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Chruschtschows Soz-Realismus

Als ich zu einem dreieinhalbwöchigen Aufenthalt, der außer der Hauptstadt noch Leningrad und Kiew gelten sollte, in Moskau eintraf, machte dort eben ein kennzeichnendes Bonmot die Runde: Ein Künstler begegnet seinem bäuerlichen Verwandten auf dem Roten Platz, wobei der Bauer klagend erklärt: „Lieber Juri, ihr Künstler habt ja noch Glück, denn von eurem Fach versteht Nikita Sergejewitsch wenigstens etwas!” Und gern wird noch ein historisches Zitat von Nikolaj Nekrassow hinzugefügt: „Gott schütze uns vor der Liebe und dem Haß der Großen.”

Auch der vorübergehende kulturelle Besucher steht in der UdSSR größten Schwierigkeiten gegenüber, denn er hat sich bei einer offiziellen Stelle im „Haus der Freundschaft” zu melden, ohne die einem ausländischen Nichtkommunisten Kontakte überhaupt praktisch unmöglich sind, da überall vorerst gefragt wird, mit welcher „Stelle” man in Verbindung stehe.

Als offiziell ungeladener Gast, dem ein „Sightseeing”-Programm nicht genügt, als Nichtkommunist mit ernsthafter Neugier ist man unwillkommen. Gern wurden Besuche in Museen, in Bibliotheken, im Pionier-Palast arrangiert, sieben Tage nach der Ankunft in Moskau hatte ich ein nichtssagendes offizielles 15-Minuten-Gespräch mit dem Sekretär des Schriftstellerverbandes Alexej Surkow, schließlich auf hartnäckiges Drängen Gespräche mit weiteren „Institutionen”, also Verlagsleitern und Theaterleitern. Nun, auch für mich als wieder abgereisten Besucher ergeben sich besondere Probleme der Berichterstattung, da die „offizielle Stelle” (allerdings von Ausnahmen abgesehen) über meine Kontakte im Bilde ist und daher die Gefahr besteht, durch Rückschlüsse irgendwelche vermutliche Informanden zu belasten.

Kranke, Abwesende…

Ich sage es gleich: ich habe sie alle nicht gesprochen - IIja Ehrenburg, Konstantin Fedin, Jewgenj Jewtu- schenko, Andrej Wosnessenski, Wladimir Dudinzew, Jurij Bondarew, Bela Achmadulina und den in Kiew lebenden Victor Nekrassow. Mich schien eine Epidemie- und Reisewelle der Autoren zu verfolgen. Stereotyp erhielt ich die Auskunft „bedauerlicherweise krank” oder „jetzt eben verreist”. Bei einigen zu Recht (der auf dem Lande wohnende, an Krebs erkrankte Solschenizyn schreibt gleichsam Tag und Nacht einen Roman im Wettlauf mit dem Tod), bei anderen der Genannten und noch einigen hier Ungenannten zu Unrecht: einen „Kranken” sah ich bei der Premiere von Brechts „Dreigroschenoper”, und mit einem mir „für längere Zeit verreist” Gemeldeten nahm ich tags darauf ein gemeinsames Frühstück ein. Und so habe ich doch so manche gesprochen — die ungenannt und unbekannt bleiben sollen.

Das hervorstechendste Merkmal im heutigen kulturellen Leben der UdSSR ist die Angst. Diese Angst ist für uns unvorstellbar und in solcher Heftigkeit auch für den in Satellitenstaaten geübten Besucher überraschend. Schon die Begegnung mit einem westlichen Gast ist — sogar unter offizieller Zeugenschaft — ein Akt von erheblicher Zivilcourage, und die Gespräche weichen nicht um Millimeterbreite vom jeweiligen Fachgebiet des Befragten ab. Ein privates Treffen ist eine Tat von großem persönlichem Mut, und gar offene Worte sind Zeugnisse einer Unerschrockenheit, die wir im Westen überhaupt nicht mehr ermessen, überhaupt nicht mehr hoch genug respektieren können.

