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Glaube und Macht in der Orthodoxie

1945 1960 1980 2000 2020

Die Frage des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, zwischen geistlicher und weltlicher Macht, zwischen religiöser und politischer Führung stellt sich für die Orthodoxie in einer ganz spezifischen Weise - wie ein Gang durch die Geschichte verdeutlicht.

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Die Frage des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, zwischen geistlicher und weltlicher Macht, zwischen religiöser und politischer Führung stellt sich für die Orthodoxie in einer ganz spezifischen Weise - wie ein Gang durch die Geschichte verdeutlicht.

Eine Kernfrage bildet für die oströmische Christenheit und die aus ihr hervorgegangene Orthodoxie von früh an das Verhältnis Kirche-Staat. Auf dem Prüfstein steht es gerade wieder in Griechenland. Dort stellt eine laizistische Linksregierung die traditionelle Verwicklung von öffentlichen und kirchlichen Belangen in Frage. Die gängige Gleichsetzung von nationalem Griechentum und griechisch-orthodoxem Glauben abzuschaffen, wird jedoch schwer fallen. Mit vollem Gewicht hat sich die Kirche-Staat-Problematik in Russland entwickelt. Dort scheint sich unter Wladimir Putin ein neuer Cäsaropapismus abzuzeichnen. Doch der Schein trügt.

Das Römische Reich hatte sich im 4. Jahrhundert vom Christenverfolger über das Toleranzedikt von Kaiser Konstantin für alle Religionen in den intoleranten christlichen Staat des Heiden- und Ketzerverfolgers Theodosius verwandelt, der als letzter Gesamtkaiser auch über Westrom herrschte. Sein "theodosianisches Konzept" kam daher nur im oströmischen Byzanz zum Tragen und wurde an die von dort christianisierten Süd-und Ostslawen weitergereicht. Im Abendland hingegen war es mit dem Kaisertum schon 476 zu Ende. Die Kirche sah sich mit noch heidnischen oder arianisch-christlichen Germanen als Trägern der weltlichen Gewalt konfrontiert. Von einem Staat rechtgläubiger katholischer Christen konnte da keine Rede mehr sein. Doch übernahm das Papsttum langsam aber sicher immer mehr Funktionen einer politischen christlichen Macht. Eine Entwicklung, wie sie dann auch in Konstantinopel nach dessen Fall 1453 unter osmanischer Herrschaft beim Ökumenischen Patriarchat zu verfolgen ist.

Bilderstürmer und Revolutionäre

Im ostmediterranen Raum erfolgte eine erste Einschränkung der totalen "Symphonie" - so das kanonische Recht - zwischen Kirche und Staat durch die arabisch-islamische Eroberung der Patriarchatssprengel von Alexandria, Antiochia und Jerusalem und die anschließende Regierung bilderfeindlicher Kaiser im byzantinischen Rest. Jetzt sah sich die rechtgläubige ("orthodoxe") Reichskirche von den eigenen Herrschern verfolgt, hingegen durch die Kalifen im Rahmen eingeschränkter Kultfreiheit toleriert und in Sachen der Verehrung von sakralen Mosaiken und Ikonen sogar beschützt. Von daher entwickelte sich eine ganz andere Auffassung vom Verhältnis der Kirche zu einem nichtchristlichen Staat, der ihr zwar nur ein Minimum freier Entfaltung gewährleistet, sie aber vor noch Schlimmerem behütet.

Schon Ende des 18. Jahrhunderts waren das nicht mehr Bilderstürmer, sondern die Glaubens- und Kirchenfeinde der Französischen Revolution. Ihre Ideen fanden dennoch bei den christlichen Untertanen des Sultans Verbreitung, gaukelten ihnen eine revolutionäre Befreiung vor. Gegen diesen Irrtum wandte sich Patriarch Anthimos von Jerusalem (1788-1818). Nach mehreren ekklesiologischen und exegetischen Schriften, die übrigens 1791/92 in Wien gedruckt wurden, veröffentlichte er 1798 in Konstantinopel eine "Väterliche Ermahnung" mit dem Grundsatz: besser für die Kirche eine nicht-christliche Obrigkeit, die ihr Wirken einschränkt, sie aber auch legitimiert, als ein areligiöser, antiklerikaler, laizistischer Staat.

