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Aus dem Untergrund ans Licht

Bereits mehrmals haben sich der Episkopat der verbotenen ukrainisch-katholischen Kirche, das ebenfalls verbotene Zentralkomitee der ukrainischen Katholiken sowie die „Initiativgruppe zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen und der Kirche in der Ukraine“ in Schreiben an die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) mit der Bitte gewandt, ihre Anstrengungen um Legalisierung der unierten Kirche in der Sowjetunion zu unterstützen. Die in Wien tagende KSZE-Folgekonferenz, die kommende Woche in ihre fünfte Runde geht, wurde von den Ukrainern gebeten, den Erfolg des Treffens von einer Anerkennung der Unierten in der Ukraine durch den Sowjetstaat abhängig zu machen.

Die katholischen Ukrainer — ihre Zahl soll zwischen vier und fünf Millionen betragen — fristen seit der sogenannten Synode von Lemberg, 1946, bei der die griechisch-katholische Kirche der Ukraine zum Anschluß ans Moskauer Patriarchat gezwungen wurde, ihr Dasein im Untergrund. Momentan soll es zehn Untergrundbischöfe und etwa 1.000 Geistliche geben, die mit ihren Millionen Gläubigen dem Papst die Treue halten.

Die ukrainisch-katholische Kirche byzantinischen Ritus entstammt der Union von Brest-Li-towsk vom Jahre 1595. Sie zählte im 18. Jahrhundert etwa zwölf Millionen Gläubige, die in Weißrußland und in der Ukraine lebten. Durch die wiederholte Teilung Polens wurde ihre Situation immer prekärer. Galizien gehörte zur Habsburgermonarchie, hier konnte sich die auch ruthenische Kirche genannte Gemeinschaft gut entfalten. Im zaristischen Rußland gelangte die ruthenische oder griechisch-katholische Kirche unter zunehmenden Drück. Die Westukraine — das frühere österreichische Galizien — kam 1923 zur Republik Polen, eine ruthenische Diözese kam zur neuen tschechoslowakischen Republik.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zählte die ukrainisch-katholische Kirche 4,3 Millionen Gläubige in insgesamt sechs Diözesen. In den Jahren sowjetischer Besetzung ab 1939 wurde die griechisch-katholische Kirche ständig verfolgt. Von 1941 bis 1945 war die Ukraine in deutscher Hand. Mit der Okkupation der Westukraine und der Karpatho-Ukraine 1945 durch die Sowjets begann eine neue Leidensperiode der Unierten.

Ukrainisch-katholische Kirchen wurden systematisch zerstört, elf Bischöfe verhaftet, die Hälfte der Priester zu Lagerhaft verurteilt. Alle Bischöfe — mit Ausnahme des Großerzbischofs Slipyj, der bis Ende 1963 inhaftiert war - starben im Gefängnis oder im sibirischen Exil.

Unter diesen Umständen kam es zur Synode von Lemberg, an der 200 Priester und Laien, aber kein einziger Bischof teilnahmen. Ab diesem Zeitpunkt wurde die ukrainisch-katholische Kirche in der Sowjetunion nicht mehr offiziell anerkannt. Nur im Untergrund konnte sie leben beziehungsweise in der Diaspora. Kardinal Slipyj war lange Zeit von Rom aus ihr geistiger Leiter und „Patriarch“.

Die konkrete Situation ist heute so, daß viele Unierte, obwohl innerlich katholisch, die orthodoxen Kirchen besuchen. Ein weiterer Teil führt ein geheimes religiöses Leben, und eine dritte Gruppe — entstanden in den fünfziger Jahren - kämpft unerschütterlich um die Legalisierung der ukrainisch-katholischen Kirche, obwohl sie von Seiten des Sowjetstaates nichts als Repression zu erwarten hatte.

Auch im Zeitalter Michail Gorbatschows gibt man sich in der Sowjetunion in dieser Frage hart. Anzeichen für eine liberalere Haltung - etwa das Angebot an den im Februar 1987 ausgewiesenen langjährigen Vorsitzenden des Zentralkomitees der ukrainischen Katholiken, Josyf Terelja, die ukrainische Kirche bei einer Loslösung von Rom wiederzuzulassen — haben sich jedesmal als Falle herausgestellt. Terelja mußte ablehnen, alles andere wäre Selbstaufgabe gewesen.

Für das Moskauer Patriarchat besteht dieses Problem überhaupt nicht (siehe Seite 10). Als Sensation kann daher jene Aussage des Wiener russisch-orthodoxen Erzbischofs Irinej (dem Moskauer Patriarchat unterstellt!) gewertet werden, in der er jüngst Vorbehalte gegen die Vorgangsweise bei der „Rückkehr“ der katholischen Ukrainer in die Orthodoxie anmeldete. Vollzieht sich hier ein langsames Umdenken, das tastend historische Ungereimtheiten aufzuarbeiten sucht?

Jedenfalls verschaffen sich die unierten Ukrainer wieder stärker Gehör. Unlängst haben sogar zwei Bischöfe aus dem Untergrund gleichlautende Briefe an Gorbatschow und Papst Johannes Paul II. mitunterzeichnet, in denen gebeten wird, „mit allen möglichen Mitteln die rechtliche Anerkennung der ukrainisch-katholischen Kirche in der Sowjetunion zu unterstützen“.

Die Tausendjahrfeier der Christianisierung Rußlands darf nicht von jenen katholischen Christen absehen, die heute dort leben, wo das Christentum in Rußland seinen Anfang nahm. Deswegen bat vor kurzem der ukrainisch-katholische Aktivist Chmara — wegen Mitarbeit an einer Untergrundzeitung sieben Jahre inhaftiert — in einem Schreiben den Moskauer Patriarchen Pimen, für die Verteidigung der ukrainisch-katholischen Kirche einzutreten und die Beschlüsse der Lemberger Synode für nichtig zu erklären. „Ubernehmen Sie die wichtige Aufgabe, die sowjetische Regierung zur Wiederherstellung der Rechte der ukrainisch-katholischen Kirche zu bewegen.“

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