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Pech für die Pechhackers

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In der Politik wird viel von Nachbarschaftshilfe gesprochen. Im niederöster- reichischen Klein-Mariazell allerdings wird kaum darüber geredet. Dort wird sie praktiziert.

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In der Politik wird viel von Nachbarschaftshilfe gesprochen. Im niederöster- reichischen Klein-Mariazell allerdings wird kaum darüber geredet. Dort wird sie praktiziert.

„Seit 1969, dem Tag der Ermordung des letztbestellten eigenen Pfarrers von Klein-Mariazell, betreue ich auch die kleine Pfarre. Sie zählt zu den besten im Triestingtal.

Gerade aber die eifrigste Familie wurde durch einen Großbrand vorige Woche am Mittwoch nach der Abendmesse schwer heimgesucht. Ein Heugebläsemotor war zu schwach, fing Feuer—ein neuer Stall, Scheune, Nebengebäude mit Legehennen brannten nieder; nur das Wohnhaus konnten die Feuerwehren aus der äußersten Bedrohung retten. Vom Bau des neuen Stalles sind Schulden da, alles ist unterversichert.“

Das steht in einem Brief des Pfarrers von Hafnerberg an die Caritas: an Prälat Leopold Ungar. Genau zwei Wochen später fahre ich in seinem Auftrag nach Klein- Mariazell: mit einer Soforthilfe von 30.000 Schilling mache ich mich, derzeit Zivildiener bei der Caritas, auf den Weg.

Dazu habe ich auch eine Kollegin vom Hörfunk eingeladen. Das, was sie bei dieser Familie zu sehen bekommen würde, so das Angebot, wäre ein Musterbeispiel von Nachbarschaftshilfe: Hilfe im Pech.

Das hat die Familie, nicht nur im Namen: Pechhacker. Vater Anton, heute 43 Jahre alt, und die Mutter sind harte Zeiten gewohnt Doch sie hängen an ihrer kleinen Landwirtschaft mit 17 Hektar Wiesenland, die sie und ihre zehn Kinder ernährt. Sie klagen nicht über ihr Schicksal, auch wenn es schwer zu tragen ist — wie jetzt, nach dem Brand.

28. Juni, ein verregneter Tag. Uber die neue Autobahn ist Hafnerberg von Wien aus schnell zu erreichen. Eine Barockkirche grüßt ins niederösterreichische Hügelland.

Treffpunkt ist bei Pfarrer Do- lansky. Der schon weit über Siebzigjährige steigt in seinen VW- Käfer und weist uns den Weg zu den Pechhackers, vorbei an der Kirche, hinauf in die Hügel: der Güterweg „Pechhacker“ endet beim Haus der Familie.

Das Wohnhaus ist noch nicht einmal ganz fertig. Trotzdem zer- klirrten in der Hitze des Brandes bereits wieder Fensterscheiben. Die Versicherung zahlt für die kaputten Scheiben nur die Hälfte. Unterversichert.

Der neue Stall, der abgebrannt ist, hat bisher etwa eineinhalb Millionen Schilling verschlungen. Die Arbeitszeit ist da nicht eingerechnet. Aber die Versicherung zahlt insgesamt nur eine Mülion Schilling. Unterversichert.

Da bleibt für die 1200 verbrannten Legehennen kein Geld. Dazu sind noch viele Geräte dem Feuer zum Opfer gefallen, auch der Traktor. Also: Wieder neue Schulden, auch wenn die Kredite günstig sein sollten.

Dabei ist es durch die Hühnerwirtschaft in den letzten Jahren bei den Pechhackers aufwärtsgegangen. Die 19 Milchkühe sorgten für die eine Hälfte des Einkommens, aus dem Eierverkauf wurde der andere Teil des Auskommens erwirtschaftet.

Anton Pechhacker vermarktet die Eier selbst; er fährt zu großen Betrieben nach Wien und verkauft da: in guten Zeiten waren es 14.000 Eier die Woche.

Am Besuchstag regnet es in Klein-Mariazell. Der 14jährige

Sohn, der eines Tages den-Hof übernehmen soll,, arbeitet mit einer großen Baumaschine. Er räumt Schutt weg.

Der Pfarrer macht uns bekannt. Die Haufrau bringt Limonade. Nur: Uber das eigene Unglück zu sprechen, ist schwer.

„Gleich nach dem Brand hat er’s überhaupt nicht begriffen“, wird zwei Stunden später eine Frau aus dem Ort über den Bauern sagen. Drei Wochen danach ist das schon etwas leichter.

Um einen Überblick zu bekommen, was alles noch an Hilfe nötig wäre, heißt es, Fragen zu stellen. Es ist ein Bohren in den Wunden.

Doch dann kommt das Gespräch auf den Zusammenhalt in so einer kleinen Gemeinde, auf die Nachbarschaftshilfe, von der jetzt auch in der Politik so viel die Rede ist.

Alle waren zur Stelle. Die geschockten Rinder wurden eingefangen, die Jungtiere in Pflege übernommen. Jeder gab etwas Heu. Und der Pfarrer stellte 15 Festmeter Holz bei, für eine, wie er sagt, „seiner besten Familien“.

„Alle helfen, weil die Familie immer allen geholfen hat, geteilt hat, auch wenn sie selbst fast nichts gehabt hat. Jetzt kriegen s’ das zurück“, sagt die Mutter des Jungbauern, der für die Pechhak- kers im Pech sehr viel organisiert hat. Und der Vater ist nicht ohne Stolz: „Der Bub ist eben ein Organisator, da gibt es nichts.“

Alle haben mitgemacht — vom Schulkind bis zum Pensionisten. Und jeder kann ein Beispiel erzählen.

Inzwischen hat die Haufrau für uns den Tisch gedeckt: sieben der zehn Kinder sitzen auch schon um den Tisch. Es gibt Schweinsbraten. Mit der Familie werden auch die Helfer verköstigt. Das ist kein kleiner Aufwand.

Daher hat auch ein Nachbar für diesen Zweck ein Schwein den

Pechhackers spendiert. Vielleicht essen wir gerade von dem …

Ich übergebe das Geld. Dankbar wird der Beleg unterschrieben. Natürlich, sage ich, reicht das nicht. Daher wird sich auch die Caritas bemühen, verbilligtes Baumaterial aufzutreiben.

Denn noch vor dem Winter soll der neue Stall stehen. Im Juli noch soll eine Reserve-Hühnerstall in Betrieb gehen — mit Hilfe des ganzen Ortes.

Ein Modell, auch wenn es für die Leute im 250-Seelen-Ort Klein- Mariazell eine Selbstverständlichkeit ist. „Gott sei Dank“, sagt eine Bäuerin, „gibt’s bei uns keine reichen Leute. Denn wo d Leut arm sind, wird zusammengehalten.“

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