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Zwischen Kriegstreiberei und Gebet für alle Menschen

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Darf sich die serbisch-orthodoxe Kirche noch christlich nennen? Kroatische Medien stellen angesichts der stark nationalistischen Ausrichtung serbischer Bischöfe diese Frage.

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Darf sich die serbisch-orthodoxe Kirche noch christlich nennen? Kroatische Medien stellen angesichts der stark nationalistischen Ausrichtung serbischer Bischöfe diese Frage.

Begonnen hat alles mit dem Hungerstreik, den der katholische Bischof von Banja Luka, Franjo Komarica, mit einem Aufschrei an die Weltöffentlichkeit zur Hilfe für seine leidenden und vertriebenen Gläubigen verband. Der Oberhirte erhielt viele zustimmende und aufmunternde Schreiben. Dem Stellvertreter desserbisch-orthodoxen Bischofs von Zagreb, Milenko Popovic, mißfiel jedoch die Aktion Komaricas. In einem Brief an den Amtsbruder der anderen Konfession verurteilte er dessen „einseitige Appelle”. Komarica hatte um „Beschützung seines (kroatischen katholischen, Anm. d. Bed.) Volkes mit allen verfügbaren Mitteln” gebeten.

Popovic sah darin den Aufruf eines katholischen Geistlichen an die Verantwortlichen der Welt, die Möglichkeit einer gewaltsamen Lösung in Bosnien nicht völlig aus den Augen zu verlieren. In seinem Schreiben an Komarica verwies er darauf, daß in der Gegend um Banja Luka nicht nur Katholiken zu leiden hätten, sondern daß „viele und noch drastischere Leiden das serbisch-orthodoxe Volk in Kroatien und in Bosnien zu ertragen” hätte. Diese Passage regte wiederum die in Zagreb erscheinende Kirchenzeitung „Glas koncila” (Stimme des Konzils) auf. In einem scharfen Kommentar ging die Redaktion mit Popovic ins Gericht.

Popovic' Klagen über das Elend des serbisch-orthodoxen Volkes seien nichts als bloße Behauptungen, heißt es da. „Wo sind unter kroatischer Regierung, in Gebieten, die ohne Kriegsschäden geblieben sind, serbisch-orthodoxe Bewohner ohne Bürgerrechte geblieben, wo wurde ihnen Arbeit oder wirtschaftliche Tätigkeit verweigert, wo sind sie zur Zwangsarbeit verurteilt oder wo gar als lebender Schutzschild für die kroatische Armee an der Frontlinie gezwungen worden? Wo in kroatischen Gebieten ohne Kriegsgeschehnisse wurden orthodoxe Priester und Ordensschwestern gefoltert, getötet und verbrannt? Wo brechen in kroatischen Gebieten regelmäßig und immer öfter bewaffnete Leute in serbische Wohnungen ein und töten deren Bewohner, hauen ihnen die Köpfe ab und ähnliches? Gibt es irgendeinen Platz und Ort, wo irgendeiner internationalen Organisation oder Beobachtern aus aller Welt der Zutritt zu einem serbischen Haus, zu einer serbischen Kirche oder einen Dorf in Kroatien verboten ist?”

Dann betont der Kommentar, daß selbst Popovic mit seiner Familie mitten in Zagreb in vollster Sicherheit leben könne: „Zagreb ist eine Stadt, die außerhalb des Kriegsgeschens geblieben ist und in der auch Serben leben. Banja Luka ist eine Stadt, die auch außerhalb des Kriegsgeschehens geblieben ist. Warum geht es den Kroaten in Banja Luka nicht genauso wie den Serben in Zagreb?” Man wolle nicht behaupten, daß es keine Gesetzesverstöße gegeben habe, heißt es in „Glas koncila”, aber „wie kann man die Lage der Kroaten in Banja Luka mit jener der Serben in Zagreb vergleichen?” Die Zeitung versteht auch nicht, warum Popovic Bischof Komarica einlade, einen gemeinsamen Appell gegen alle Übeltaten und Übeltäter zu erlassen, so als ob beide Völker gleiches litten oder gleichermaßen bedroht seien. „Unter allen erwähnten Übeltaten nennt er aber namentlich keine, die von Serben begangen worden ist.”

Popovic' Einladung an Komarica, sich gemeinsam mit ihm einzusetzen, daß die internationale Gemeinschaft den Völkern Ex-Jugoslawiens das Becht auf friedliche Selbstbestimmung in einem selbsterwählten Staat ermöglicht, wird von der Zeitung als leicht durchschaubare Botschaft dargestellt, mittels Referenden die Vollendung der ethnischen Säuberungen zu erreichen und Aussiedlungen als humanen Akt erscheinen zu lassen. „Wenn Popovic die friedliche Selbstbestimmung aller Völker im ehemaligen Jugoslawien befürwortet, in welchem Staat sie leben wollen, denkt er da auch an die Albaner im Kosovo und an die Moslems im Sandschak?”

