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Wo Glaube zum Extremismus wird

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600 Jahre Christentum in Litauen. Ein Jubiläum, das den Blick nicht nur auf längst vergangene bessere Zeiten richten sollte. Die baltische Sowjetrepublik lechzt heute nach mehr Freiheit. Michail Gorbatschow lobt aber die Etablierung der Sowjetmacht im Baltikum.

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600 Jahre Christentum in Litauen. Ein Jubiläum, das den Blick nicht nur auf längst vergangene bessere Zeiten richten sollte. Die baltische Sowjetrepublik lechzt heute nach mehr Freiheit. Michail Gorbatschow lobt aber die Etablierung der Sowjetmacht im Baltikum.

Die Lage der Religions-, Gedanken- und Gewissensfreiheit in den baltischen Sowjetrepubliken ist gegenwärtig denkbar schlecht. Vor allem das katholische Litauen ist davon betroffen. Bedrängung, Diskriminierung und Verfolgung von Gläubigen gehören zur Tagesordnung. Seit vier Jahrzehnten.

Der Massendeportation von Gläubigen und Klerikern in den vierziger Jahren folgten Repressalien wie Umfunktionierung von Kirchen zu Lagerhäusern, Viehställen, Museen oder Konzertsälen sowie das Verbot des Religionsunterrichts für Kinder und Jugendliche bis Ende der sechziger Jahre. Seit 1970 rührt sich in Litauen der Widerstand, der schwerste Gegenmaßnahmen der Behörden nach sich zog. Die vergessene baltische Republik Litauen tritt mit dem 600-Jahr-Jubi- läum, das Ende Juni in Vilnius feierlich begangen wird, wieder in das Bewußtsein des Westens.

Das sollte nüchtern geschehen. Maßnahmen von Exil-Litauern wie das Auf stellen von Galgen auf dem Wiener Stephansplatz, an denen die höchsten politischen Repräsentanten der Sowjetunion baumeln (so geschehen im November 1986, unmittelbar vor der Eröffnung der KSZE-Folgekon- ferenz), bringen kaum Erleichterung in Litauen selbst.

Es steht fest, daß in Litauen die Menschenrechte und die dementsprechenden KSZE-Vereinba- rungen — so der ehemalige stellvertretende Ministerpräsident Schwedens, Per Ahlmark, in Wien — fast täglich verletzt werden. Hinsichtlich der Religionsfreiheit gilt zwar deren gesetzlich garantierte Ausübung, die Praxis sieht jedoch anders aus.

Im Vorfeld des XXVII. Parteitages der KPdSU Ende Februar vergangenen Jahres in Moskau hatte der Vorsitzende der litauischen KP, Petras Griskevicius, eine „Intensivierung der atheistischen Propaganda in den verschiedenen Bevölkerungsschichten und die Verstärkung des Kampfes gegen den klerikalen Extremismus sowie die ideologische Diversion unter dem Mantel der Religion“ gefordert.

Was das im konkreten bedeutet, hat der stellvertretende Leiter des staatlichen Kirchenamtes in Litauen, Edvardas Juozenas, dem Autor dieser Zeilen einmal so erklärt: Die Aktivität der Katholiken in Litauen sei sehr stark und ungebrochen. Unter den religiösen Aktivisten gebe es aber gewis se „Extremisten“ , die versuchten, die Politik des Westens, namentlich US-Präsident Ronald Reagans „aggressive Politik“ , in der katholischen Kirche Litauens einzuführen. Al? die Hauptexponenten dieser Richtung, die - wie1 Juozenas hervorhob — von der überwältigenden Mehrheit der litauischen Katholiken „nicht gebilligt“ werde, bezeichnete er die beiden Priester Alfonsas Svarinskas und Sigitas Tamkevicius (siehe Seite 13), die vor kurzem aus den Straflagern im Raum Perm in das KGB-Gefängnis in Vilnius verlegt wurden.

Beide gelten für den „Rat für kirchliche Angelegenheiten“ als „Träger antistaatlicher Ideen“ . Der Staat habe zwar — so Juozenas - rechtzeitig mit „prophylaktischer Arbeit“ begonnen, die jedoch keinerlei Ergebnisse zeitigte. Daher sei man gezwungen gewesen, die beiden Priester vor Gericht zu stellen. Scharfe Kritik übte Juozenas auch an den Sendungen der Deutschen Welle, von Voice of America und Radio Vatikan („Radio Vatikan ist ein rein politischer Sender“ ), „die eine Kampagne gegen uns führen“ .

„Rechtsextremisten und Neofaschisten“ — so Juozenas wörtlich— „werden von den genannten Sen dern in ihre sogenannte Menschenrechtsarbeit hineingezogen. Es heißt, man müsse sich für die verfolgten Gläubigen in Litauen einsetzen. Dann kommen diese extremen Elemente nach Litauen und versuchen, hier ihren Einfluß geltend zu machen. Sie verteilen Literatur über die angeblich schwierige Lage der Katholiken in Litauen, machen Interviews und benutzen die Reise auf ihre Art und Weise.“

Für Juozenas ist das Ausfluß der Reagan-Politik („Reagan übt auch Druck auf den Papst aus“ ), die litauische Emigranten unterstütze und Litauen-Besucher für ihre „unterminierende“ Arbeit ausnütze (siehe dazu den Beitrag von Elisabeth Mayer auf Seite 14).

In kommunistischen Kreisen in Litauen ist man der Ansicht, daß

Reagans Versuche, die Ostpolitik auf der Nationalitätenfrage aufzubauen, gescheitert sind. Deswegen habe sich der US-Präsident auf die Religion verlegt, um seine Ostpolitik „auf den Gefühlen der Gläubigen aufzubauen“ . In erster Linie würden dazu die Katholiken benützt, weil „die katholische Kirche ja dem Vatikan untersteht“ .

Reagan — so sieht man es in Litauens KP — mache von dieser Situation der katholischen Kirche weidlich Gebrauch. Emigranten- Priester würden als „Hetzer gegen Litauen“ benützt.

Aufgrund dieser Analyse wird im heutigen Litauen von der Partei und vom staatlichen Kirchenamt alles sehr argwöhnisch beobachtet, was kirchlicherseits nur irgendwie Öffentlichkeitscharak ter haben könnte. Die eingeschränkten Möglichkeiten, das 600-Jahr-Jubiläum der Christianisierung zu feiern (siehe Seite 12), sind Folge der Kontrollfunk- tion des Kirchenamtes.

Jedem Verdacht auf religiösnationale Betätigung — in Litauen oft nicht zu trennen — wird nachgegangen. Politische Betätigung im weitesten Sinn wird zum Rechtstitel für Verfolgung. Die einzige politische Betätigung, die der Kirche Litauens erlaubt ist, ist die Mitarbeit an der staatlichen Friedenspropaganda. Aber gerade hier — so wird seitens der KP kritisiert — sei die Kirche „zu wenig aktiv“ .

Michail Gorbatschow hat im Februar im lettischen Riga (er besuchte als erster Parteichef das Baltikum) die Entscheidung der baltischen Völker für den Sozialismus gerühmt. Auf dem Friedensforum in Moskau sprach er vom Selbstbestimmungsrecht für alle Völker. Das litauische Jubiläum wird — neben seinem stark religiösen Akzent - auch Anlaß dafür geben, in Ost und West über diese Worte des Parteichefs nachzudenken und das Schicksal der baltischen Völker wieder ins Bewußtsein zu rufen.

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