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"Ein Staatenbund kommt nicht in Frage"

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Litauen hat sich der Sowjetsymbole entledigt. Der Lenin-Prospekt in Vilnius trägt den Namen des legendären Königs Gediminas. Für Gor-batschow will niemand die neue Freiheit aufgeben.

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Litauen hat sich der Sowjetsymbole entledigt. Der Lenin-Prospekt in Vilnius trägt den Namen des legendären Königs Gediminas. Für Gor-batschow will niemand die neue Freiheit aufgeben.

"Dieser Nobelpreis geht uns nichts an, Gorbatschow ist nicht unser Präsident" - die litauische Studentin sagt's und schlürft weiter ihr Pepsi. Hier, in Litauen, fühlt man sich seit der Unabhängigkeitserklärung vom 11. März dieses Jahres wirklich in "befreitem Gebiet". Die Litauer wollen zum demokratischen Europa gehören, so schnell wie möglich ein halbes Jahrhundert sowjetischer Besetzung vergessen, ins Ausland reisen - und das Leben genießen. Die Universität in Kaunas ist privatisiert worden, der Rektor ist nun amerika-nisch und die Studiengebühren entsprechen mehreren Monatslöhnen eines Arbeiters. Die Privatisie-rung ist gut - aber sie ist nicht etwas für alle.

Die litauischen Rekruten weigern sich scharenweise, außerhalb der Grenzen ihrer Republik zu dienen und Litauen eröffnet in den anderen baltischen Republiken und sogar in Moskau seine eigenen di-plomatischen Niederlassungen. In Kaunas ist die Lenin-ßtatue schon von ihrem Sockel gestürzt worden. In Vilnius hat man das noch nicht gewagt, um nicht "unnütz" die pro-sowjetischen Organisationen "Yedinstvo" und "Interdvizhenie" (Interfront) zu provozieren. Diese Organisationen mobilisieren die gegen die Unabhängigkeit oppo-nierende russische und polnische Minderheit und auch ihre Verbün-deten im KGB und in den sowjeti-schen Militärbasen.

Umgeben von Stacheldraht, mit bewaffneten Wächtern auf dem Posten und Hammer und Sichel noch immer schön sichtbar auf den Toren und mit Fresken und Statuen reinsten sozialistischen Realismus': die übers ganze Land verteilten Militärbasen kommen einer unter-schwelligen Bedrohung für die Zukunft des Landes gleich, einem Damoklesschwert, das in dem Moment fallen könnte, wo dem verrückten Traum der Litauer von der Unabhängigkeit ein Ende gesetzt werden müßte.

Von hier aus werden jedenfalls die Sendungen von "Yedinstvo", die die Verteidiger der Unabhängigkeit angreifen, ausgestrahlt - dank technischer Anlagen, die der Roten Armee gehören, und ganz gewiß mit dem Einverständnis hochgestellter Beamter in Moskau.

Akmenustraße Nummer 6 in Vil-nius. Ein bescheidenes Schild am Eingang zum Außenministerium verkündet, daß es keine Sowjetre-publik Litauen mehr gibt, sondern die Republik Litauen. Man tritt ohne Sicherheitskontrolle ein, und ein munterer Beamter begrüßt uns in perfektem Englisch: wir haben Algirdas Saudargas, den neuen Außenminister, vor uns. Er ist Christdemokrat, 42 Jahre alt, hat ein Diplom vom medizinischen Institut von Kaunas und ist am 24. März, kurz nach der Unabhängig-keitserklärung, vom Obersten Rat der Republik Litauen auf diesen Posten berufen worden. Er hat in der Oppositionsbewegung "Saju-dis", die im Februar die demokratischen Wahlen gewonnen hat, eine wichtige Rolle gespielt.

"Es war sehr leicht, den Namen unseres Landes zu ändern - ein einfacher Beschluß unseres Parla-ments vom 11. März. Aber es dauer-te sehr lange, dahin zu kommen", sagt Saudargas. "Die Befreiung Li-tauens hat mit dem ersten Augen-blick der Annektierung Litauens durch die Sowjets am 15. Juni 1940 begonnen."

Am 22. Juni 1941 erlaubte ein allgemeiner Aufstand der litauischen Partisanen gegen die zum Rückzug blasende Rote Armee die Befreiung mehrerer Städte und Gebiete; die Kirchenglocken läuteten, man sang das "Te Deum" und stellte die litauische Befehlsgewalt wieder her - vor ihrer raschen Auflösung durch die Nazis.

Im Juli 1944 bedeutete der deut-sche Zusammenbruch und die Rückkehr der sowjetischen Truppen nach Litauen nicht Befreiung, sondern Repressalien und Depor-tationen "wegen Kollaboration". Mindestens zehn Prozent der da-maligen Einwohner machten Be-kanntschaft mit einem der 56 da-mals über das Gebiet der UdSSR verteilten Gulags. Die Priester und litauischen Oppositionellen haben diese Orte der Deportation gut kennengelernt. Sie tragen Namen wie Perm, Vorkuta, Delta des Flusses Lena, Halbinsel Bykov Mys, Tour Maly, Norilsk, Kolyma. Heute überführt man die Leichen jener, die in Sibirien vor Hunger, Kälte und Erschöpfung gestorben sind, in die Heimat, wo man sie in ihren Dörfern mit bewegenden Zeremonien bestattet. Wir haben Deportierte angetroffen, die von "Gnade" gesprochen haben, in Sibirien gewesen zu sein, um unter den anderen Gefangenen Christus be-zeugen zu können.

