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Panslawische Schuld und Sühne

Diie orthodoxe Kirche in der Tschechoslowakei wird einen Propagandaslogan, den sie in den letzten Jahrzehnten mit Vorliebe verwandte, künftig kaum mehr verwenden: „Die Orthodoxie hat nie den Feinden der Tschechen und Slowaken gedient, was keine andere historische Kirche dieses Raumes von sich behaupten kann.“

Das Engagement im Zusammenhang mit dem aufkommenden Panslawismus, das geschickte Ausnützen einer gewissen Russophilie zur Zeit des alten Österreich, die enge Verquickung mit dem Zarentum, später dann, nach dem Ende des Zarentums, die Tendenz, jede neue Blickrichtung nach dem Osten klug, gelegentlich auch brutal (etwa bei der Liquidierung der Unierten Kirche im Jahre 1950) auszunützen, hat letztlich die Massen nicht in Bewegung zu bringen vermocht, die Führung selbst aber ein buchstäblich lebensgefährliches Leben führen lassen. So liest sich die Geschichte der Orthodoxie in der Tschecho

slowakei wie ein effektvolles und schauriges Drama, mit sehr wenigen Höhepunkten, aber vielerlei Tiefpunkten.

Orthodoxie — Kirche des Panslawismus?

Mit dem Aufkommen panslawistischer Ideen schien auch die Stunde der Orthodoxie für den westslawischen Bereich gekommen zu sein, nachdem die 1781 durch das Toleranzedikt Kaiser Josefs II. erfolgte Anerkennung der orthodoxen Kirche nur für den östlichen Teil der Monarchie bedeutsam geworden war. Noch schien die enge Verquik- kung von Staat und Kirche und der Zar als Oberhaupt von Staat und Kirche kein Nachteil, sondern eher ein Vorteil zu sein, der die Schlagkraft von Staat und Kirche vermehrt. So wurde am Pfingstsonntag 1848 während des Prager Slawenkongresses von einem serbischen Priester auf dem Prager Roßmarkt, dem heutigen Wenzelsplata, eine orthodoxe Mesje gelesen.

„ Wallfahrt“ nach Moskau

Dann aber trat wieder eine Pause von fast 20 Jahren ein. 1867 waren es neuerlich Politiker, die die Initiative auch auf kirchlichem Gebiet ergriffen. Im Anschluß an den Besuch der ethnographischen Ausstellung in Moskau knüpften tschechische Politiker Bande zur russischen Staatskirche. Schließlich wurde 1870, angeregt durch die drei Jahre vorher erfolgte „Wallfahrt“ nach Moskau, die Errichtung einer orthodoxen Kirche in Prag beschlossen. Man erwählte sich die Niklas- kirche auf dem Altstädter Ring, die ursprünglich Kirche der Prämonstra- tenser und dann der Benediktiner gewesen, unter Kaiser Josef jedoch ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet worden war. Später wurde die einstige Karl-Borromäus-Kirche In-' det Prager Nfeüktadt Sitz der Prager orthodoxen Gemeinde.

Im selben Jahr, 1870, wurde der

zweite Schritt getan: 14 Tschechen, die nach der Verkündigung des Unfehlbarkeitsdogmas die katholische Kirche verlassen hatten, wurden in der Alexander-Newski-Kathedrale in Petersburg feierlich in die orthodoxe Kirche aufgenommen. 1883 wurden die nicht viel zahlreicher gewordenen Mitglieder der orthodoxen Kirche in Prag der Metropolie Tschemowitz unterstellt. Die aus der katholischen Kirche ausgetretenen und der Orthodoxie beigetretenen Priester bekamen kaum Nachfolger, und so mußte der russische Patriarch auch noch später seine Priester in die Prager orthodoxe Gemeinde entsenden. Der letzte aus dem zaristischen Rußland entsandte, Nikolaus Ryzkov, wurde 1917 wegen Hochverrats hingerichtet.

Wiederbelebter Hussitismus — bedeutungslose Orthodoxie

1918, nach Begründung der Tschechoslowakischen Republik, entstand auf kirchlichem Gebiet eine vorerst chaotische Situation. Eine Art „Los-von-Rom-Bewegung“ ließ den Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung von 96,5 auf 77,5 Prozent sinken, mehr als hundert katholische Priester verließen ihre Kirche — aber die orthodoxe Kirche wurde nicht Nutznießer dieser Situation, sondern die 1920 in Prag-Smichov gegründete Nationalkirche, die „Tschechoslowakische Kirche“, die vorerst eine halbe Million Anhänger gewinnen konnte, ohne daß sie eine dauernde Bedeutung zu erringen vermochte. Ein einfacher Übertritt vom Katholizismus zur Orthodoxie, wie dies 1870 in bescheidenem Ausmaß sichtbar war, entsprach nicht der liberalen Grundstimmung der Zeit, auch lag die orthodoxe Kirche der Sowjetunion in einem Kampf auf Leben und Tod.

