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Mickrige Motive, tragische Folgen

Über hundert Völker in elf Zeitzonen: "Die Architektur Russlands verlangt nach Unbestimmtheit".

Wird der Niedergang Russlands als Großmacht unaufhaltsam weitergehen, bis nur Restrussland übrig ist? Oder gelingt es dem Nachfolgestaat der einstigen Großmacht, die enormen Probleme zu überwinden, die der Koloss auf tönernen Füßen Sowjetunion und die chaotische Periode Jelzin hinterließ? Michael Thumann, von 1996 bis 2001 Korrespondent der "Zeit" in Moskau, versucht in einer großen Analyse der Zeit von Gorbatschow über Jelzin bis Putin die Möglichkeiten des Landes in nächster Zukunft zu erkunden.

Sein Text klärt viele Fragen, lässt aber auch einige wichtige offen. Wie Thumann anmerkt, stelle sich für Russland vor allem die Grundfrage nach dem Umgang mit dem "Konzept Nationalismus" im Verhältnis zu den insgesamt 172 ethnischen Gruppen und Völkerschaften, die im Raum der heutigen russischen Föderation leben. Dieser Raum entspricht ungefähr dem ehemaligen Zarenreich. Dieses Reich, meint der Autor, sollte aus Aufstieg und Zerfall der vorhergegangen Reiche die Lehren ziehen, dem Reich der Zaren und jenem der Sowjets.

Letztere hatten von Beginn an die Vielfalt in der Gemeinsamkeit propagiert. Auch der Georgier Stalin sah die Zukunft des Reiches vorerst unter dieser Perspektive. So wurden in einer ersten Periode lokale Intellektuelle herangebildet, die auch für die kleinsten Völker Schriftsprachen entwickelten. "Die Bolschewiki ließen Bücher und Zeitungen in allen Sprachen des Reiches drucken, Sprachwissenschaftler entwarfen Grammatiken, Alphabete und formten so ländliche Dialekte der Burjaten oder Inguschen zu Kultursprachen" , schreibt Thumann. Doch schon bald fand Stalin, dass die Nationsbildung der kleinen Völker zu weit gehe. Nachdem er die volle Macht übernommen hatte, "mussten die nichtrussischen Völker, die zehn Jahre zuvor mühevoll lateinische Lettern gelernt hatten, ihre Sprachen plötzlich in kyrillischen Buchstaben schreiben ... Erst mit dem Tod Stalins 1953 erlahmte die zweite massive Russifizierungskampagne". Eine erste, erinnert der Autor, hatte schon unter Alexander III. im späten 19. Jahrhundert stattgefunden.

Mit Jelzin begann vorerst die große Zeit der "souveränen Republiken". Im Kampf gegen Gorbatschow um die Macht hatte er sich Ende Mai 1990 an die Spitze der russischen Sowjetrepublik wählen lassen. Dabei entpuppte er sich, wie Thumann detailliert darstellt, als Meister der unklaren Versprechungen. Jeder konnte Jelzins Aussagen so interpretieren, wie es für ihn vorteilhaft schien. Wie der Autor mehrfach feststellt, war Jelzin kein Mann mit Vision, sondern mit Lust auf die Macht. An die Macht gelangt, versprach er allen Völkern der Union Souveränität gegenüber dem Zentrum, was von den Dirigenten der verschiedenen Republiken als entscheidender Schritt zur Unabhängigkeit verstanden wurde. Das sicherte ihm die Unterstützung nicht nur der Russen, sondern auch aller anderen Völker gegenüber Gorbatschow, der weiter an die Sowjetunion glaubte, wenn auch unter demokratischen Vorzeichen.

"Ein gewisser Dschochar Dudajew", sowjetischer General und mit einer Russin verheiratet, gewann in "chaotischen Präsidentenwahlen in der autonomen Sowjetrepublik Tschetschenien" die Wahlen. Doch "auf der Parade der Souveränitätserklärungen in der morschen Sowjetunion 1991 wollte auch Dudajew mitmarschieren - aber in führender Position. Nur drei Tage nach seiner Amtsübernahme, am 1. November 1991, erklärte er Tschetschenien zum unabhängigen Staat".

Man muss Thumann dankbar sein für solche Präzision. Sonst bekommt man immer nur die Bilderbuchgeschichten von den bösen Russen und den heldenhaften tschetschenischen Kämpfern um die Freiheit ihres Volkes vorgesetzt. Natürlich kämpften die Tschetschenen heldenhaft um ihre Freiheit und natürlich kämpften die Russen in traditioneller Brutalität. Doch hätte dieser größenwahnsinnige Dudajew nicht die Lawine losgetreten, würden die Tschetschenen heute geduldig ihre Eigenständigkeit ausweiten und nicht schlechter leben als alle anderen Völker des Raums. Statt dessen wurden sie von allen Seiten für die eigenen Zwecke instrumentalisiert, vom Oligarchen Beresowskij bis zur internationalen Organisation des islamistischen Terrors und schließlich Putin in seinem Kampf um die Macht. Mickrige Motive mit entsetzlich tragischen Folgen.