Während beinahe zehn Jahren, bis zum Beginn der fünfziger Jahre, so ruft Algirdas Saudargas in Erin-nerung, haben die in die weiten Wälder des Landes geflüchteten Partisanen den Besatzungskräften das Leben schwer gemacht: ver-hältnismäßig gab es damals mehr Opfer als im Afghanistan-Krieg. Wenn der Partisanen-Krieg im Westen auch nur sehr wenig bekannt ist, soll er doch rund 50.000 Menschen auf beiden Seiten das Leben gekostet und oft Familien gespalten haben. Litauen, so der Außenminister des Landes, hat ein Drittel seiner Bevölkerung im Krieg, durch Deportation und Emigration verloren.

Nach der Niederschlagung des bewaffneten Aufstands haben die Litauer den Widerstand im Unter-grund organisiert - an seiner Spitze eine von einer aggressiven und sy-stematischen Atheisierungs-Politik scharf angegriffene katholische Kirche.

Im Kielwasser der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) traten Helsinki-Ko-mitees zur Verteidigung der Men-schenrechte auf den Plan, ebenso das vom katholischen Geistlichen Alfonsas Svarinskas gegründete katholische Komitee für die Vertei-digung der Gläubigen. Samisdat-Publikationenwiedie "Chronik der katholischen Kirche in Litauen" ("Lietuvos Kataliku Baznycios Kronika") ließen die Flamme des Widerstands trotz Verhaftungen und Beschlagnahmungen nicht verlöschen.

Für Algirdas Saudargas begann die dritte Etappe der Befreiung mit der Machtübernahme von Michail Gorbatschow. Die Perestrojka er-laubte die Entwicklung eines legalen und friedlichen Wegs der Befreiung, der in den "diplomatischen Krieg" mündete, der gegenwärtig zwischen Moskau und Vilnius tobt und der in diesem Frühling in einer mehrwöchigen Wirtschaftsblockade kulminierte, die der Wirtschaft des Landes sehr teuer zu stehen kam - laut Statistischem Departement in Vilnius auf mehr als eine halbe Milliarde Rubel. "Sajudis" ("Die Bewegung"), die in ihren Anfängen 1988 alle patriotischen Kräfte Litauens - sogar kommunistische Persönlichkeiten - versammelte, hat den Wahlsieg der Befürworter der Unabhängigkeit ermöglicht.

"Wir haben einen Auftrag unserer Wähler, wir können uns auf keinen Fall politisch mit der Sowjetunion verbinden, auf welche Art auch immer", sagt Saudargas: "Ein Staatenbund oder ein Zusam-menschluß mit der UdSSR kommt also nicht in Frage." Der Politiker räumt allerdings ein, daß man -wenn man auch nicht über Prinzipielles verhandelt - doch mit Moskau über den besten einzuschlagenden Weg diskutieren kann. Gegenwärtig versuchen die litauischen Behörden im ehemaligen Botschafterviertel (Litauen war von 1918 bis 1940 unabhängig und gehörte dem Völkerbund an) Gebäude zu erwerben, um für die Unterbringung von diplomatischen Vertretungen bereit zu sein, sobald die Trennung von der UdSSR vollzogen sein wird.

Bis dahin sind die Grenzen Li-tauens nur administrative Demar-kationslinien innerhalb der UdSSR. Um sie zu schützen, bildet Vilnius die ersten Grenzwächter aus. Im Juni wurden die ersten Dokumente der Identität der Republik Litauen zuhanden von Präsident Vytautas Landsbergis, von Premierministerin Kazimiera Prunskiene, der Mitglieder der Regierung und der Par-lamentarier erstellt. Vor dem Beginn wirklicher Verhandlungen mit Moskau richtet sich Saudargas auf einen "kalten Winter" ein - und dies nicht nur unter klimatischen Gesichtspunkten. In seinem Appell an die westliche Welt verlangt der litauische Außenminister, daß der Westen aus seiner Reserve komme. Denn in der Geschichte habe die UdSSR immer gezeigt, daß ihre Po-litik unvorhersehbar war und daß man Gewaltanwendung nicht aus-schließen konnte.

Und Litauens Außenminister spricht gleichsam eine Warnung aus: "Wir sind am meisten von allen an der Stabilität der UdSSR interessiert, denn wir sind die Nachbarn der Sowjetunion und müßten als erste etwaige Konsequenzen tragen. Sollten wir etwa auf unsere Freiheit verzichten, weil manche glauben, wir könnten Gorbatschow destabilisieren?"

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