Was im Kreml Tauwetter heißt

Das „Tauwetter” — so ergibt sich aus dem Gesamtüberblick über die europäischen Ostblockstaaten — wurde in Moskau von Ehrenburg signalisiert, aber in Polen und Jugoslawien tatsächlich vollzogen. Das heißt: es gab natürlich auch in Rußland „Tauwetter” nach dem 20. Parteitag im Jahr 1956, aber der Grad des Tauens war relativ. Den Stalinismus abzuschmelzen war ein ungeheures Ereignis, aber was noch blieb, war vergleichsweise zu Polen, Jugoslawien, Ungarn, auch Rumänien und ČSSR eiskalt genug.

Spießbürger in Ost und West

Chruschtschow führte in der Wirtr chaft, in der gesamtem’ flg animation und auch im kulturellen Lflben menschlichere Verhältnisse ein, und die unter Stalins grauenvoller Diktatur vollkommen niedergeworfene Bevölkerung dankt es ihm bis zur heutigen Stunde und wird es noch lange tun. Der Schritt war erheblich, aber was bleibt, ist für uns immer noch — auch unter Satellitenperspektive — tief niederdrückend genug. Zwar verliert der wegen „modernistischer Tendenzen1] gerügte Maler, Autor, Kritiker nicht mehr sein Leben oder seine Freiheit, wenn er daraufhin keine Selbstkritik übt, aber er kann seine Karriere als Künstler, für eine Zeitlang zumindest, begraben. Außerdem berichten die Zeitungen, was sie wollen — aus stundenlangen Reden drei Zeilen, die man aus dem sinnvollen Zusammenhang reißt. Welcher Gerügte, ja wer überhaupt kann je in der „Prawda” eine Berichtigung erreichen? Man liest die offiziellen Reden und alles andere gar nicht. Schon nach wenigen Tagen solcher Lektüre glaubt man die Atemluft zu verlieren.

Im Westen und auch im Osten ist Jetzt viel von einem starken Rückschlag in Moskau die Rede, es heißt, die Zügel sollen wieder schärfer angezogen werden. Tatsache ist, daß Chruschtschow und sein heutiger Chefideologe Leonid Ilitschow ihr Augenmerk wieder mehr der Kultur zugewendet haben, um das Einhalten der von ihnen stets gewünschten Richtung zu überwachen. Es wird nicht etwa von „abstrakt” auf „realistisch” zurückerstattet, und deshalb nicht, weil nie anders als soz-realistisch gestaltet werden durfte. In dieser Hinsicht kombinierte die westliche Meinung irrtümlich das Ehrenburgsche, von Moskau ausgegangene Schlagwort vom „Tauwetter” mit den Ergebnissen in den Satellitenstaaten. Für Moskau blieb es bei der Abschaffung von Todesstrafen und Freiheitsberaubung für kleine ideologische Vergehen und bei der Möglichkeit einer gewissen Kritik an gesellschaftlichen Fehlern, solange sie im Stil des Sozialistischen Realismuses erfolgten. Schon als man den Soz-Realismus nur etwas freier auslegte, gab es den bekannten Skandal, und die betreffenden Gemälde Tn der Moskauer Manege durften nicht gezeigt werden.

Die Argumente der offiziellen Kunstrichter sind manchen spießbürgerlichen, erzkonservativen westlichen Urteilen verblüffend ähnlich. Oft meint man, die Welt stehe Kopf, denn der „gute Kommunist” hat plötzlich genau dieselbe Meinung, dasselbe Vokabular wie der alte Onkel zu Hause im Westen, der im Kommunismus den Feind des Abendlandes sieht. Und wer Ikonen liebt, in die Kirche geht, sich mit „mystischen Spekulationen” beschäftigt, abstrakt oder surrealistisch malt — über den kann man in Moskau hören, er stehe zu weit „links”.

