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Kardinal redet Sowjet-Sprache

Religionsführertreffen in Moskau: ein "Winkelgipfel" ohne orthodoxe Weltführung.

D em diesjährigen G8-Gipfel in St. Petersburg legt Präsident Putin am Samstag eine interreligiöse Resolution für Weltfrieden zwischen den Zivilisationen und für globale soziale Gerechtigkeit vor. Gleichzeitig werden Gewalt und Terror im Namen von Glaubensüberzeugungen geächtet. Dieses Dokument hat Anfang Juli der in Moskau abgehaltene "Gipfel der Religionsführer" verabschiedet. Von ihm blieben allerdings Benedikt XVI. ebenso wie der Dalai Lama von vornherein ausgeschlossen. Die russische-orthodoxe Kirche wollte keinen Papst im Land - dem prominentesten Buddhisten verweigerte das Moskauer Außenamt aus Rücksicht auf China das Visum.

Wenig beachtet blieb hingegen bei uns das Fernbleiben fast aller orthodoxen Amtsbrüder von Patriarch Aleksij II. bei dessen Moskauer Großveranstaltung. Sein kirchliches Außenamt erklärte das mit "gesundheitlichen und Alters-Gründen". Was für den serbischen Patriarchen Pavle und Rumäniens Teoctist zutraf, um deren Beteiligung sich die Russen besonders bemüht hatten.

Der Ökumenische Patriarch der Orthodoxie, Bartholomaios I. von Konstantinopel, und mit ihm die Patriarchen von Alexandria, Antiochia und Jerusalem blieben in Moskau hingegen fern, weil ihnen für ihre Teilnahme unannehmbare Bedingungen gestellt wurden: Sie sollten dort den ersten Platz dem russischen Patriarchen einräumen, obwohl Moskau in der orthodoxen Rangliste erst an fünfter Stelle steht. Dieses Zurücktreten hätte einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen, da Aleksij II. und noch mehr sein starker Mann, Außenamtschef Metropolit Kiril von Smolensk, ohnedies schon länger nach der gesamtorthodoxen Führung streben.

Kampffelder dieser Auseinandersetzung sind nicht nur Estland, die Ukraine oder die russische Diaspora in Westeuropa, sondern zuletzt gerade Budapest, dessen griechisch-orthodoxe Maria-Himmelfahrtskirche in der Ostblockzeit von Moskau usurpiert worden war und auch nach der Wende weiter in Anspruch genommen wird: Mit der Begründung, dass es seit dem Fall von Konstantinopel 1453 gar kein Ökumenisches Patriarchat mehr gebe, sondern Moskau an seine Stelle getreten sei ...

Abgesehen vom Charakter eines orthodoxen "Winkelgipfels", der außerhalb jeder kanonischen Ordnung über die Bühne ging, erinnerte dieses weltreligiöse Gipfeltreffen, das Moskaus Wandel von der einstigen Hauptstadt des Weltkommunismus unter Beweis stellen sollte, doch in vielem an die Weltfriedenskonferenzen der sowjetischen Ära. Damals wurden vom Kreml Patriarchen und Bischöfe, Pfarrer und Mönche, Rabbiner, Imame, hinduistische und buddhistische Würdenträger zusammengerufen, um den Anschein vom friedensfreundlichen Kommunismus durch ihre Präsenz und Voten für alle religiös Leichtgläubigen in Ost und West zu betonen.

Das damalige Schlagwort "Völkerfreundschaft" wurde jetzt in Moskau sogar von keinem Geringeren als Kardinal Walter Kasper, dem Leiter des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, wieder in den Mund genommen: "Wir waren uns einig, dass Religion für Frieden steht und für die Freundschaft zwischen den Völkern."

Nur steht jetzt statt internationalistischem Friedenskampf die patriotisch-nationalorthodoxe Infragestellung der allgemeinen Menschenrechte und einer vollen Religionsfreiheit im Mittelpunkt, die ungehinderte Verkündigung der eigenen Glaubensüberzeugung gewährleistet. So war in Moskau von "bodenständig russisch-orthodoxen" Menschenrechten und einem Bekehrungsverbot für Kirchen und Religionen untereinander die Rede. Davon ausgenommen blieb nur die russisch-orthodoxe Kirche, welche heute die gesamte ehemalige Sowjetunion als "kanonisches Territorium" unter ihrer exklusiven Jurisdiktion in Anspruch nimmt.

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