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Vielerlei Geschwistertreffen

Bald sind 20 Jahre vergangen, seit in Österreich ein Stück Kirchen-und Weltgeschichte geschrieben werden sollte - und dann doch nicht geschah. Im Stift Heiligenkreuz bei Wien war 1997 eine Begegnung der drei höchsten Autoritäten des Christentums geplant. Angekündigt waren Papst Johannes Paul II., der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I. (als Ehrenoberhaupt der Welt-Orthodoxie) - und Patriarch Aleksij II. von Moskau (nach Ende des Kommunismus der machtvollste Kirchenführer im Osten).

Bundespräsident Thomas Klestil wurde gebeten, das geplante Versöhnungswerk eines seit Menschengedenken zerstrittenen Christentums vertraulich zu unterstützen. Er schickte mich damals auf Vorbereitungsreise. Bald aber war klar, dass die Zeit nicht reif war: nicht zwischen Rom und den beiden Ostkirchen. Aber auch nicht zwischen den orthodoxen Metropolen in Konstantinopel (Istanbul) und Moskau. Bartholomaios I. hatte zwar den Ehrenvorrang, residierte aber als winzige Insel in einem Meer muslimischer Türken. Aleksij II. dagegen rangierte nur auf Platz 5 der orthodoxen Hierarchie, spürte aber die Kraft von 100 Millionen gläubiger Russen. Und er hatte zudem den Rückhalt der neuen Kremlführung.

Gebirge von Konflikten überlagerten damals die Sehnsucht nach Einheit: Die Ostkirchen beschuldigten Rom, ihre jahrzehntelang von KP-Diktatoren gepeinigte Orthodoxie durch katholische "Expansionsgelüste" zu unterwandern - und verurteilten zudem die päpstliche "Unfehlbarkeit". Und über den Ostkirchen lag zugleich die Gefahr einer Kirchenspaltung: Erbittert rangen Konstantinopel und Moskau um den kirchlichen Primat über die unabhängig gewordenen Satellitenstaaten der alten UdSSR.

Ökumenische Anstrengungen

Viel Zeit ist seither vergangen. Viele Versuche der Annäherung, viele Enttäuschungen liegen hinter uns. Mit Sicherheit aber erleben wir derzeit eine enorme Verdichtung ökumenischer Anstrengungen -auf höchster Ebene: Franziskus und Bartholomaios waren gemeinsam in Jerusalem, Papst und Kyrill trafen einander auf Kuba. Und das erste pan-orthodoxe Konzil seit mehr als tausend Jahren beginnt in zwei Wochen auf Kreta. Zugleich rüsten die Kirchen des Westens zu einer Begegnung von ähnlichem Gewicht: Der Papst kommt Ende Oktober zur 500-Jahrfeier von Luthers Reformation ins schwedische Lund!

Was das alles bedeutet: einen echten Fortschritt hin zur Einheit? Ein demonstratives Abfinden mit der Vielfalt? Nur spektakuläre Gesten zur Besänftigung einer ungeduldig gewordenen Basis? Oder von allem etwas? Wer will es wissen?

Wer gehört hat, wie Präsident Putin am Wochenende auf dem Berg Athos selbstbewusst "Christus ist auferstanden" gerufen hat, der wird seiner ökumenischen Hoffnung wohl auch die Vermutung beimengen müssen, dass nicht nur die Christen untrennbar Geschwister sind und bleiben, sondern auch Religion und Politik.

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