Konfessionelle Vielfalt und Wirrnis

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Auch in religiöser Hinsicht gleicht die Ukraine einem gordischen Knoten. Katholische Orden sind vielfach gefordert.

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Auch in religiöser Hinsicht gleicht die Ukraine einem gordischen Knoten. Katholische Orden sind vielfach gefordert.

Unter den ehemaligen Sowjetrepubliken bildet die Ukraine das markanteste Beispiel dafür, wie sich politische, ethnische, historische und religiöse Widersprüche und Probleme im Prozeß der Nationsbildung zu einem beinahe schon gordischen Knoten verflochten haben. Die heutigen Grenzen der Ukraine haben sich erst bis zum Jahre 1954, als die Halbinsel Krim dazukam, herausgebildet. Bis dahin war das Territorium der Ukraine Schauplatz eines jahrhundertelangen Kampfes um Einflußsphären, Territorien und auch um die geistige (religiöse und ideologische) Kontrolle der Bevölkerung zwischen dem Russischen Reich, Polen, Österreich-Ungarn und Rumänien.

Religiös stand das Land immer am Kreuzweg des Einflusses zweier Konfessionen, der römisch-katholischen und griechisch-katholischen (unierten) Kirche sowie der orthodoxen Kirche, die heute in drei Zweige gespalten ist: einem dem Moskauer Patriarchat unterstellten, einem davon abgespaltetenen Kiewer Patriarchat und einer durch die Rückkehr aus dem Exil gebildeten autokephalen Kirche.

Die religiöse Vielfalt wurde in der kommunistischen Epoche massiv unterdrückt. Die Tätigkeit der katholischen Kirche war nur im Untergrund möglich; zur Betreuung der Ostukraine standen lediglich sechs Priester zur Verfügung. Mit Michail Gorbatschow wurde auch eine religiöse Tätigkeit der katholischen Kirche und ihrer Orden wieder möglich, im Jahre 1990 kam es sogar zur Wiederzulassung der mit Rom verbundenen unierten Kirche.

Im Zuge dieser Entwicklung kehrten auch die Franziskaner vor allem über Polen wieder in die Ukraine zurück, ein Orden, der - wegen der in Polen besonders gepflegten Verehrung des Franziskanerpredigers Bernhard von Siena (1380- 1444) - in der Ukraine heute noch als Bernhardiner-Orden bezeichnet wird. Bereits in der Phase des sowjetischen Zusammenbruchs begannen polnische Franziskaner damit, ihre ehemaligen Niederlassungen in der West- und der Zentralukraine zu besuchen, die bis zur Teilung Polens Ende des 18. Jahrhunderts zu diesem Staat gehörte, der sich einst bis vor die Tore Moskaus erstreckt hatte.

Gestützt zunächst auf die Reste der polnischen Minderheit wurden die Gemeinden wieder aufgebaut, kam es nach der Rückgabe von zweckentfremdeten, schwer beschädigten und beinahe zerstörten Klöstern und Kirchen auch zu einem Aufbau im materiellen Sinne des Wortes. Zur Bearbeitung der pastoralen Anliegen und der finanziellen Bedürfnisse der Franziskaner in Mittelosteuropa und auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion wurde eine Missionszentrale in Wien ins Leben gerufen, die im Oktober 1995 offiziell ihre Tätigkeit aufnahm.

Ukrainer, Russen, Polen Der Leiter der Missionszentrale, Pater Ulrich Zankanella, hat Ende Oktober die Ukraine besucht, um sich selbst ein Bild von der Entwicklung und den Anliegen seiner Mitbrüder zu machen. Ausgangspunkt der Reise in Begleitung des Autors und des polnischen Paters Elizeusz Hrynko, der in den vergangenen sieben Jahren eine enorme Aufbauarbeit in der Ukraine geleistet hat, bildete die Stadt Schitomir, 135 Kilometer westlich von Kiew.

