen Haustüre, denen wir helfen, gerechtere Verhältnisse zu schaffen, um so den Frieden zu sichern, statt durch die NATO allein den Krieg zu verhindern.

Gleichzeitig wird die rekonvaleszente Kirche ihr eigenes Haus ordnen. Jede Kranke ist klug, nützt sie die Chance, das Leben neu zu ordnen. Anfänge sind in aller medialen Stille längst gemacht: es gibt Ombudsstellen bei sexuellem Mißbrauch von Kindern durch Frauen und Männer im Kirchendienst; viele Diözesen haben Wahlen für Bischofskandiaten abgehalten. Mit dem Kirchen-Volksbegehren sind schon deshalb vernünftige und verantwortbare Kompromisse auszuhandeln, um deren Proponenten einen veritablen "Erfolg" zu verschaffen und damit zu einem für die Unterzeichner annehmbaren Ende zu kommen.

Der Dialog für Österreich ist sorgfältig zu nützen. Zwei Forderungen des Kirchen-Volksbegehrens könnten aufgegriffen und produktiv weiterentwickelt werden: die Sorge um die Eucharistiefähigkeit gläubiger Gemeinden sowie kluge Modelle zur Suche nach und zur Ausbildung von tauglichen Kandidaten für kirchliche Führungsaufgaben auf allen Ebenen: in den Gliederungen der Katholischen Aktion, in den für die Kirche unentbehrlichen Orden, in den mit Evangelium randvollen Pfarrgemeinden, ohne die jede Ortskirche verkommt, in den Diözesen unseres Landes. Wenn es noch dazu gelingt, daß es morgen mehr Frauen in kirchlichen Leitungsaufgaben auf den vielfältigen Ebenen gibt, wäre das ein sehr guter Schritt in die richtige Richtung.

All das wäre aber langfristig nutzlos, würde nicht die kirchliche Infrastruktur lebendiger. Gemeindeentwicklung wird eine Schlüsselaufgabe sein, sollen die erhofften Reformen nicht zur Balsamierung eines Kirchenleichnams werden.

Aber woher nehmen die Kraft für all diese kleinen Hoffnungsschritte? Luther, kundiger Reformator, ließ keinen Zweifel daran, daß jede Kirchenreform eine Art Neuschaffung der Kirche durch ihren Gott und sein Wort ist. Das ältere biblische Hoffnungsbild heißt: Leben aus dem Tod, Auferstehung also. Nicht weniger erhoffe ich österlich für Österreichs liebenswerte Kirche: kleine Auferstehungen aus Gottes Kraft und Gnade.

Der Autor leitet das Institut für Pastoraltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät in Wien.

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