Bei allen Versuchen der neuen tschechoslowakischen Kirche, die hussitische Tradition zu beleben, mußte man doch auch Anschluß an andere Kirchen finden, und da bot sich, nachdem der Weg nach Moskau vorerst versperrt war, Belgrad und

die serbische orthodoxe Kirche an. Hier in Belgrad empfing der frühere katholische Priester Matej Pavik 1921 die Bischofsweihe, nachdem er zum Oberhaupt der tschechoslowakischen Kirche gewählt worden war. Er nimmt — auch noch eine andere Tradition mit Beschlag belegend — den Namen „Gorazd“ zur Erinnerung an einen Schüler des Heiligen Method an, der wie er aus Mähren stammte. Bischof Gorazd versuchte, die zahlreichen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika lebenden Tschechen und Slowaken für die neue Kirche zu gewinnen. Nach einem sechsmonatigen Aufenthalt in den USA findet er im Juli 1924 eine gewandelte Situation vor. In Prag hat inzwischen ein anderer ehemaliger kätho-

innerhalb der tschechoslowakischen Kirche Oberhand bei den liberaleren und dogmenfeindlichen Mitgliedern gewonnen.

Und wieder: Hinrichtung und Liquidierung

Neben diesen beiden Gruppen der tschechoslowakischen Kirche gab es dann noch die ursprüngliche orthodoxe Kirche, die sich relativ spät, drei Jahre nach Kriegsende, rekonstruierte und der überwiegend Russen und die nach der Bolschewistischen Revolution gerade in Prag recht zahlreichen russischen Emigranten angehörten. Unter dem ge

bürtigen Tschechen Vrabec, der lange in Rußland gelebt hatte und sich jetzt Archimandrit Sabba- tios (Swatij) nannte, unterstellte man sich jetzt der Jurisdiktion des ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel.

Die serbische Kirche bricht zu der sich vom Boden des historischen Christentums immer mehr lösenden tschechoslowakischen Kirche unter Patriarch Dr. Farsky alle Beziehungen ab, dafür konstituiert sich die von Bischof Gorazd geführte Splittergruppe nunmehr als (zweite) orthodoxe Kirche, die sich der Jurisdiktion der serbischen orthodoxen Kirche unterstellt, was in den Jahren 1923 bis 1925 zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der beiden kleinen orthodoxen Gruppen führt, während die tschechoslowakische Kirche ohne besondere Bindungen zu einer ausländischen Kirche steht. Die tschechoslowakische Regierung greift schließlich in den Streit der orthodoxen Kirchen ein und entscheidet sich — vermut

lich aus außenpolitischen Erwägungen — für die von Bischof Gorazd geleitete, mit Belgrad liierte Gruppe, die 1926 den gesamten, wenn auch bescheidenen Bestand und Besitz der orthodoxen Kirche übernehmen kann.

Schwerpunkt der Orthodoxie

in der Tschechoslowakei war aber keineswegs Prag, sondern das damals östlichste Land, die Karpaten-Ukraine. Doch war es auch hier weniger die eingesessene Orthodoxie als eine geschickte Propaganda der Nachkriegszeit, als man die griechisch-katholischen Priester der Karpaten-Ukraine als Madjairo- nen diffamierte. So waren bald 60.000 Bewohner der Karpaten- Ukraine, also rund zehn Prozent der Bevölkerung, orthodoxe Christen, sie hatten aber insgesamt nur einen Priester (1921). Auch hier sprang die

Dr. Damskin. Daneben beanspruchte auch hier der Konstantinopel unterstehende Sabbatios, der inzwischen vom Archimandriten zum „Erzbischof von Prag und der ganzen Tschechoslowakei“ avanciert war, seine Rechte; schließlich organisierte 1923 ein russisch-orthodoxer Priester theologische Schnellkurse, um dem Priestermangel abzuhelfen, wobei er nicht gerade die besten Kräfte an sich zog. So gab es zeitweilig in Prag zwei, in der Karpaten-Ukraine, dem östlichsten Land der Tschechoslowakei, sogar drei rivalisierende orthodoxe Gruppen. Seit 1927 überwog klar die serbische

Richtung, und Bischof von Mun- käcs, der Hauptstadt der Karpaten-Ukraine, wurde der aus der serbischen Kirche hervorgegangene Seraphim, später, seit Herbst 1938, der Serbe Dr. Wladimir Raitsch.

