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Russische Kirchen-Einheit

Im Gefolge der kommunistischen Revolution 1917 trennte sich die russische Auslandskirche von der Orthodoxie im Mutterland. Am 17. Mai kehrt die Auslandskirche "nach Moskau" zurück.

Vor wenigen Jahren hatte noch als unmöglich gegolten, was am Christis Himmelfahrtstag 2007 umgesetzt wird: Die russische Auslandskirche kehrt nach Moskau zurück. Die volle kanonische Einheit mit der russisch-orthodoxen Kirche wird wiederhergestellt. Die Trennung war politisch bedingt, wie von beiden Seiten betont wird, und keine Frage der Glaubenslehre. Doch verhinderten drei Streitpunkte die Einigung: der politische Kompromiss mit der Sowjetregierung, die ausstehende Anerkennung der Märtyrer und die Ökumene mit den Kirchen des Westens.

Überleben in der Hölle

Für dieses historische Ereignis wurde eine eigene Liturgie entworfen, just im Gedenkjahr der kommunistischen Revolution von 1917, Auslöser der grundlegenden atheistische Umgestaltung Russlands. Der Preis für die kommunistische "klassenlose Gesellschaft" und das Streben nach dem "Paradies auf Erden" bis heute im Westen wenig bekannt. Nach dem Bürgerkrieg zwischen "Weißen" und "Roten" folgten Repressionswellen durch Lenin und Stalin. Von der Parteizentrale wurden Quoten "der auszumerzenden konterrevolutionären Elemente" festgesetzt: Politiker, Wirtschafter, Wissenschafter, Künstler, Schriftsteller. Ein Großteil der militärischen Führung wurde ermordet. 1921/22 waren schon unter Lenin fünf Millionen Bauern in der Ukraine verhungert. Der Große Terror erreichte 1937/38 seinen Höhepunkt. Eineinhalb Millionen Menschen wurden in diesen zwei Jahren verhaftet, nahezu die Hälfte, 680.000, hingerichtet. Es war ein Blutbad unbekannten Ausmaßes.

Und die Kirche blieb nicht ausgespart: allein 1937 100.000 Hinrichtungen - Nonnen, Mönche und Priester. Alle Klöster, alle theologischen Hochschulen wurden geschlossen, die Kirche in wilder Wut zerstört.

Die Folge war tausendfache Emigration. Wie sollte jetzt die Seelsorge im Ausland gewährleistet werden, abgeschnitten von der Hierarchie in der Heimat? Patriarch Tichon erteilte den geflohenen Bischöfen den Auftrag zur Seelsorge in weitgehender Autonomie. Die Auslandskirche kritisierte jedoch die "servile Haltung" der Mutterkirche gegenüber der Sowjetregierung.

Es war ein "Genozid gegen das eigene Volk", betont heute Patriarch Aleksij II. Bei der Volkszählung 1937 hatten noch 70 Prozent angegeben, gläubig zu sein. Trotzdem konnten sich die kirchlichen Strukturen einzig in den 1939/40 annektierten Gebieten erhalten: im Baltikum, im westlichen Weißrussland bzw. östlichen Polen, in der Westukraine. Der einsetzende Weltkrieg bewahrte Kirchen und Klöster dieser Gebiete vor der Schließung. Sollte die Kirche in den Untergrund gehen oder einen Kompromiss suchen? Diese Frage stellte sich nicht mehr. Die Kirche sah sich der Gefahr völliger physischer Auslöschung gegenüber.

Stalin rehabilitiert die Kirche

Erst in der Bedrängnis der Hitlertruppen entsann sich Stalin der Kirche. Sie sollte dem Staat patriotischen Nutzen bringen - und eine Panzerdivision finanzieren. 1943 konnte ein neuer Patriarch gewählt werden. Einige Seminare, Klöster und Pfarren wurden wiedereröffnet. Aber nur eine Kirche der Sakristei war gestattet. Jede weiter gehende gesellschaftliche Tätigkeit wurde unterbunden. Bischöfe mussten ihre Predigt der staatlichen Zensur unterwerfen. Zwar war die physische Vernichtung zu Ende. Aber Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow verstärkte wieder die Repressionen. Es folgte die innere, vom Staat gelenkte Demoralisierung der Kirche. Der Geheimdienst war allgegenwärtig. Unter diesen Bedingungen galt es zu überleben.

