Digital In Arbeit

Genfood, schwer verdaulich

Letzte Woche trafen sich bekannte Gentechnik-Kritiker auf dem Planet-Diversity-Kongress in Bonn. Von dort berichtet Klaus Faissner.

Mit stoischer Ruhe sitzt er vor der Zuhörerschaft, seine Aussagen sind präzise, ohne jeden Umschweif: "Die Probleme kamen durch die Einfügung des Gens." Zehn Jahre ist es her, dass sich das Leben des Arpad Pusztai schlagartig änderte. Über Nacht wurde er von einem der weltweit angesehensten Gentechnikforscher zur Persona non grata. Er verlor seine Arbeit am schottischen Rowett Research Institute, wurde unter Hausarrest gestellt, durfte seine eigene Arbeit nicht einsehen und wurde öffentlich diskreditiert. "Wenn ich die Wahl hätte, würde ich es sicher nicht essen", hatte er im britischen Fernsehen auf die Frage erklärt, wie er zu Genfood stehe. Er hatte dies nicht aus dem Bauch heraus gesagt, sondern als Resultat einer dreijährigen Forschungsarbeit im Auftrag des schottischen Landwirtschaftsministeriums.

Kranke Ratten

Pusztai hatte ein Modell für das Testen gentechnisch veränderter Nahrungsmittel entwickelt, das klären sollte, ob der Verzehr dieser Produkte mit Gesundheitsrisiken verbunden sei. Im Rahmen des 1,6 Millionen Pfund teuren Forschungsprojektes hatte er Kartoffeln gentechnisch verändert und diese an Ratten verfüttert. Völlig überraschend zeigten die Tiere - im Gegensatz zu jenen, die "normale" Kartoffeln erhalten hatten - teils massive Krankheitsbilder: Von Schäden an Thymusdrüse und Milz über kleinere, schlecht entwickelte Gehirne, Lebern und Hoden bis hin zu Hinweisen auf ein höheres Krebsrisiko. "Völlig überraschend" waren die Ergebnisse deswegen, weil Pusztai mit keinen negativen Auswirkungen rechnen konnte: Er hatte die Kartoffeln gentechnisch so verändert, dass sie ein normalerweise im Schneeglöckchen vorkommendes Lektin produzierten, um dadurch resistent gegen Schädlinge zu sein. Der Wissenschafter wusste aufgrund seiner Erfahrung, dass dieses spezielle Lektin für den Menschen ungefährlich sein musste. Obwohl seine Ergebnisse rund ein Jahr später im britischen Wissenschaftsmagazin "Lancet" voll bestätigt wurden, blieb er bis heute von der wissenschaftlichen Gemeinschaft ausgeschlossen.

Jetzt ist er einer von mehreren "Kronzeugen", die im Verbund mit gentechnikkritischen Personen und Organisationen Licht ins Dunkel bei den Machenschaften der Gentechnikindustrie und der Behörden bringen wollen. Das Fremdgen habe bewirkt, dass sich die gentechnisch veränderte Kartoffellinie signifikant im Protein-, Stärke- und Zuckergehalt von der herkömmlichen unterschied, erklärte Pusztai vergangene Woche beim Kongress "Planet-Diversity" in Bonn. Seit damals, 1998, sei bewiesen, dass gentechnisch veränderte Pflanzen nicht gleichwertig zu den Ausgangslinien sind - obwohl diese Mär von der "substanziellen Äquivalenz" teilweise bis heute aufrechterhalten wird. "Alle unabhängigen Studien mit Gentechnik-Pflanzen beschrieben bisher Besorgnis erregende Gesundheitsauswirkungen", macht der Forscher deutlich. Nicht einmal 30 sind es weltweit, alle anderen wurden direkt oder indirekt mit Industriegeldern finanziert. Pusztai zitiert aus einer Studie der "Union of Concerned Scientists": Mehr als die Hälfte der 3.247 Befragten gestanden ein, auf die Rücknahme von Schlussfolgerungen gedrängt worden zu sein. "Die Hauptstrategie der Gentechnikindustrie ist es, die Öffentlichkeit im Dunkeln zu lassen. Die Menschheit kann sich die Risiken der Gentechnik nicht leisten", ist der Wissenschafter überzeugt. Wer glaubt, dass diese Praxis vor allem auf die USA zutrifft, wird bei einem Blick auf die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) eines Besseren belehrt: Vorsitzender der Gentechnik-Abteilung ist nach wie vor der Niederländer Harry Kuiper, einer der Hauptfiguren in der Kampagne gegen Pusztai.

