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Krieg & Frieden

DISKURS
russland - © Bild: iStock/FrankRamspott

Der Schmerz des Kolonialismus in Russland

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Hinter Russlands Angriff auf die Ukraine steckt die Unfähigkeit, sich mit verlorener Größe zu arrangieren. Bricht das System Putin zusammen, wird das heute noch weltgrößte Kolonialreich untergehen – und China profitieren. Eine politisch-historische Betrachtung.

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Hinter Russlands Angriff auf die Ukraine steckt die Unfähigkeit, sich mit verlorener Größe zu arrangieren. Bricht das System Putin zusammen, wird das heute noch weltgrößte Kolonialreich untergehen – und China profitieren. Eine politisch-historische Betrachtung.

Seit dem 24. Februar 2022 terrorisiert die Russische Föderation ein Nachbarland, dessen territoriale Integrität sie in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts im Budapester Memorandum und einem Freundschaftsvertrag mehrfach anerkannt und garantiert hatte. Der erste Bruch der völkerrechtsverbindlichen Vereinbarungen erfolgte 2014 mit der Besetzung und Annexion der Krim sowie der Installation sogenannter Volksrepubliken auf Territorien der ukrainischen Gebiete (Oblaste) Donezk und Luhansk. Nach dem Überfall vollzog die Russische Föderation am 30. September 2022 die nicht minder völkerrechtswidrige Annexion dieser Oblaste sowie der ebenfalls nur teilbesetzten Gebiete Cherson und Saporischschja.

Aus neurussischer Sicht hat die Ukraine, die nach dem Zusammenbruch der UdSSR in Vollendung ihrer seit Beginn des 19. Jahrhunderts entstandenen Nationaltradition am 24. August 1991 ihre Unabhängigkeit erklärte, keine Existenzberechtigung. In nationalrussischer Interpretation werden Ukrainer als Russen definiert, deren nationale Bestrebungen als „Faschismus“ einem Verrat am Russischen Reich gleichkomme. Der Prozess der Einverleibung ukrainischer Gebiete ist insofern mit diesen Annexionen bei weitem nicht abgeschlossen.

Wie nach Versailles

Die Auffassung, wonach postsowjetische Nationen keine nichtrussische Existenzberechtigung haben, manifestiert sich nicht nur gegenüber Weißrussland, dessen Langzeitdiktator Lukaschenko sein Land zwischen Baltikum, Polen und der Ukraine mittlerweile auch militärisch Moskau angliedert. Dmitri Medwedew, Vizechef des Russischen Sicherheitsrats und Putins Sprachrohr, spricht diese Existenzberechtigung jedem postsowjetischen Staat ab. Es ist ein Phänomen, das sich eher als postkolonialer Phantomschmerz denn als Neoimperialismus bezeichnen lässt: Ein Prozess, der das Deutsche Reich nach den Versailler Verträgen in den Zweiten Weltkrieg geführt hatte; der im Vereinigten Königreich mit dem Tod von Queen Elisabeth II. seinen faktischen Abschluss finden wird; der in Frankreich immer noch ein wenig in die Politik wirkt, wenn beispielsweise auf Wunsch aus Paris die Europäische Union Militärmissionen in Zentralafrika beschließt. Es geht um die Unfähigkeit, sich mit verlorener Größe zu arrangieren.

Was sich kaum jemand vergegenwärtigt, ist die Tatsache, dass Russland das letzte europäische Reich ist, das auch heute noch als weltgrößte Kolonialmacht bezeichnet werden kann. Seine territoriale Größe beruht sowohl im kaukasischen Süden wie in Transuralien auf den Eroberungsfeldzügen seit Iwan dem Schrecklichen. An dessen Tradition – ebenso wie an jener der Reichsmehrer Peter, Katharina und Stalin – will Wladimir Putin anknüpfen.

Otto Habsburg, Sohn des letzten Kaisers von Österreich-Ungarn, mahnte noch kurz vor seinem Tod, dass die von Russland ausgehende Gefahr erst enden werde, wenn die Dekolonialisierung des Riesenreichs abgeschlossen ist. Was in der Konsequenz nichts anderes bedeutet, als dass neben den bereits in den Neunzigern in die Unabhängigkeit gegangenen Staaten der eurasiatischen Peripherie zudem jene islamisch geprägten Regionen zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, aber auch das transuralische Sibirien sich vom Moskauer Staat löst, der dann zurückfällt auf seine präkoloniale Dimension und sich den Demokratisierungsprozessen nach westeuropäischem Muster anschließen kann, welche er gegenwärtig in Belarus und der Ukraine zu unterbinden sucht.

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