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Der Besuch des neuen Patriarchen

Vom 10. September an absolviert der neue serbisch-orthodoxe Patriarch Irinej die erste Auslandsreise: Er kommt nach Wien, der viertgrößten serbischen Stadt.

Mit rund 400.000 Mitgliedern stellt die serbische Community die weitaus größte ethnische Gruppe in Österreich dar, 200.000 davon allein in Wien. Nach Belgrad, Novi Sad und Chicago ist Wien damit also die „viertgrößte“ serbische Stadt. Wenn von katholischer Seite die Rolle Wiens als Brückenkopf zwischen Ost und West beschworen wird – hier findet man ihn: in der überwiegend tief religiös geprägten serbischen Community.

So eng die Geschichte Serbien und Österreich seit der Habsburgerzeit aneinander bindet, so fremd ist vielen Österreichern bis heute diese Welt – insbesondere aufgrund ihrer orthodoxen Wurzeln. Zum Abbau dieser Barrieren sowie zu einer Verbesserung des u. a. durch die Kosovopolitik beschädigten serbischen Images soll der Österreichbesuch des neuen serbisch-orthodoxen Patriarchen Irinej (Gavrilovic´) beitragen.

Offiziell gilt der Besuch vom 10. bis 14. September dem 150-jährigen Bestehen der serbisch-orthodoxen Kirchengemeinde St. Sava in Wien – zugleich die älteste Kirchengemeinde der serbisch-orthodoxen Diözese Mitteleuropa, zu der auch die Serben in Österreich gehören. Inoffiziell wird die Visite aber als Testfeld für eine im Umbruch begriffene serbisch-orthodoxe Kirche insgesamt gesehen.

Ein unter dem letzten, nach langem Siechtum im November 2009 verstorbenen Patriarchen Pavle aufgelaufener Reformstau, kircheninterne Machtkämpfe um eine im Raum stehende Neustrukturierung der Diözese Mitteleuropa unter dem in Hildesheim residierenden, immer wieder mit der Staatsanwaltschaft aneinandergeratenen Bischof Konstantin (Djokic´) belasten die Kirche.

Die Absetzung des umstrittenen Kosovo-Bischofs Artemije (Radosavljevic´) im Mai dieses Jahres war dabei nur ein erstes äußeres Zeichen für diesen Umbruchprozess.

Beispiele der inneren Gespaltenheit sind die Fragen einer Öffnung der Kirche zur Ökumene und zum interreligiösen Dialog sowie ihre Haltung zur EU-Integration Serbiens und zur Kosovofrage.

Nicht nur Freunde innerhalb des eigenen Episkopats hat sich Irinej etwa mit der wiederholten Aussage gemacht, er hoffe auf ein Zusammentreffen mit Papst Benedikt XVI. im Rahmen der 1700-Jahr-Feierlichkeiten zum „Toleranzedikt von Mailand“ im Jahr 2013 in NiÇs.

Und auch die EU-Öffnung Serbiens ist umstritten, wie die Aussage Artemijes in einem Interview zeigt, in dem er erklärte, die europäische Integration drohe, die „Werte des Evangeliums durch ‚europäische Werte‘ zu ersetzen“. Patriarch Irinej schlägt hingegen sanftere Töne an: Es gebe keinen Grund, sich vor der Europäischen Union zu fürchten, falls Europa die serbische Identität, Kultur und Religion achte: „Wir wollen ganz gewiss zu dieser Familie der europäischen Völker gehören.“

Ein eigener Bischof für Österreich?

Zumindest nach außen hin unstrittig verhält sich die serbische Orthodoxie in der Kosovofrage. Die Kirche müsse dem serbischen Staat helfen, die abgespaltene Provinz – den „Altarraum Serbiens“ – wieder zurückzubekommen, lautet das Credo von ganz rechts bis zu den Reformkräften. Doch auch diese Phalanx bröckelt bei genauerem Hinsehen: So drängt Patriarch Irinej immer wieder auf eine rasche Lösung der Kosovofrage, die weder zuungunsten der Serben noch der Albaner ausfallen dürfe. Und hinter vorgehaltener Hand geben Insider zu: Hinter die politische Statusfrage kommt auch die Kirche nicht mehr zurück. Nun gelte es, Modelle zu entwickeln, wie die Ethnien in Frieden miteinander leben können.

Für den eminent politischen Charakter des kommenden Patriarchenbesuchs sorgten bereits im Vorfeld aufgekommene Spekulationen um die Schaffung einer eigenen serbisch-orthodoxen Diözese für Österreich. Dabei war es Patriarch Irinej selbst, der diese Spekulationen im Gespräch mit österreichischen Journalisten Ende August mit der Aussage genährt hatte, dass ein eigener, in Österreich residierender Bischof „den Gläubigen sicher näher sein könnte“. Bislang sei dies „nur eine Idee“, so der Patriarch, die Frage solle aber bei der nächsten Bischofssynode im Anschluss an die offizielle Inthronisation Irinejs am 3. Oktober im kosovarischen Pec besprochen werden.

Ein Höhepunkt des Besuchs dürfte – neben den festlichen Liturgien in Wien und Linz (im Beisein u. a. von Kardinal Christoph Schönborn) sowie der Teilnahme an der 50. Maria-Namen-Feier in der Wiener Stadthalle – die Ernennung des Patriarchen zum „Protektor“ der Stiftung „Pro Oriente“ sein. Im Rahmen des Festaktes in der Wiener Nationalbibliothek wird der Patriarch eine Rede zum Thema „Die serbisch-orthodoxe Kirche und zwischenkirchliche Kontakte mit besonderer Berücksichtigung des 1700-sten Jahrestages des ‚Mailänder Edikts‘“ halten.

Vielleicht wird dies der Ort, der Neuausrichtung der Kirche Konturen und der im Raum stehenden Einladung an Papst Benedikt XVI. öffentlich Nachdruck zu verleihen.

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