Der unabhängige österreichische Gentechnik-Experte Werner Müller nennt die Tätigkeit der EFSA schlicht einen "Skandal". Nicht nur dass alle bisherigen Bewertungen neuer gentechnisch veränderter Sorten auf der Basis von Industriestudien gemacht wurden. "Bislang wurden alle beobachteten Unterschiede zwischen gentechnisch veränderten und nicht gentechnisch veränderten Sorten von der EFSA toleriert", so Müller.

Nicht relevant anders?

Alle signifikanten Unterschiede wurden als "nicht biologisch relevant" bewertet. "Es stellt sich die Frage, warum dann diese Parameter überhaupt getestet werden", so Müller. Die Wahrheit sei sicherlich keine Erfindung der Zulassungsbehörde: "Die EFSA lügt, wenn sie sagt, dass man noch nie Transgen-Teile in Tieren gefunden hat - wie zum Beispiel im Blut", bringt Müller ein Beispiel. So wies bereits 2005 ein Forscherteam der Universität Piacenza um Raffaele Mazza bei Ferkeln nach dem Verzehr von Genmais genmanipuliertes Erbmaterial in Blut, Milz, Leber, Niere und Muskeln nach. "Wir haben es mit synthetischen Genen zu tun, die in dieser Form nie in einer Spezies auf der Welt existieren würden", gibt der Forscher zu bedenken.

Für die profilierte Wissenschaft sind diese synthetischen Gene aber kein Grund, sich Sorgen zu machen. Ganz im Gegenteil: "Wer Bio kauft, macht sich am Welthunger mitschuldig", weil die "mittelalterliche Anbaumethode" der Biobauern zu viel Kulturland verschlinge, schrieb vor wenigen Tagen Beda M. Stadler, Direktor des Institutes für Immunologie und Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern in der deutschen Tageszeitung "Die Welt". "Noch nie hat jemand wegen Genfood ein Hüstelchen gekriegt, noch nie eine Heiserkeit, noch nie ein Fieber", so Stadler.

Für den US-amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Jeffrey Smith sind diese Aussagen blanker Hohn. In seinem neuen Buch "Genetic Roulette" listet er 65 Fallbeispiele auf, die durch die Gentechnik hervorgerufene Gesundheitsrisiken belegen. Der bisher schwerste bekannt gewordene Unfall erfolgte Ende der 1980er Jahre, nachdem das japanische Unternehmen Showa Denko K.K. bei der Produktion des Schlafmittels L-Tryptophan auf gentechnisch veränderte Mikroorganismen umgestiegen war. Daraufhin erkrankten mehr als 5.000 Menschen in den USA an einer neuartigen, als "EMS" (Eosinophilen Myalgie Syndrom) bezeichneten Krankheit, mit verschiedensten Symptomen: von spastischen Muskelkrämpfen über großflächige, juckende Ausschläge bis hin zu Lähmungen. Meist war EMS mit unglaublichen Schmerzen verbunden, Dutzende Menschen starben daran - nach Angabe eines Netzwerkes von EMS-Opfern rund hundert. Dass diese Krankheit entdeckt und der Genmanipulation zugeschrieben werden konnte, sei auf drei, gleichzeitig auftretende Faktoren zurückzuführen, erklärt Smith: Sie war neu, mit einzigartigen Symptomen, sie war akut und trat schnell auf. "Hätte das Medikament beispielsweise Krebs ausgelöst, wäre es kaum als Ursache entdeckt worden", so der Autor.

Vier mögliche Gefahren

Neben dem Gentransfer selbst, der die DNA der "neuen Pflanze" gegenüber der Ausgangssorte um bis zu vier Prozent verändern könne, listet Smith vier weitere Kategorien auf, die als "Gesundheits-Checkliste" zu beachten seien: 1.) Das neu erzeugte Protein selbst kann gefährlich sein, selbst wenn die Einbringung des Fremdgens ohne Probleme vor sich geht. 2.) Das eingebrachte Fremdgen kann mutieren und ein ganz anderes Protein erzeugen, als erwartet. So musste das staatliche australische Forschungsinstitutes CSIRO 2005 ein Forschungsprojekt abbrechen, bei dem ein Bohnen-Gen in die nahe verwandte Erbsenpflanze eingebracht worden war, um diese gegen den Erbsenkäfer resistent zu machen. Die mit den genmanipulierten Erbsen gefütterten Mäuse litten unter Überempfindlichkeit der Haut, Entzündungen der Atemwege und Lungenschäden. 3.) Kumulation von Giften, weil Gentechnik-Pflanzen - entgegen den Versprechen der Konzerne - weit mehr Pestizide brauchen als konventionelle Pflanzen. 4.) Horizontaler Gentransfer: Es ist möglich, dass Darmbakterien die genmanipulierte Erbsubstanz der Pflanzen aufnehmen können.

Der Autor ist freier Journalist.

FURCHE-Navigator Vorschau