Das Küken ist ausgeschlüpft

Noch ein drittes Wort kursierte in Moskau, als ich dort war, und es betrifft eine Entwicklung in größerem Zukunftsabstand: „Das Küken läßt sich nicht mehr in das Ei zurückbringen.” Während man in Polen manchmal immerhin die recht wackeren Rufe des jungen Hahns hört, der dem gallischen Hahn vertrauenswürdig ähnlich sieht, findet man die zeitgenössische Kunst in Rußland im Kükenstadium. Aber auch wenn man sie hinter Wänden, vollbehängt mit sozrealistischen Bilderschinken, verborgenhält und statt Nestwärme Eisluft hineinbläst — das Rad dreht sich nicht mehr zurück. Es wird sicherlich noch Jahre, harte, für uns unvorstellbar düstere Jahre, vielleicht noch ein Jahrzehnt und länger dauern, bis sich, nicht zuletzt durch den naturgegebenen Wechsel der Geherationen, im kulturellen Leben der UdSSR neue Verhältnisse durchgesetzt haben. Der Tag, an dem vom Kommunismus mehr oder weniger nur Begriffe, vom praktischen Leben, vom vernünftigen Denken, von der experimentellen Kunst ausgehöhlte Begriffe übrigbleiben, ist freilich noch fern. In den Satelliten scheint er — in jeweils verschiedenem Abstand — näher zu sein. Sicherlich aber wird man schon nach nicht mehr langer Zeit in Rußland einer Fülle von Begabungen begegnen, die unter schwierigsten Umständen Kraft und Charakter bewiesen haben.

Es ist die Tragik der westlichen Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen, daß sie alles das, wonach die östlichen Berufskollegen mit all ihrem Wollen, mit all ihren Energien streben, längst, und zwar von Kind an, besitzen. Mit einer heimtückischen kleinen, bequem selbstverschuldeten Klausel: sie wissen es nicht.

Westliche Kommunisten distanzieren sich

Staunen würden jedenfalls ebenso die westlichen Konservativen wie jene, die in einem Pariser Luxusatelier mit dem Kommunismus sympathisieren, wenn sie auch nur ein halbes Jahr in Moskau leben und arbeiten müßten. Dem alten Onkel würde sehr vieles nicht passen, aber seine Kunstmeinung würde er täglich in der „Prawda” lesen. Der kommunistische Maler aus Paris oder Mailand hingegen würde alles unerträglich finden. Togliatti und die Führer der anderen kommunistischen Parteien im Westen versuchen dem auch Rechnung zti tragen und distanzieren sich vorsichtig von Chruschtschows Stellungnahme in Kulturfragen. Eine Taktik, deren Folgen noch abzuwarten sind.

Die Sündenböcke

Was führte nun zu Chruschtschows so unliebsamem und so anhaltendem Augenmerk auf die Kultur? Einmal: Eine Reihe von alternden Nichtskönnern in der Kunst, von „verkannt Gebliebenen”, von Auch-Künstlern, Karrieremachern mit Torschlußpanik fanden sich plötzlich zusammen, um der neuen Generation und ihren älteren Helfern auf politischem Weg den großen Schlag zu versetzen. Die Schreibtischladen der jungen Autoren sollen voll sein, in den Quartieren der jungen Maler wird ohne jede Aussicht auf öffentlichen Erfolg und in bitterster materieller Armut mit Ernst und Feuereifer abstrakt gemalt, und Kenner der Generationen sagen, daß in Rußland noch nie eine solche Welle neuer Begabungen festzustellen gewesen sei wie eben jetzt — hinter vier Wänden. Für die auf politischem Weg arrivierten Versemacher und Bilderfabrikanten war es also höchste Zeit, etwas zu unternehmen.

Zweitens: Chruschtschow hatte zwar nicht viel, aber immerhin doch auf für ihn lästige Weise unter der Kritik dogmatischer Kreise zu leiden. Ein neues Augenmerk auf Wirtschaft und Industrie schien höchst unangenehm, und so schlug man lieber die Künstler. Das gibt großen Lärm, Chruschtschows Kritiker sind zufrieden, und es schadet der Wirtschaft nicht. Außerdem kommt es dem völlig kunstfremden Pragmatiker Chruschtschow vom Herzen.

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