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"EU und NATO gehören zusammen"

Am Dienstag wurde die Frankfurter Buchmesse eröffnet. Das diesjährige Gastland Litauen steht nicht nur mit seiner Literatur im Blickpunkt des Medieninteresses. Die Furche sprach im Vorfeld der Messe mit Staatspräsident Valdas Adamkus über sein - im Westen kaum bekanntes - Land.

Die Furche: Herr Präsident, ist Litauen schon hinlänglich darauf vorbereitet, in die Europäische Union aufgenommen zu werden?

Valdas Adamkus: Ich kann Ihnen versichern, dass Litauen voll darauf vorbereitet ist - nicht nur in der Theorie, sondern auch den Fakten nach. Wir waren nicht zur ersten Runde der Beitrittskandidaten eingeladen worden; wir hatten praktisch mit eineinhalb Jahren Rückstand auf diese erste Gruppe begonnen. Heute haben wir sie nicht nur eingeholt, sondern wir gehören zu den Führern dieser ganzen Gruppe, die hofft, alle Anforderungen und festgesetzten Kriterien zu erfüllen und Ende dieses Jahres die Verhandlungen mit der Europäischen Union abzuschließen. So wurde nicht nur der politische Wille ausgedrückt, Mitglied dieser Gemeinschaft zu werden, sondern wir haben auch praktisch gezeigt, dass wir dazu imstande sind.

Die Furche: Was erhofft sich Litauen von einem EU-Beitritt - und welche Befürchtungen gibt es?

Adamkus: Wir erwarten nicht mehr und nicht weniger als alle anderen Staaten: Gleiche unter Gleichen auf dem europäischen Kontinent zu sein. Die Türe für den Handel und für den Kulturaustausch wird uns offen stehen. 50 Jahre Trennung vom Fortschritt, der im Westen stattgefunden hat, waren eine lange Zeit; doch durch die Europäische Union sehe ich die Möglichkeit, noch schneller aufzuschließen, sodass wir wirklich als freie Menschen alle Güter miteinander teilen können. Zu den Ängsten: Ich persönlich sehe keine Gefahr, dass Litauen etwas verlieren könnte, wenn es in die Europäische Union eintritt. Niemand wird uns zwingen, uns von unserer Kultur oder von unserer Sprache zu verabschieden. Wenn etwas dergleichen passieren sollte, könnten wir niemanden anderen beschuldigen, sondern nur uns selbst.

Die Furche: Welche Hoffnungen und Befürchtungen gibt es bezüglich des NATO-Beitritts?

Adamkus: Ich sehe das als parallele Prozesse: Wenn ich die EU als Zusammenarbeit der Staaten und Völker auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet betrachte, so sehe ich die NATO als Organisation der europäischen Sicherheit an. Wenn man ein vollwertiges Mitglied der einen Organisation sein will, gilt dieselbe Antwort auch in Bezug auf die andere. Wenn man kreativ und sicher im Rahmen der EU arbeiten will, dann gibt die NATO die Gewissheit, dass man sein schöpferisches Potenzial sicher unter den Menschen Europas verwirklichen kann.

Die Furche: Sie sind aus Amerika in das postsowjetische Litauen gekommen. Würden Sie Litauen heute als offene Gesellschaft bezeichnen?

Adamkus: Ich glaube, dass wir in diesen zwölf Jahren einen Riesenschritt gemacht haben aus einer geschlossenen Gesellschaft, wo bis in die kleinsten Kleinigkeiten ein Diktat herrschte: wie man leben muss, was man tun und sagen muss. In dieser Atmosphäre sind zwei Generationen aufgewachsen, die praktisch Angst hatten, sich offen zu artikulieren. Von alldem ist heute nichts mehr geblieben. Ich sehe, dass Litauen einen Schritt nach vorne macht, vor allem die junge Generation. Litauen hat neue Institutionen gegründet, seine Schulen sind offen für die Wissenschaft und den Dialog und seine Presse ist wirklich ein Ausdruck voller demokratischer Freiheiten. Einer der klarsten Erfolge der letzten zwölf Jahre ist die Öffnung des Menschen und die Bildung einer offenen Gesellschaft.

Die Furche: Wie sehen derzeit die Beziehungen Litauens zu den Nachbarstaaten aus - zu den beiden anderen baltischen Staaten, aber auch zu Polen und Russland, wo es ja historische Belastungen gibt?

Adamkus: Ich glaube, dass die Beziehungen zwischen den baltischen Staaten zu keinem Zeitpunkt problematisch waren. Wir haben immer eine gemeinsame Sprache bei den unterschiedlichen Gebieten des Lebens gefunden. Das ist bis heute so geblieben, und wir verstärken das auch weiterhin. Ich sehe überhaupt keine Hindernisse, deretwegen sich diese Beziehungen verschlechtern könnten. Die Beziehungen zu Russland und Polen haben wir in den letzten Jahren so gefestigt, dass ich sie als beispielhaft bezeichnen möchte. Sie zeigen, wie man mit seinen Nachbarn leben kann, obwohl die Beziehungen in der Geschichte nicht ohne Probleme waren: Es gab Spannungen, weil die Nachbarn nicht unsere Freunde waren oder - das muss man doch sagen - wir okkupiert wurden. Aber unser demokratischer Wille zum Zusammenleben, in dieser Region eine politische Stabilität zu begründen, gute Nachbarn, gute Partner zu sein, spiegelt sich heute in den Beziehungen sowohl zu Russland als auch zu Polen und zu allen anderen Staaten wider.