Mag auch das Schicksal der Karpaten-Ukraine erst infolge der 1938 erfolgten Besetzung des Landes durch die Ungarn, dann bei Kriegsende durch das Kriegsgeschehen selbst und schließlich durch die vorübergehende und die nachfolgende dauernde sowjetische Besetzung schwer gelitten haben, das Schicksal der orthodoxen Kirche wurde hier im Zusammenhang mit der gewandelten Sowjetpolitik eher günstiger — sehr im Gegensatz zur Entwicklung in Prag.

Hier wurde Gorazd und seine Kirchengemeinde, die 1929 in den Rang einer Eparchie (Diözese) umgewandelt worden war, durch die deutsche Gestapo liquidiert. Nach dem Anschlag auf den Reichsprotektor, SS-Obergruppenführer Heydrich, am 27. Mai 1942, waren die Attentäter in die Krypta der Cyrill- und Method-Kathedrale geflohen, wo sie, samt einem Geheimsender, gefunden wurden. Bischof Gorazd wurde am 3. September 1942 hingerichtet, seine orthodoxe Diözese aufgelöst. Lediglich die Gemeinde der emigrierten orthodoxen Russen in Prag, die damals unter der Leitung von Bischof Sergij stand, blieb unangetastet. Die Mitglieder der von Gorazd geführten Gruppe wurden als „konfessionslos“ eingestuft.

Nach 1945: Neuer Elan und neue Enttäuschungen

Nach Ende des zweiten Weltkrieges war die kirchenpolitische Situation der Orthodoxie fast umgekehrt wie 1918. Die orthodoxe Kirche Serbiens hatte durch einen sechsjährigen Krieg, der über ihr Gebiet hinwegfegte, aber auch durch die folgende kommunistische Herrschaft stark gelitten und konnte den tschechischen Orthodoxen kaum behilflich sein. Gleichzeitig aber hatte die orthodoxe Kirche der Sowjetunion im Verlaufe des zweiten Weltkrieges aus einer Reihe von Gründen Luft, sogar einen bescheidenen Auftrieb bekommen. Vor allem eine missio- narische Tätigkeit im Ausland erhielt nmeherW '•

war es verständlich, daß die durch Um- und Irrwege, durch Verfolgung von außen und Streit im Inneren erfolglose und dezimierte orthodoxe Kirche der Tschechoslowakei nach 1945 sich unter Erzpriester Cestmir Kračmar wieder Moskau zuwandte. Die bald folgende Unterstellung unter die Jurisdiktion der russischen Kirche sollte nur allzubald seine Früchte zeigen.

In drei Jahren: Diözese, Erzdiözese, Metropolie!

Schon wenige Monate nach der Wiedererrichtung der tschechoslowakischen Republik, im Oktober 1945, hatte der russisch-orthodoxe Erzbischof Fotij einen Besuch abgestattet, und im Mai 1946, einen Monat nach der Unterstellung unter Moskau, erhebt Patriarch Alexej von Moskau das Prager orthodoxe Bistum in den Rang eines Erzbistums; ein Exarchat für das ganze Gebiet der Tschechoslowakei wird errichtet und die Gründung eines diesem Exarchats unterstellten Eparchats (Diözese) für die Slowakei

in die Wege geleitet, als Ersatz für das orthodoxe Bistum Murikäcs (Munkacevo), das nach der 1945 erfolgten Abtretung der Karpaten- Ukraine an die Sowjetunion verlorengegangen war. Durch den Wegfall dieser östlichen Diözese hatte übrigens die orthodoxe Kirche der Tschechoslowakei zwei Drittel ihrer Gläubigen verloren, was auch durch die organisatorische Aufwertung durch Moskau nicht wettgemacht werden konnte. Man wußte aber auch hier Rat, und einige Jahre später, 1950, liquidierte man die unierte, die griechisch-katholische Kirche der Tschechoslowakei und ihre Diözese Prešov, wobei man alles einfach in die Orthodoxie überführte, die für die 60.000 Orthodoxen der Karpaten-Ukraine nunmehr 300.000 Unierte übernahm, die allerdings nur auf die Stunde warteten, wieder ihre alte, mit Rom verbundene Kirche aufrichten zu können, was dann 1968 möglich wurde.

