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Damit die Freiheit nicht zügellos irrt

Vor dem G8-Gipfel in St. Petersburg versammelte das Moskauer Patriarchat Religionsführer aus aller Welt zu einem "Gipfeltreffen". Nicht alle Oberhäupter kamen - oder durften kommen.

Vor dem G8-Gipfel in St. Petersburg am kommenden Wochenende lud die russisch-orthodoxe Kirche zum Welttreffen religiöser Führer nach Moskau. Das Resultat: Wirtschaft muss sozial verantwortlich, und Freiheit darf nicht grenzenlos sein. Rom war durch eine Kardinalsdelegation vertreten, Dalai Lama, Papst und Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel wurden nicht ins Land gelassen.

Fortführung der alten Zeit?

150 Spitzenvertreter aller Konfessionen waren der Einladung der russisch-orthodoxen Kirche zum Welttreffen in Moskau gefolgt: Unter ihnen Orthodoxe, katholische, protestantische Christen, islamische Muftis, jüdische Rabbiner, Buddhisten, Hindus, Schintoisten. Wie der Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, Metropolit Kiril, betonte, sei das Ereignis "beispiellos in dieser Größe". Das stimmt so nicht ganz, denn vergleichbare Treffen fanden schon zur Sowjetzeit statt. Etwa 1969, als sich religiöse Autoritäten aus 45 Ländern im Dreifaltigkeitskloster von Sagorsk bei Moskau versammelten. Damals war die Veranstaltung bekanntlich ein verlängerter Arm der staatlichen Propaganda gewesen, die den aggressiven Kapitalismus als Geißel der Menschheit anprangerte und die Sowjetpolitik lobte. Politik und Wirtschaft im Land haben sich seither fundamental geändert. Auch haben viele im traditionell multireligiösen Land nach einem Jahrhundert des Atheismus zur Religion zurückgefunden. Die orthodoxe Kirche erfüllt im postsowjetischen Sinnvakuum außerdem die Funktion des Trägers einer nationalen Idee.

Ganz vollzogen hat sich die Trennung von Kirche und Politik auch sonst nicht. Dass der Dalai Lama nicht zum Welttreffen eingeladen wurde, nahm das russische Außenministerium auf seine Kappe. Eben erst hatte Präsident Wladimir Putin das Verhältnis zu China als eindeutig positiv bewertet, da man in den meisten internationalen Fragen übereinstimmen würde. Um China nicht zu brüskieren, wird dem Dalai Lama die Einreise konsequent verweigert.

Wie übrigens auch dem Papst: Sein historischer Russlandbesuch würde nicht dem Rang der Veranstaltung entsprechen, hieß es aus der orthodoxen Kirche. Benedikt XVI. schickte eine Grußadresse zum Welttreffen und eine hochrangige Delegation unter Leitung der Kardinäle Roger Etchegaray, Walter Kasper (Päpstlicher Rat für die Einheit der Christen) und Paul Poupard (Päpstlicher Kulturrat und Rat für den Interreligiösen Dialog). Dass der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel Bartholomaios I. nicht eingeladen und einige andere orthodoxe Patriarchen nicht gekommen waren, hatte letztlich auch einen politischen Grund: Der Kampf um die Vorherrschaft in der orthodoxen Welt ist in vollem Gang (siehe unten).

Meta-religiöser Gipfel

Generell dominierten den Gipfel selbst weniger theologische Themen und Differenzen, als vielmehr eine meta-religiöse Ermittlung von Werten, die beim Kampf gegen Terrorismus, Armut und Sittenverfall einen sollten. Das Treffen vor dem Gipfel der sieben wichtigsten Industriestaaten und Russlands (G8), bei dem Russland erstmals den Vorsitz führt, abzuhalten, war nicht zuletzt die russische Staatsmacht interessiert. Putin wird die gemeinsame Erklärung der Religionsführer den G8-Staatschefs vorlegen und auch damit den zuletzt stärker werdenden Fingerzeig des Westens auf Russlands Defizite in Sachen Menschenrechte und Demokratie parieren.

Die Schlusserklärung der religiösen Führer war erwartungsgemäß allgemein gehalten. Eingetreten wird für eine Weltordnung, die die Demokratie mit der Achtung der ethischen Gefühle, der Lebensweise, der verschiedenen politischen und Rechtssysteme sowie der nationalen und religiösen Traditionen der Menschen verbindet. "Wir verurteilen Terrorismus und Extremismus in jeder Form", heißt es wörtlich. Verworfen wird die religiöse Rechtfertigung für Terrorismus, ferner die religiöse Nötigung und die Beleidigung religiöser Gefühle.

Rechtzeitig zum Gipfel wird auch die Wirtschaft an ihre soziale Verantwortlichkeit und Gerechtigkeit erinnert. "Jede wirtschaftliche und geschäftliche Tätigkeit muss sozial verantwortlich sein und auf den Normen der Moral basieren", heißt es im Dokument.

Der Moskauer Patriarch Aleksij II. strich in einem kurzen Statement die "Einmütigkeit" der versammelten Religionsvertreter hervor. Angesichts einer säkularen Welt und der Tendenz, unter Freiheit einen Freibrief zu allem zu verstehen, sei man sich in der Notwendigkeit einig, die ethischen und geistigen Werte der Religion zu bewahren.

Für "Menschenpflichten"

Zustimmung bei den Gästen erlangte die russische Orthodoxie demnach mit ihrer schon früher formulierten Auffassung der Menschenrechte, dass die Rechte des Individuums zwar gewahrt, aber ebenso durch Moral und Pflichtbewusstsein eingeschränkt werden müssen.

Die Auffassungen von Individuum und Kollektiv trennen die russische Orthodoxie und den Westen dennoch weiterhin. Das westliche Verständnis der individuellen Freiheit als einer Stärke des christlichen Glaubens bleibt vielen orthodoxen Theologen suspekt. Da die historische Periode der Aufklärung in Russland ausblieb, ist das Individuum nie zu seinem Recht gegenüber dem Kollektiv gekommen. Der Geist des Gehorsams und der sklavischen Unterwerfung trennt die beiden christlichen Schwestern genau so sehr, wie er die russische Orthodoxie mit dem Islam im Land verbindet.

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