Durchgesetzt haben sich aber dann mit einem Adamantios Korais, welcher der "Väterlichen Ermahnung" seine "Brüderliche Anweisung" entgegenstellte, die Verfechter der gewaltsamen Herauslösung orthodoxer Nationalstaaten und -kirchen aus dem multireligiösen Osmanischen Reich. Dieser Zustand herrscht bis heute in Griechenland und auf Zypern. Dort hatte sich sogar unter Erzbischof-Präsident Makarios (1960-1977) eine Unterordnung der staatlichen unter die kirchliche Führung bei deren Personalunion durchgesetzt.

Cäsaropapismus

Die bis heute wichtigsten Entwicklungen im orthodoxen Kirche-Staat-Verhältnis vollzogen sich jedoch bei den Ostslawen. Dort hatte sich nach der "Taufe der Rus" 988 das byzantinische Modell der Einheitssymphonie geistlicher und weltlicher Gewalt etabliert. Angesichts der innerhalb des gesamten Fürstenclans - wie heute in Saudi-Arabien - auf den Nächstältesten übergehenden Großfürstenwürde gestaltete sich das Amt des Metropoliten von Kiew zur konstanten tonangebenden Autorität. Die Mongolen-und später die Polenherrschaft über weite Teile der ostslawischen Orthodoxie führten zu keiner "Unterwerfungsideologie" wie in Byzanz den Arabern und Türken gegenüber: Das frei gebliebene Nowgorod und später Moskau kristallisierten sich als neue Schwerpunkte kirchlich-staatlicher Geschlossenheit. Das Schwergewicht lag dabei teils auf der staatlichen Seite, öfter jedoch in der Hand des 1589 zum Patriarchen "der gesamten Rus und des ganzen Nordens" aufgerückten Metropoliten von Moskau.

Seinen Höhepunkt erreichte dessen Aufwertung zur Mitte des 17. Jahrhunderts durch Patriarch Nikon (1652-1666). Nach seinem Sieg in der Auseinandersetzung um eine Liturgiereform fühlte er sich stark genug, es auch mit Zar Alexei I. aufnehmen zu können. In einer Handschrift bezeichnete er sich sogar als "Velekij Gossudar", als "Großer Alleinherrscher". Also eine Art orthodoxer Bonifaz VIII., der geistliche und weltliche Gewalt in seiner Person vereinen wollte.

Noch ein halbes Jahrhundert später für Peter den Großen ein Grund, das Patriarchat abzuschaffen und sich selbst in absolutistischer Manier zum Kirchenchef zu machen. Die Symphonie blieb im Prinzip erhalten, doch war nun der russische "Imperator" Dirigent aller, auch der kirchlichen Organe. Was dann für alle Nachfolger Peters bis 1917 gültig blieb. Nur für diese Ära darf von einem Cäsaropapismus gesprochen werden, wie er gern der gesamten Orthodoxie aller Zeiten als Etikett angehängt wird. Gleich nach Abdankung des letzten Zaren wusste die russische orthodoxe Kirche nichts Eiligeres und Wichtigeres zu tun, als ein Konzil einzuberufen und den neuen Patriarchen Tichon zu wählen.

Einordnung ins Bolschewiken-System

Dieser versuchte eine innerkirchlich freie, dem Sowjetstaat politisch loyale Kirche zu verwirklichen. Was zunächst in grausamer Verfolgung zu scheitern schien, dann aber von 1943 bis zur Perestrojka mehr oder weniger zur harmonischen Unter-und Einordnung ins Bolschewiken-System im Sinn eines von dessen Islam-zur Kommunistenhörigkeit umgedeuteten Anthimos von Jerusalem geführt hat.

Nach der Wende ist die befreite Moskauer Kirche neben Präsident Jelzin zunächst ihren eigenen Weg gegangen. Dieser ist aber seit Putin und Medwedew wieder in einstimmige Symphonie mit der nostalgisch-vorrevolutionär ausgerichteten Russländischen Föderation gemündet. Dabei herrscht zwar oft der Anschein, dass die orthodoxe Kirche politische Ziele Moskaus unterstützt. Das aber nur dann, wenn sie mit kirchlichen Anliegen identisch sind, wie beim Eintreten für christlich-ethische Werte gegen Verwirrungen und Verirrungen des Zeitgeistes. Insgesamt dürfte Putin, dessen Position ohne das Rückgrat der Orthodoxie als Ideologie und Sympathiefaktor ziemlich in der Luft hängt, mehr von der russischen Kirche abhängig sein als diese von ihm.

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