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Großes Feld für Mission

1945 1960 1980 2000 2020

„Wöchentlich kommen zu mir vier bis fünf orthodoxe Priester, manchmal mit, manchmal ohne Gemeinde und bitten um Aufnahme in die katholische Kirche.” Dies berichtete der ukrainischkatholische Generalvikar Iwan Dacko Mitte November in Salzburg. Auch die autokephale orthodoxe Kirche meldet ähnliche Eintrittswellen.

1945 1960 1980 2000 2020

„Wöchentlich kommen zu mir vier bis fünf orthodoxe Priester, manchmal mit, manchmal ohne Gemeinde und bitten um Aufnahme in die katholische Kirche.” Dies berichtete der ukrainischkatholische Generalvikar Iwan Dacko Mitte November in Salzburg. Auch die autokephale orthodoxe Kirche meldet ähnliche Eintrittswellen.

Der Zulauf zur ukrainisch-katholischen Kirche scheint verständlich. Über vierzig Jahre war sie verboten und in den Untergrund gedrängt. Vielen erscheint sie daher nicht nur attraktiv, weil sie die Religionsgemeinschaft der Eltern war, sondern auch, weil sie im Rufe steht, nicht mit der kommunistischen Regierung zusammengearbeitet zu haben und „Katakombenkirche” zu sein (dazu: Franz Gansrigier, Jeder war ein Papst, Otto Müller Verlag, Salzburg 1991).

Auf den ersten Blick unverständlich wirkt jedoch das Interesse an der ukrainisch-autokephalen orthodoxen Kirche. Sie ist in sich zerstritten, eine ihrer wichtigsten Persönlichkeiten, Filaret Denyssenko mußte im Vorjahr als Metropolit von Kiew zurücktreten, weil er im Geheimdienst eine wesentliche Rolle gespielt hat und weil starke Indizien für ein eheähnliches Lebensverhältnis während seines Wirkens als Metropolit existieren. Außerdem wird sie von keiner anderen orthodoxen Kirche anerkannt.

Was bewegt nun Menschen, sich scharenweise dieser Kirche anzuschließen?

Sie und die anerkannte, Moskau unterstehende ukrainisch-orthodoxe Kirche (und weitgehend auch die ukrainisch-katholische Kirche) unterscheiden sich in ihrem Erscheinungsbild, in ihrem Ritus so gut wie gar nicht. Ein Gläubiger kann am Ablauf des Gottesdienstes kaum erkennen, welche Konfession gerade Messe feiert. Auch bestehen zwischen den beiden „ukrainisch-orthodoxen” Kirchen keine Glaubensdifferenzen. Es entsteht somit der Eindruck, man könne frei wählen.

Dann kann man eben auch die Kirche wählen, die am besten in das neuerstarkte Nationalbewußtsein paßt, und das ist die unabhängige (weil autokephale) orthodoxe Kirche. Dementsprechend hat sie nach einer staatlichen Meinungsumfrage auch unter den Bevölkerungsgruppen den stärksten Zulauf, die am ehesten bereit sind, sich für eine unabhängige Ukraine zu engagieren.

Dazu kommt, daß der kirchlicherseits abgesetzte Metropolit Filaret nach wie vor die Unterstützung von Staatspräsident Krawtschuk besitzt und daher staatlicherseits gleichsam als Repräsentant der ukrainischen Kirche im ukrainischen Staat behandelt wird.

Für viele Gläubige scheint jedoch noch ein Punkt von Bedeutung zu sein, der den Machtstreitigkeiten an der Spitze der ukrainisch-autokephalen orthodoxen Kirche konträr ist. Unter den verschiedenen Strömungen, aus denen sich die autokephale Kirche zusammensetzt, ist auch jene, die nicht bereit war, in irgendeiner Form mit der kommunistischen Regierung zusammenzuarbeiten, diesen Vorwurf aber gegen die orthodoxe Kirche erhob, sich daher von ihr mehr oder weniger entschieden distanzierte und durch Jahrzehnte im Untergrund wirkte. Diese Strömung besitzt natürlich unter den Gläubigen ein hohes Ansehen.

Fraglich bleiben die zwischenkirchlichen Streitigkeiten vor allem in Anbetracht der Tatsache, daß sich nach 70 Jahren Kommunismus drei Viertel der Ukrainer als Atheisten oder konfessionslos bezeichnen. Ein großes Feld für gemeinsame Mission.

Neben zahlreichen Splittergruppen existieren derzeit drei wesentliche Religionsgemeinschaften, die alle die Bezeichnung ukrainische Kirche tragen: Die ukrainisch-orthodoxe Kirche, die ihre inneren Angelegenheiten selbst regelt, die nach außen jedoch vom Moskauer Patriarchen vertreten wird, ist von den anderen orthodoxen Kirchen als rechtmäßig angesehen.

Dazu kommt die ukrainisch autokephale orthodoxe Kirche, die im amerikanischen Exil gegründet wurde. Gegenwärtig ist sie von internen Konflikten geprägt. Der wegen Kollaboration und eines eheähnlichen Verhältnisses abgesetzte Metropolit von Kiew wurde von einem Teil der

Bischöfe zum „stellvertretenden Oberhaupt” gewählt, was das Oberhaupt, Patriarch Mystislaw jedoch ablehnte. Mit Rom vereint ist die ukrainischkatholische (auch unierte oder griechisch-katholische) Kirche, die 1984 von Stalin verboten und 1990 wieder zugelassen wurde.

Der Autor ist Mitarbeiter von Pro Oriente.

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