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UNTERNEHMER OHNE LUST AM SPIEL

FURCHE: Design in Österreich -Gibt es der ein gestörtes Verhältnis? Hat dies kulturhistorische Hintergründe?

MARIO TERZIC: Seit Jahrhunderten kommt Kultur, Lebenskultur aus Italien. Der Unterschied gegenüber Österreich beginnt schon in der Schule: Wie nähert man sich den Gegenständen, den Materialien des Alltags? Auch die einschlägige Ausbildung an der Hochschule kann dies nicht mehr aufholen. Es ist kein Zufall, daß diejenigen, die in Österreich Design unterrichten, in den letzten Jahren aus Italien gekommen sind. Es prallen in der Praxis die Positionen der Industriemanager auf die der ausgebildeten Designer. Sie beide sind verantwortlich für das Produkt, das auf den Markt kommt. Aber wie steht's um die, die das Produkt dann verwenden und kaufen sollen?

FURCHE: Hat aber Osterreich nicht Josef Hoffmann oder AdolfLoos gehabt, sozusagen als Väter des Designs?

TERZIC: Hoffmann oder Loos kommen aus der Tradition der alten Handwerkskultur, Design geht aber heute von der industriellen Fertigung der Produkte aus (daher die Bezeichnung „Industrial Design"). Sie gibt andere Bedingungen vor. Ein gutes Beispiel dafür ist die Autoindustrie in Italien: Dort löst das Industrieprodukt Ferrari heftigste Emotionen aus, während das österreichische Pendant, etwa Schi von Kneissl oder Kästle, keinesfalls vergleichbares emotionales Potential in Bewegung setzt. Schon der Auftraggeber eines solchen Produkts muß eine irrationale Komponente besitzen, Lust an der Herausforderung, am Spiel. Das fehlt Österreichs Unternehmern ja weithin.

Auch im privaten Bereich geht diese Risikofreude völlig ab, für die meisten aus Österreichs Führungsschicht ist die Wohnkultur mit dem Biedermeier stehengeblieben. Nur wenn aber ein bestimmter Nährboden, eine offene Atmosphäre spürbar ist, können sich Designer entfalten. In Italien werden zum Beispiel in der Öffentlichkeit Entwicklungen und neue Tendenzen im Design verfolgt, einschlägige Zeitschriften florieren, Diskussionen gehen einem neuen Produkt voran, beglejten es.

In Österreich ist auch die jüngere Generation Neuem gegenüber wenig aufgeschlossen - man braucht nur einschlägige Hochzeitslisten anzusehen. Seit etwa zehn Jahren gibt es in Wien zwei, drei Geschäfte mit Möbeln und Gebrauchsgegenständen in italienischem Design, die haben ihre Kunden, aber es werden nicht mehr. Design wird nicht zum Schluß aufgepfropft, es ist eine in das Produkt integrierte Haltung. Hinter der Oberfläche verbirgt sich das kreative Potential. Wie man sitzt, wie man ißt und trinkt, ist vom Designer auf neue Weise, mit neuen Gegenständen zu lösen. In Österreich mangelt es an dieser Offenheit und Förderung der Kreativität.

Nicht die Ausbildung der Designer in Österreich ist zu kritisieren, sondern daß Unternehmer heute in künstlerischen Belangen den Informationsstand von vor dreißig Jahren haben. Auch wenn der Manager ein modernes Kunstwerk in seinem Büro hängen hat, verrät ihn sein Aschenbecher, seine Krawatte. Aber wo hätte er es auch lernen sollen? In der Schule gibt es keine Auseinandersetzung mit Architektur, mit Produkt- und Alltagsästhetik, einzelne Lehrer sind da Ausnahmen. Änderungen sind nur in kleinen Bereichen, nur langsam zu erzielen.

FURCHE: Aber müßten Unternehmer nicht innovativer agieren, wenn der Markt es verlangen würde?

TERZIC: Das stimmt. Andererseits muß man in Österreich auf ausländische Produkte zurückgreifen, wenn man unorthodoxe Möbel oder Gebrauchsgegenstände möchte.

FURCHE: Und nun zur Ausbildung: Wo werden in Osterreich Designer ausgebildet?

TERZIC: In Wien an der Hochschule für angewandte Kunst, in Linz an der Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung. Mit jährlich fünf bis zehn Absolventen könnte Österreichs Industrie ausreichend versorgt werden. Aber viele Absolventen wechseln -1 aufgrund der geringen Berufschancen -zur Werbung, zur Architektur über. Es ist sehr wichtig, daß die jungen Leute ihren Möglichkeiten entsprechend im Beruf gefordert werden, ihre Begabungen in der Praxis entfalten. Dafür wären langfristige Konzepte und internationale Marktstrategien seitens der Unternehmen notwen-dig.

FURCHE: Gibt es in Osterreich in Unternehmen in die Produktentwicklung fix eingebundene Designer?