Die Furche: Das heißt, der NATO-Beitritt wird nicht aus Angst vor Russland angestrebt?

Adamkus: Ich verwerfe diese Konzeption. Nach meinem Verständnis muss man zuerst ein Faktum anerkennen: dass die NATO keine Organisation des Kalten Krieges mehr ist, die gegen die Sowjetunion gerichtet ist. Heute hat die NATO ein ganz anderes Fundament. Litauen will in einem gemeinsamen europäischen Sicherheitssystem mitarbeiten. Das bedeutet nicht, dass dieses Sicherheitssystem gegen einen bestimmten Aggressor gerichtet ist.

Die Furche: Wie könnte Ihrer Meinung nach die Zukunft des Königsberger Gebietes aussehen?

Adamkus: Ein Erbe des Zweiten Weltkriegs ist das Faktum, dass dieses Gebiet infolge internationaler Abkommen heute administrativ zu Russland gehört. Niemand stellt das in Frage - und diese Situation wird noch geraume Zeit so bleiben. Das Problem besteht darin, dass dieses Gebiet keine richtigen Berührungspunkte mit Russland hat, das dieses Territorium administriert. Und wenn sich die EU erweitert und Länder wie Litauen und Polen beitreten, die große gemeinsame Grenzen mit dem Kaliningrader Gebiet haben, erhebt sich die Frage: Gibt es Ausnahmen für die Bewohner dieses Gebietes, können sie mit Visaerleichterungen durch die EU-Staaten reisen? Das ist eine aktuelle Frage und Litauen hat schon vor einem Jahr darauf hingewiesen, dass sich diese Frage stellen wird. Diese Frage muss gelöst werden und sie muss zuerst direkt zwischen Brüssel und Moskau gelöst werden. Litauen und Polen werden in dieser Frage zusammenarbeiten und ich habe bereits persönlich mit dem polnischen Ministerpräsidenten darüber gesprochen. Unsere Positionen in dieser Frage stimmen überein: Wir wollen, dass sich die Bewohner des Kaliningrader Gebietes eines höheren Lebensstandards erfreuen und dass sie in gleicher Weise zum übrigen Teil Russlands Zugang haben und ihre Verwandten und Bekannten ohne größere Erschwernisse besuchen können. Hier hat Litauen einige Angebote gemacht, die Anforderungen des Schengener Abkommens zu erleichtern, zum Beispiel den Bewohnern des Kaliningrader Gebietes Langzeitvisa etwa von fünf Jahren zu gewähren, die sie, so oft sie wollen, benutzen können oder auch Identification-Cards, mit denen sie ohne Erschwernisse durch die EU-Staaten reisen können. Aber noch einmal: Diese Fragen müssen Moskau und Brüssel klären.

Die Furche: Wenn Sie im Dezember noch einmal zum Präsidenten gewählt werden - was scheint Ihnen am wichtigsten für die Zukunft Litauens?

Adamkus: Die Frage ist nicht, ob ich ein zweites Mal gewählt werde. Ich meine, der nächste Präsident muss in den kommenden fünf Jahren sehr intensiv darauf achten, dass an die bisherigen Erfolge Litauens in der internationalen Arena - etwa dass es in die EU eingeladen wird, was ich beinahe annehme, und ebenso, dass es auf der diesjährigen Konferenz in Prag zum NATO-Beitritt eingeladen wird - angeknüpft wird. Es geht zum einen um die Sicherheit der Existenz des litauischen Staates und zum anderen darum, den Lebensstandard seiner Bewohner zu erhöhen.

Die Furche: Kann Litauen bei der Frankfurter Buchmesse Europa für sich und seine Kultur interessieren?

Adamkus: Ich glaube, dass der Auftritt Litauens auf einem Forum von Weltgeltung eine große Anerkennung der eigenständigen litauischen Kultur darstellt, und die Messe gibt uns die Möglichkeit, unsere Kultur der ganzen Welt vorzustellen. Denn diese Messe ist wirklich ein Maßstab, auf den die ganze Welt ihre Aufmerksamkeit richtet. Und ich bin überzeugt, dass Litauen seine Kultur und seinen schöpferischen Genius in entsprechender Weise präsentiert und sich so der übrigen Kulturwelt darstellt.

Das Gespräch führte Cornelius Hell.

Anwalt der offenen Gesellschaft

Valdas Adamkus wurde 1926 geboren, 1944 floh er mit seiner Familie zunächst nach Deutschland und setzte die Emigration dann in Amerika fort. In den neunziger Jahren kehrte Adamkus mit seiner Frau in das unabhängige Litauen zurück, 1998 wurde er zum Staatspräsidenten gewählt; im Dezember dieses Jahres läuft seine Amtsperiode aus. Als Staatspräsident hat sich Valdas Adamkus stets auch als Anwalt einer offenen Gesellschaft verstanden und in diesem Sinne an diversen politischen und gesellschaftlichen Prozessen Kritik geübt. Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse kam es zu einer Kontroverse über die Präsentation Litauens: Ministerpräsident Algirdas Brazauskas, ein Ex-Kommunist, wollte der Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit und dem Holocaust in Litauen nicht so viel Platz einräumen; im Parlament kam es auch zu antisemitischen Äußerungen. Dass sich Litauen nun in Frankfurt mit einem so breiten kulturellen Angebot präsentiert und kritische Themen nicht ausspart, ist Präsident Adamkus als dem Schirmherrn dieser Präsentation zu verdanken. CH

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