Thumanns genaue Einzelheiten über Jelzins demagogische Politik sind faszinierend, heute steht jedoch Putin an der Spitze Russlands, ein Mann anderen Kalibers. In einer ersten Periode gründete er seine eigene Partei "Einheit", die durch Parteifusionen die Mehrheit in der Duma erreichte. Dann kamen die Finanzmagnaten dran, die unter Jelzin mehr Macht hatten als der Staat, bemerkt Thumann einerseits, findet aber Putins Vorgangsweise undemokratisch. Putins Hauptwaffe: "Steuerpolizei, Staatsanwälte und Gerichtsvollzieher waren rund um die Uhr im Einsatz." Deren Arbeit sollte nicht allzu schwierig sein, bedenkt man, dass diese mittlerweile milliardenschweren Oligarchen wenige Jahre vorher kaum wussten, wie ein Dollar aussieht.

Thumann: "Der dritte Streich richtete sich gegen die Regionen und ihre Parlamentskammer, den Föderationsrat. Wladimir Putin präsentierte seine Pläne zunächst dem Volk, dann erst den Volksvertretern." In unserer Sicht ist das ebenfalls keine demokratische, sondern eine populistische Vorgangsweise. Im übrigen war der Erfolg seiner Politik, die Macht wieder in Moskau zu konzentrieren, nur oberflächlich, urteilt Thumann. "Die Moskauer Expeditionskorps ins Hinterland fanden sich alsbald in einem Versteckspiel wieder, das an die traditionellen Schwierigkeiten der russischen Imperatoren mit ihren Provinzen erinnerte: steter Druck und hinhaltender Widerstand, große Versprechungen und klammheimliches Ausweichen, lautstarke Forderungen und geräuschlose Kompromisse."

Doch liege es gar nicht im Interesse Moskaus, allzu klare Verhältnisse zu schaffen. Solche würden stets irgendwo heftige Reaktionen auslösen: "Die Architektur Russlands verlangt nach Unschärfe ... Die Unbestimmtheit ist der kleinste gemeinsame Nenner für die über hundert Völker in elf Zeitzonen. Und vielleicht die einzig denkbare Form für die Einheit der Russischen Föderation."

Ein interessantes und aufschlussreiches Buch, doch trotzdem auch etwas unbefriedigend. So sehr der Autor letzte Hintergründe auslotet, so ignoriert er doch entscheidende Teile der Geschichte dieser letzten Jahre. Das könnte man bei einem oberflächlicheren Autor akzeptieren, doch nicht hier. Zum Beispiel wiederholt er die bekannte Bilderbuchgeschichte vom demokratischen Moskau, das den Demokraten Jelzin vor den bösen Putschisten gerettet habe. Weil dieser so erfrischend offen die Dinge beim Namen nenne, zitiert Thumann mehrere Male den vor kurzem verunglückten Fallschirmjägergeneral Alexander Lebed. Warum hat er ihn dann nicht in Bezug auf den Putsch vom August 1991 zitiert? Lebed schrieb in seinen Memoiren, es sei gar kein Putsch gewesen, sondern eine geniale Provokation, bei der er, wie alle Beteiligten, die Rolle spielte, die ihm zugewiesen war, ohne zu wissen, was er tat. Zumindest hätte man erwartet, dass Thumann mit seiner Intimkenntnis Lebed widerlegt.

Weiter die Art, wie er den Absturz des Rubel im August 1998 schildert. Viele Details von den armen Russen, die ihr Geld verloren, was für die Betroffenen tatsächlich sehr traurig war. Doch ein Autor wie Thumann sollte doch auch die Aussagen des amerikanischen Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz kennen, der nicht nur den Weltwährungsfonds als zumindest teilweise schuldig am Absturz bezeichnete, sondern auch behauptete, der amerikanische Finanzminister Robert Rubin und sein Nachfolger Larry Summers hätten hinter den Kulissen die Fäden gezogen. Wiederum: Von einem so gut informierten Autor würde man erwarten, dass er auf solche Behauptungen eingeht und sie widerlegt, falls er damit nicht einverstanden ist. Klarheit über diese beiden Kernpunkte der jüngsten russischen Geschichte würde es auch ermöglichen, Putin heute besser zu verstehen. So aber legt man das Buch ein wenig enttäuscht weg und fragt nach den Motiven für die partielle Schweigsamkeit des Autors, der die Auslandsberichterstattung der Hamburger "Zeit" koordiniert.

DAS LIED VON DER RUSSISCHEN ERDE

Von Michael Thumann

Deutsche Verlagsanstalt, München 2002

278 Seiten, geb., e 19,50

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