TERZIC: Die gibt es, aber die Frage ist, wie im einzelnen davon Gebrauch gemacht wird. Vor kurzem ist beispielsweise ein Unternehmen für die Erzeugung von Tischgeschirr an mich wegen Mitarbeit herangetreten. Die Umsätze sind stark zurückgegangen, die Unternehmensführung wurde neu besetzt, ich sollte neue Entwürfe machen. Dazu wäre aber notwendig, daß die neuen Entscheidungsträger sich mit ihren Produkten wirklich auseinandersetzen. Dazu gehört, daß zunächst Formen und Rituale des Essens über die Jahrhunderte hinweg in den Blick genommen werden, regionale Vergleiche gezogen, Veränderungen in den Eßge-wohnheiten registriert werden; so kann Bewußtsein entstehen. Das Produkt ist dann nur das Endglied in einer langen Kette. Meist läßt der vom Unternehmen hergegebene Erfolgsdruck solche Vorgänge nicht zu. Aus dieser Zusammenarbeit ist nichts geworden.

FURCHE: Die fallweise anzutreffende schlichte Nachahmung italienischer Entwürfe istdajaunzureichend?

TERZIC: Mit einem italienischen Hersteller von silbernem Tafelgeschirr, der mit Freude seine Geräte konzipiert, habe ich lange Gespräche über das Alter und die Qualität von Parmesan geführt, bevor eine neue Parmesanreibe entstand. Regionale

Unterschiedlichkeiten der Viehhaltung, der Beschaffenheit des Futters wurden erörtert. Dem Unternehmer war das ein inneres Anliegen. Das hat auch mit Sinnlichkeit zu tun.

FURCHE: Waren vor Jahrzehnten nicht auch die skandinavischen Länder im Design führend? Wodurch hat sich das geändert?

TERZIC: Skandinavische Möbel, die skandinavische Art der Holzbearbeitung waren in den sechziger Jahren an der Spitze. Durch die wirtschaftliche Entwicklung begründet haben Italiener, ein wenig auch Franzosen, Deutsche, Japaner das Sagen.

FURCHE: Wären für Sie Ausbildungseinrichtungen für Designer an den Höheren Technischen Lehranstalten denkbar?

TERZIC: Der handwerkliche Umgang mit den Materialien ist wohl wichtig, innovative Äußerungen kommen aber kaum von dort her.

FURCHE: Was kritisieren Sie an der Designer-Ausbildung in Österreich?

TERZIC: Meines Erachtens liegt der Fehler an der Hochschule in Wien vor allem darin, daß dort ausschließlich der künstlerische Aspekt gesehen und gepflegt wird und daß Star-Professoren nur kurzfristig für ihre Lehrtätigkeit zur Verfügung stehen. Die Kontinuität in der Ausbildung, das Durcharbeiten von Entwürfen bis zur Fertigung kommt zu kurz. Die Konfrontation, die individuelle Entwicklung der Studenten mithilfe der Professoren hat bis vor kurzem gefehlt. Mit der Bestellung von Paolo Piva zum ordentlichen Professor scheint nun die Kontinuität gesichert. Als nächster Schritt ginge es freilich um die Betätigungsmöglichkeiten in der Praxis.

FURCHE: Was könnten die Studenten selbst dazutun?

TERZIC: Eine begabte Vorarlberger Absolventin der Meisterklasse für Keramik, Margit Denz, hat beispielsweise kürzlich auf Einladung eines japanischen Konzems eine Ausstellung in Japan gemacht* Jetzt würde sie hier in Österreich Aufträge, eine eigene Werkstatt brauchen, sie müßte österreichische Industrieprodukte „designen" können, um ihr künstlerisches Potential zu entfalten. In fünf bis zehn Jahren wäre sie eine international renommierte Designerin.Aber die Studenten dürfen ja an den Unternehmern nicht einmal Kritik üben, sonst vernichten sie sich selbst ihre Chancen. Einschlägige Unternehmen müßten ihre Zukunft mit den begabten Jungen planen und nicht das Biedermeier-Image Österreichs fördern.

Internationale Wettbewerbsfähigkeit scheint nur in Sonntagsreden gefordert. Höchstens fünf bis zehn österreichische Unternehmen verfolgen über Jahre konsequent eine Produktverbesserung im Design - auch Werkzeugmaschinen sind darunter - sie finden auch international Anerkennung.

In der Zeit des größten Fahrrad-Booms hat vor einigen Jahren Steyr-Daimler-Puch die Radproduktion einstellen müssen, die Räder waren aus optischen Gründen nicht mehr absetzbar, technisch waren sie sicher konkurrenzfähig. Trotz Bemühen des damaligen Design-Professors Franz Hoffmann ist eine Zusammenarbeit zwischen Stey r-Daimler-Puch und der Hochschule für angewandte Kunst nie zustande gekommen.

Mario Terzic hat an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien Iqdustrial Design studiert und leitet dort die Meisterklasse für Graphik. Mit ihm sprach Leonore Rambosek.

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