Brody - © Foto: Brigitte Schwens-Harrant, 2008

Ukraine: Eine literarische Spurensuche

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Die ukrainische Literatur war multikulturell und vielsprachig. Heute prägt ein Graben zwischen Ost und West das Land.

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Die ukrainische Literatur war multikulturell und vielsprachig. Heute prägt ein Graben zwischen Ost und West das Land.

Eine Ruine im Spätnachmittagslicht: die Reste der Synagoge von Brody, mitten im ukrainischen Flachland, 100 Kilometer östlich von Lemberg. Die einst große Synagoge steht seit Jahrzehnten zerfallen in der Stadt. Zunächst versuchten wir eine Zeitlang erfolglos, uns zum alten Zentrum durchzufragen. Ist die Erinnerung an das alte Brody ausgelöscht? Schließlich stehen wir mitten in diesem Ort, der eine sehr multikulturelle, vor allem eine sehr jüdische Geschichte hat. Tausende Juden lebten hier, die meisten von ihnen wurden wohl von der Deutschen Wehrmacht am Waldrand hinter dem jüdischen Friedhof erschossen.

Für den Schriftsteller Joseph Roth, der 1894 in Brody geboren wurde und 1939 in Paris starb, gibt es eine Gedenktafel, angebracht an jener Schule, die er einst besuchte. Das Gebäude vermittelt einen Eindruck, wie es in dieser galizischen Stadt wohl einmal ausgesehen hat. Zwischen 1772 und 1918 war sie Grenzstadt des Habsburgerreiches, in der Zwischenkriegszeit Teil der Zweiten Polnischen Republik, mit dem Hitler-Stalin-Pakt fiel sie an die UdSSR, 1941 wurde sie von Hitler-Deutschland, 1944 von der Roten Armee erobert. Heute wirkt Brody wie zerbröselt, die Straßen sind von Schlaglöchern durchsetzt. Die Häuser erinnern Österreicher ein wenig an daheim, doch steht man nicht in einem im Verfall begriffenen Wiener Vorort, sondern mitten in der Ukraine, mitten in ihrer Geschichte und Gegenwart zugleich.

Aversion gegenüber Russland

Es sind traurige Augenblicke, jener vor der Synagoge und dann später jener vor dem Zaun mit Blick auf den Friedhof und den dahinterliegenden Wald, weil wir auch ohne Gedenktafeln wissen, wo wir stehen und was hier passiert ist.

Die Literatur, die einst aus jenem Gebiet kam, das heute die Ukraine umfasst, war multikulturell und vielsprachig. Das verdeutlichen beispielhaft die Namen bekannter Schriftsteller: Nikolai Wassiljewitsch Gogol gilt als berühmter russischer Schriftsteller, stammt aber aus der Ukraine. Michail Afanasjewitsch Bulgakow kam aus Kiew. In der Nähe von Kiew wurde Scholem Alejchem geboren, der jiddisch schrieb. Isaak Emmanuilowitsch Babel kam aus Odessa, Manès Sperber aus Zablotów. Rose Ausländers und Paul Celans Heimat war Czernowitz. Und Joseph Roth wuchs in Brody auf …

Was ist ukrainische Literatur heute? Auf Einladung des Kulturvereins "Alte Schmiede" sind acht Literaturredakteurinnen und -redakteure unterwegs, um Autoren und Literatur der Ukraine kennenzulernen. Im Gespräch mit Schriftstellern in Lviv/Lemberg wird die starke Aversion gegenüber Russland deutlich. Als Kriterium für ukrainische Literatur wird die ukrainische Sprache genannt, ein Argument, das sofort begründet widerlegt wird. Schließlich gibt es auch russischsprachige Literatur, die ebenfalls in der Ukraine entsteht, etwa von Andrej Kurkow. "Es gibt diese gängige Meinung, wer ukrainisch schreibt, ist ukrainischer Schriftsteller, alle anderen sind russische Schriftsteller", meint der Literaturwissenschafter und Autor Tymofiy Havryliv. "Aber der Mensch wählt seine Identität. Wenn Andrej Kurkow, der russisch schreibt, meint, dass er ukrainischer Schriftsteller ist, dann ist er ukrainischer Schriftsteller."

Zwei Tage später sitzen dieselben acht österreichischen Literaturredakteure in Kiew bei eben jenem Andrej Kurkow in dessen Wohnzimmer und trinken Kaffee. "Alles, was auf dem Territorium der Ukraine geschrieben wurde, ist ukrainische Literatur", meint Kurkow und zählt berühmte Vertreter wie Gogol und Babel auf. Aber das gemeinsame Gespräch mit ihm bestätigt die Vermutung: Es gibt immer noch diesen Graben zwischen Ost- und Westukraine, zwischen den Russischsprachigen, die nun heimatlos sind, weil ihre Heimat die Sowjetunion war, und den Westukrainern, die Ukrainisch als Nationalsprache betrachten und denen die Ukraine als Heimat gilt. Auch die Betrachtung der Vergangenheit dürfte höchst unterschiedlich sein, meint Kurkow. In der Westukraine wird der Hauptfeind keinesfalls in Nazideutschland, sondern in der Sowjetunion gesehen, Ostukrainer hingegen respektierten die Sowjetunion und ihren Sieg im Zweiten Weltkrieg.

Das erklärt vielleicht auch folgendes Kuriosum: Das Nationale Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges wurde 1981 als Andenken an den Zweiten Weltkrieg in Kiew errichtet. Heute dient diese öffentliche Gedenkstätte als Platz für die Angelobung ukrainischer Soldaten. Wir sehen richtig, trotz des starken Herbstnebels, der den klaren Blick auf die samt Sockel über 100 Meter hohe Statue der "Mutter Heimat" verhindert: Die Soldaten versammeln sich bei jenen monumentalen Denkmälern, die sowjetische Kriegsrhetorik schreien. Der Nebel entzieht aber auch die Kuppeln der tausendjährigen Sophienkathedrale fast unserem Blick. Doch auch sie ist Kiew, ist Ukraine.

Vergangenheit tut weh

Die Jungen wollen Neuanfang. Die Gegenwart des jungen Staates scheint schwer genug: Die Finanzkrise hat das eben erst entstandene Vertrauen in die Banken wieder völlig erschüttert, die Politik stachelt die Literatur zur Satire an. Doch Zukunft ist ohne den Blick ins Gestern schlecht zu haben. Immerhin gälte es da auch, die Multikulturalität zu entdecken. Ein neugieriger Blick in die Vergangenheit tut aber weh, denn nicht selten sind die erinnerten und zu Denkmälern erstarrten Heldentaten im Grunde Verbrechen.

"Zum Glück lebe ich in einem Teil der Welt, wo die Vergangenheit ungeheuer viel gilt", schreibt einer der im deutschsprachigen Raum bekanntesten ukrainischen Schriftsteller, Juri Andruchowytsch, in seinem Essay "Mittelöstliches Memento". "Der eine nennt es Verwurzelung, ein anderer Besessenheit. Ich weiß selbst nicht, wie ich es nennen soll; es gibt in diesem Teil der Welt einfach zu viele Ruinen, zu viele Skelette unter unseren Füßen. Zum Glück komme ich davon nicht los."

Der Beitrag erschien unter dem Titel: Spurensuche in der Ukraine.

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