Wieder also kam für die orthodoxe Kirche der Nachschub aus Moskau; so wurde der russische Staatsbürger und bisherige Bischof von Rostow und Taganrog, Jdlevterij-Eleutherius Woronzow, der nicht einmal tschechisch sprach, erster Erzbischof des neuerrichteten orthodoxen Erzbistums Prag und Exarch der orthodoxen Kirche der Tschechoslowakei. Er wurde in der Prager Cyrill- und Method-Kathedrale feierlich geweiht. Die gleichzeitige Anwesenheit des mit Fragen der orthodoxen Kirche befaßten Sowjetministens G. Karpow in Prag unterstrich die Bedeutung dieses Aktes in Moskauer Sicht, unterstrich allerdings auch die zweifache Abhängigkeit der neuen orthodoxen Kirche der Tschechoslowakei, auch wenn sie sonst sehr deutlich ihre Eigenständigkeit — etwa durch die Teilnahme an Hus-Feiem — unterstrich.

Der rasante Ausbau der kirchlichen Orthodoxie, die allerdings einem Generalstab mit nur wenigen Soldaten glich, wurde weiter stark forciert. Im August 1948 wurde Prag durch den Moskauer Patriarchen Alexius zur Metropolie erhoben und damit kirchenrechtlich ih den Rang von Moskau, Leningrad und Kiew eingereiht. Damit wurde Prag der am weitesten .nach Westen vorgeschobene Vorposten der orthodoxen Kirche.

Man beeilte sich aber auch, den organisatorischen Unterbau fertigzustellen. Am 5. Februar 1951 weihen Patriarch Nikolaus von Kolomea und Krutitzky sowie Erzbischof Makarios von Lemberg in der Sankt- Gorazd-Kirche im mährischen Ol- mütz den Archimandrit Cestmir Kraim&r zum Bischof der mährischen Diözese Brünn-Olmütz und am Sonntag darauf den Archimandriten Alexej Dechterew zum Bischof der Eparchie Prešov, nachdem die unierte Kirche liquidiert und in eine orthodoxe umgewandelt worden war. Zwei einst unierte Priester, die zur Orthodoxie übergegangen waren, wurden orthodoxe Bischöfe: Michael Milly wird orthodoxer Bischof von Michalovce in der Slowakei und Mikulaš Kelly Bischof von Olmütz. Der frühere Hilfsbischof mit dem Titel eines „Bischof von Zatec (Saaz)“ — auch hier Anklänge an die hussitische Tradition! — Jan Kuchtin, war inzwischen Erzbischof und Metropolit geworden.

Der letzte Akt: Selbständigkeit

1951 schließlich wird die orthodoxe Kirche der Tschechoslowakei, die auch als Metropolie der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchen unterstand, autokephal, das heißt selbständig. Wie aber diese „Selbständigkeit“ gewertet wurde, zeigt das Schicksal des höchsten Würdenträgers: Metropolit Eleutherius (Jele- frij), der 1946 nach Prag kam, dann 1952 die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft erhielt, wurde, als ihm eine höhere Würde winkte, einfach wieder in die Sowjetunion zurückversetzt.

Zahlreiche Staatsbesuche hoher orthodoxer Würdenträger, so des russischen Patriarchen Nikolaus, der Mitglied des Slawischen Ausschusses in Moskau war und in dieser Eigenschaft am Belgrader Slawenkongreß des Jahres 1946 teilgenommen hatte; oder die Bemühungen des 1947 errichteten Rates der orthodoxen Missionen unter der Leitung des Erzbischofs von Tula

hatten nur kargen Erfolg. Die einzige reale Ausweitung seelsorglichen Wirkens nach 1945 war den aus der Sowjetunion zurückgekehrten Gruppen der Wolhynien-Tschechen zu danken, die in den einst deutschen Randgebieten der Tschechoslowakei angesiedelt worden waren.

Die größte Enttäuschung der großzügig ausgebauten Orthodoxie aber war wohl die Tatsache, daß eine Vereinigung mit der alleinstehenden und eher verkümmernden tschechoslowakischen Kirche der Tschechoslowakei, aber auch mit einer solchen der evangelischen Kirche der Tschechoslowakei nicht möglich wurde. Der kommunistische Umsturz vom Februar 1948, erst recht der Einmarsch sowjetischer Truppen im Auigusit 1968, stellt für die orthodoxe Kirche eine derartige Belastung und Hypothek dar, die auch von der großzügig gewährten Selbständigkeit nicht überdeckt werden kann.

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