Die Auslandskirche entschied sich für den Widerstand - freilich im sicheren Ausland. Sie löste sich nun völlig von der Mutterkirche. Es genügte die Begründung, dass der spätere Patriarch Sergij 1927 öffentlich auf den Widerstand gegen die Sowjetmacht verzichtet hatte. Und doch blieb die Trennung provisorisch., "solange die Kirche in Russland nicht frei war", so Metropolit Antonij, das erste Oberhaupt der Auslandskirche.

Und ist sie jetzt frei? "Jeder Mensch mit Hausverstand sieht die Wiedergeburt des Glaubens in den Seelen der Menschen und die neue Freiheit der Kirche", betonte Patriarch Aleksij bei einer Pressekonferenz am 2. April 2007. Deshalb gebe es keinen Grund, die Trennung aufrecht zu erhalten. Die Bilanz der 20 Jahre seit der Wende ist beachtlich: Die Zahl der Pfarren stieg auf das Dreifache. 600 Klöster wurden wiedereröffnet - 1988 gab es nur 22. Die Zahl der Diözesen verdoppelte sich auf 130.

Die Auslandskirche forderte nun eine klare Stellungnahme des Moskauer Patriarchats zur Politik. Im Jubiläumsjahr 2000 kam ein Bischofskonzil indirekt diesem Wunsch nach. Hunderte Bekenner und Märtyrer der Sowjetdiktatur wurden heilig gesprochen. Vier Jahre später setzten Patriarch Aleksij II. und Metropolit Lavr von der Auslandskirche einen symbolischen Akt: Sie legten den Grundstein für eine Kirche auf dem Hinrichtungsplatz des sowjetischen Innenministeriums in Butowo (Abb. oben). Aussagekräftig ist auch der Ort, wo die Vereinbarung zur Vereinigung unterzeichnet wird: die Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau - von Stalin abgerissen, 2000 neu aufgebaut.

Auch das sensible Verhältnis zum Staat fand eine offizielle Klärung in der für die Orthodoxie einzigartigen Sozialkonzeption. Das Bischofskonzil erklärte ein grundsätzliches Ja zur Loyalität gegenüber dem Staat mit dem Recht auf Widerstand, wenn staatlicherseits die Gebote des Evangeliums verletzt werden.

Modell für die Ökumene?

Damit waren zwei Hindernisse der Einheit ausgeräumt. Ein letztes blieb: Die Auslandskirche hatte bis heute alle ökumenischen Kontakte abgelehnt. Sie war auch gegen eine Mitgliedschaft der Russischen Orthodoxen Kirche im Weltkirchenrat. Diese Frage ist nicht endgültig geklärt. In Zukunft werden die Bischöfe der Auslandskirche ihre Stimme aber in den Räten des Patriarchats einbringen können.

Der Zusammenschluss bleibt ein einzigartiges Ereignis: Parallele Kirchenstrukturen, die sich innerhalb von 90 Jahren entwickelt haben, werden unter einem Dach vereinigt. Das gilt für das kanonische Territorium des Moskauer Patriarchats wie für die weltweite Diaspora und das Heilige Land.

Dass gerade die Frage der Jurisdiktion nicht einfach wird, lässt sich aus der Übergangsfrist von fünf Jahren erkennen. Erzpriester Wladimir Zypin, Professor für Kirchenrecht an der Moskauer Geistlichen Akademie, hält diese "Detailfragen" jedoch nicht für kirchentrennend. Die Auslandskirche erhält weit gehende innere Autonomie vergleichbar zu der orthodoxen Kirche in der Ukraine. Sie entsendet Vertreter in entscheidungstragende Versammlungen des Patriarchats: in den Heiligen Synod, das Bischofs- und das Landeskonzil. Sie bleibt also Teil der russisch-orthodoxen Kirche, weil sie kein eigenes kanonisches Territorium besitzt.

Wird diese wiedererlangte Ein-heit zu einem ökumenischen Mo-dell? Gehören doch parallele Kirchenstrukturen zu den Reibeflächen in den Beziehungen zwischen Orthodoxie und römisch-katholischer Kirche. Die Auslandskirche kehrt als Teil der russischen Kirche zu ihrer Mutterkirche zurück. Auf einer anderen Ebene steht der Dialog mit der katholischen Kirche - in ekklesiologischer, dogmatischer und administrativer Hinsicht.

Der Autor ist Universitätsassistent für Ostkirchenkunde in Wien.

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