Der Brief Popovic 'sei von Schuldaufteilung gekennzeichnet und verneine die Unterscheidung zwischen Aggressor und Opfer. „Wir haben es als nötig empfunden, diesen Offenen Brief des Herrn Popovic zu kommentieren”, heißt es abschließend in „Glas koncila”, „weil er sehr charakteristisch ist für Stellungnahmen und Verhalten unserer serbisch-orthodoxen Nachbarn, für deren Benutzung scheinbar christlicher und friedensstiftender

Worte, um der Weltöffentlichkeit zu vernebeln, was sich wirklich in unseren Gebieten ereignet.”

Ins gleiche Horn stößt auch der kroatische Franziskanerpater Bono Zvonimir Sagi im Wochenblatt „Globus”. Er ist überzeugt, daß die Tragödie der Kroaten in Banja Luka beweist, „daß die serbisch-orthodoxe Kirche zur Kriegsoption steht”. Die grundsätzliche Frage, die Zvonimir Sagi beschäftigt, ist: „Was passiert mit der Orthodoxie selbst? Ist sie noch ein ethischer Faktor in der Welt oder verliert sie immer mehr ihre authentische christliche Identität?” Zvonimir Sagi schränkt dann etwas ein: Man dürfe die Orthodoxie nicht mit einer autokephalen Kirche (der serbisch-orthodoxen, Anm. d. Red.) gleichsetzen, auch nicht mit einer bestimmten Hierarchie einer einzelnen Kirche, trotzdem sollte man ein gewisses gemeinsames Agieren auf der Grundlage des lebendigen christlichen Glaubens erwarten dürfen. Aber „das Beharren der serbisch-orthodoxen Kirche auf ein ,himmlisches Serbien' und auf ein serbisches Märtyrer-Volk' sei offensichtlich mehr Ideologie als Be-ligionsbotschaft. „Wenn wir uns weder beim Einsatz für die Menschenrechte noch bei der Auffassung über konkrete Pflichten zusammenfinden können, uns für verbannte oder gefolterte Menschen einzusetzen, denen das passiert, weil sie nicht ,unserem' Glauben angehören, dann ist es besser von Politik als von Religion zu reden.” Es handle sich dabei eigentlich um eine Ideologie, „wenn man mittels naionaler Symbole über Religion redet, wenn man Christus und seine Frohbotschaft zum Zwecke der Affirmation der eigenen Nation interpretiert”, schreibt und beklagt Bono Zvonimir Sagi.

Innerhalb der serbisch-orthodoxen Kirche gibt es zwei Gruppen: Die einen, die Bischöfe Anphilochiä, Arte-mija, Atanasije und Irinej, sind die nationalistischen Scharfmacher, die Zeloten, die - wie der serbische Schriftsteller Ivan Ivanji analysiert (ausführliches Interview auf Seite 9) -„eine sehr harte weltliche, proserbische, kriegshetzerische Politik betreiben”. Auf der anderen Seite stehen die Bischöfe Lavrentije und Jovan. Lavrentije, der den serbisch-orthodoxen Patriarchen Pavle im Frühjahr 1994 nach Wien begleitet hatte, hat lange Zeit in Deutschland gelebt. Jovan ist jetzt in Triest und hat sich etwas von Belgrad abgesondert. Beide, so Ivanji, vertreten „die friedliche, wirklich christliche Linie”. Was die schweigende Mehrheit der Bischöfe denkt, wisse man nicht, Gespräche mit Vertretern aus dem Westen scheuen sie. Patriarch Pavle selbst wird als ein im guten wie im schlechten Sinn „einfältiger Mensch” beschrieben, der keine Ahnung von weltlichen Dingen habe und hin- und hergerissen werde zwischen friedliebenden und scharfmacherischen Bischöfen.

Patriarch Pavle mußte vor kurzem harte Kritik seines Amtsbruders Arte-mija, des Bischofs von Kosovo, einstecken. Artemija hatte Pavles Aufforderung, für „alle” zu beten, da nämlich alle Menschen Kinder Gottes seien, heftig widersprochen. Da irre der Patriarch, meinte Artemija, nicht alle Menschen seien Kinder Gottes, sondern nur Geschöpfe Gottes. Kinder Gottes seien nur gläubige orthodoxe Christen. Da ist Pavle „ausnahmsweise”, wie Beobachter betonen, wütend geworden: Via Kirchenzeitung habe er, garniert mit vielen Bibelzitaten, versucht, Artemija zu widerlegen. „Was den Vorwurf betrifft, ich beschäftige mich mit Politik”, so Pavle wörtlich, „möge darüber urteilen, wer mehr von Politik versteht. Ich sage nur, wenn wir einmal vor den Herrn treten, dürfen wir nicht unter jenen sein, denen gedeutet wird, weg von hier, du bist verflucht.”

Diese Aussage wird von Beobachtern als deutliche Absage an den Kurs Artemijas gewertet, „für einen so stillen Menschen wie Pavle ist das sehr viel.”

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