In Schitomir leben etwa 300.000 Einwohner, davon sind an die 50.000 polnischer Abstammung. Schitomir selbst ist ein gutes Beispiel für die Vielfalt religiösen Lebens in der Ukraine. In der Stadt gibt es eine autokephale orthodoxe Kirche, drei orthodoxe Kirchen des Moskauer und eine des Kiewer Patriarchats, zwei katholische Kirchen - eine franziskanische und eine Kirche der Diözese, die gleichzeitig Sitz des Bischofs ist - sowie eine baptistische Gemeinde. Jeden Sonntag feiern die Franziskaner in Schitomir sechs Messen, davon eine in russischer, zwei in ukrainischer und drei in polnischer Sprache. Diese Aufteilung spiegelt auch die Struktur der Gläubigen wider, und zwar nicht nur in Schitomir, sondern in der gesamten Zentralukraine.

Die alten Menschen, angesichts von Repression und Krieg vorwiegend Frauen, gehören der polnischen Minderheit an, die während der sowjetischen Herrschaft unter beträchtlichen persönlichen Opfern an ihrem Glauben festgehalten haben.

Daher wird in der Ukraine nach wie vor katholisch mit polnisch gleichgesetzt. Durch Mischehen und Assimilation ist jedoch eine katholische Kirche im Entstehen begriffen, deren jüngere und junge Generation Ukrainisch als Muttersprache hat und trotzdem katholisch ist. Dieser Entwicklung entspricht etwa die religiöse Gliederung in Schargorod, einem Ort im Oblast Winniza, der eine starke katholische Minderheit aufweist: Von den 7.000 Einwohnern sind etwa 3.000 katholisch, wobei diese Gruppe nach Angaben der Franziskaner mehrheitlich bereits aus Bewohnern mit ukrainischer Muttersprache besteht.

Auch die Franziskaner selbst sind ein gutes Beispiel für die Ukrainisierung der katholischen Kirche, die sieben Jahre nach der Rückkehr dieses Ordens weitgehend abgeschlossen ist. Von den 64 Franziskanern in der Ukraine sind nur mehr acht Polen, wobei die ukrainischen Franziskaner nach Ansicht von Pater Ulrich zunehmend in der Lage sind, die Leitung ihrer Häuser und ihrer Gemeinden selbst zu übernehmen, obwohl ein Teil der Ausbildung aus Mangel an geeignetem ukrainischen Lehrmaterial und -personal noch immer in polnisch, bzw. in Polen erfolgt.

Dreifach engagiert Deutlich machte die Rundfahrt durch die Zentralukraine insbesondere drei Aufgaben für die Franziskaner: * Seelsorge und Katechese: Nach Jahrzehnten der Unterdrückung und des Atheismus ist der Bedarf nach Spiritualität, geistiger Betreuung und Religionsunterricht sehr stark. Das gilt auch für viele Junge und Kinder, die in dieser schwierigen Zeit nach einem neuen Sinn des Lebens suchen. Die Aufgabenstellung reicht vom Jugendlager bis hin zu Eheberatung unter Einbeziehung eines Arztes.

* Soziales Engagement: Von der wirtschaftlichen Katastrophe des Landes sind vor allem Alte und Kinder am stärksten betroffen. Pensionisten, ein Viertel der Gesamtbevölkerung, bekommen oft monatelang keine Rente und haben daher manchmal nicht ein- mal ausreichend Geld für Grundnahrungsmittel. Kinder wiederum sind von der schlechten hygienischen Lage betroffen; darüber hinaus wurde bekannt, daß Kinder die Schule nicht besuchen konnten, weil alle ihre Schuhe verschlissen waren. In all diesen Bereichen werden Franziskaner tätig.

* Baumeister: Die meisten Gotteshäuser stammen aus dem frühen 17. Jahrhundert. Viele dieser Bauwerke wurden vor allem von den Kommunisten zweckentfremdet, im günstigsten Falle als Kino oder sogar als Art Chemiefabrik mit entsprechend umfassender Verseuchung des Mauerwerks wie in Sbarasch. Die angegriffene kulturelle Bausubstanz stellt die Franziskaner ebenso vor große Herausforderungen, zumal auch die Gemeinden in der materiellen Erneuerung ihrer Kirchen ein wichtiges Symbol für ihre wiedergewonnene religiöse Freiheit sehen.

Spenden für die Ukraine: Missionszentrale der Franziskaner, (PSK-Kto. Nr. 92 044 050).

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