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1000 Jahre alt, 90 jung, bald 20 frei

Über die wechselvolle Geschichte Litauens und die künftige EU-Kulturhauptstadt Vilnius, die "hellste Stadt Europas", berichtet der litauische Übersetzer, Autor und Intellektuelle Antanas Gailius bei einem Furche-Gesprächsabend in Wien.

Zweimal konnte Litauen, das im Mittelalter ein mächtiges Staatsgebilde darstellte, im 20. Jahrhundert seine staatliche Selbständigkeit wiederherstellen: Am 16. Februar 1918 wurde der moderne Staat gegründet, und am 11. März 1990 konnte er nach fünf Jahrzehnten sowjetischer Okkupation wieder aufleben.

Wie in vielen anderen Länder, nicht zuletzt in Österreich, wird also der 90. Jahrestag der Republikgründung gefeiert. Litauen begeht aber in diesem Jahr noch ein anderes Jubiläum: Vor 20 Jahren wurde die Unabhängigkeitsbewegung Sajudis ("Bewegung") gegründet, deren gewaltloser Kampf die Wiedererrichtung des Staates möglich gemacht hat.

Zweimal unabhängig

Aus diesem Grund kommt der Übersetzer, Autor und katholische Intellektuelle Antanas Gailius zu einem Informationsgespräch nach Wien - eingeladen von der Furche, der Österreichisch-Litauischen Gesellschaft und dem Katholischen Akademikerverband Wien. Gailius, Jahrgang 1951, war Verlagslektor und Chefredakteur einer Wochenzeitung und 1991/92 auch Diplomat an der litauischen Botschaft in Bonn. In den turbulenten Jahren 1989-94 gab er die Kulturzeitschrift Proskyna ("Lichtung") heraus, in der so mancher international viel diskutierte Text erstmals auf Litauisch erschien. Gailius nimmt seit der Unabhängigkeit an den kulturellen und intellektuellen Debatten seines Landes teil und kann aus erster Hand informieren.

Im kommenden Jahr wird die litauische Hauptstadt Vilnius europäische Kulturhauptstadt sein - zusammen mit Linz, das mit Vilnius einige interessante gemeinsame Projekte für 2009 plant, u. a. eine Veranstaltungsreihe mit litauischer Literatur "Linz liest Vilnius" im März 2009. Auch international ausgezeichnete litauische Filme werden in Linz zu sehen sein.

Kulturhauptstadt Vilnius

In Litauen selbst wird es im kommenden Jahr viele Jubiläen und Gedenktage zu feiern geben: Zuerst einmal 1000 Jahre Litauen - im Jahr 1009 wurde das Wort "Lietuva" erstmals in den Quedlinburger Annalen erwähnt. Außerdem werden es 70 Jahre sein, dass der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen wurde: In diesen geheimen Zusatzprotokollen wurden damals die baltischen Staaten der Sowjetunion zugesprochen.

1989, als dieser Pakt gerade ein halbes Jahrhundert zurücklag, wurde in Zuge von Gorbatschows "Glasnost" die Existenz dieser Zusatzprotokolle erstmals offiziell zugegeben. Die Unabhängigkeitsbewegung organisierte daraufhin die Menschenkette "Baltischer Weg", die die Hauptstädte Vilnius, Riga und Tallinn verband - ein Zeichen gewaltlosen Widerstandes, wie es in Europa nicht viele gegeben hat.

"Rückkehr nach Europa" war der Slogan der Unabhängigkeitsbewegung. Und am 1. Mai 2009 wird Litauen bereits fünf Jahre Mitglied der EU sein. Der Beitritt im Jahr 2004 war ein großes Fest mit vielen Lichtern - Vilnius wollte die hellste Stadt im neuen Europa sein.

Vilnius hat eine lange Tradition als multikulturelle Stadt: Polen, Russen, vor allem aber Juden waren in ihr zu Hause. Während der deutschen Besatzung wurden fast alle Juden in Litauen ermordet - ein Faktum, das erst in den letzten Jahren offen angesprochen werden konnte und das Land noch lange beschäftigen wird, denn zweifelsohne haben auch Litauer sich an den Morden beteiligt. Der Staat war Opfer, aber einzelne Menschen waren Täter - ein Problem, das in Österreich nicht unbekannt ist.

Da Litauens Sprache und Kultur lange unterdrückt war - von 1864 bis 1904 hatte das zaristische Russland sogar ein Druckverbot verhängt -, hat Kultur einen höheren Stellenwert als in vielen anderen Ländern und ist ein wesentlicher Teil der nationalen Identität. In den ersten Jahren der Unabhängigkeit waren nicht wenige Schriftsteller auch Politiker und sogar Minister, heute melden sie sich oft in den Medien zu Wort.

Antanas Gailius, der sich an vielen Diskussionen in Litauen wie im deutschsprachigen Raum beteiligt hat, kann authentisch die gegenwärtige Situation Litauens, die kommende Kulturhauptstadt Vilnius, vor allem aber auch die Diskussionen und Selbstvergewisserungen vorstellen, die die Jubiläen dieses und des kommenden Jahres in Litauen auslösen.

90 Jahre Litauen

Ein Gespräch mit Antanas Gailius

Moderation: Cornelius Hell

Ort: Otto Mauer Zentrum

Währinger Straße 2-4, 1090 Wien

Zeit: Mittwoch, 12. März, 17.00 Uhr

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