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Religion in Jugoslawien

Jugoslawiens Gläubige - insgesamt rund 30 Kirchen und Sekten - leben leichter als in den meisten kommunistisch regierten Ländern, aber keines- ‘ wegs so ungestört, wie das offizielle Jugoslawien dies darstellt.

Die Tatsache, daß in Jugoslawien die ‘drei großen Glaubensgemeinschaften - die katholische Kirche, die serbischorthodoxe Kirche und der Islam - seit vielen Jahrhunderten im wesentlichen in voneinander getrennten Gebieten wirken, bedeutet zwar für jede von ihnen eine gewisse Stütze, bringt sie aber auch leicht in Abhängigkeit zu patriotischen, nicht selten nationalistischen Strömungen ihrer unmittelbaren Umgebung. Das wiederum hat zur Folge, daß sie häufig Zielscheiben der offiziellen politischen Polemik gegen „Nationalismen“ werden.

Am meisten ist die katholische Kirche Kroatiens solchen Vorwürfen ausgesetzt. Sie hat sich etwa seit Mitte vorigen Jahrhunderts erst jugoslawischkroatisch, dann in diesem Jahrhundert nationalkroatisch engagiert. Sie wurde, trotz ihrer nicht unumstrittenen Rolle im Zweiten Weltkrieg, als Kroatien zu einem Vasallenstaat Hitlers und Mussolinis geworden war, ein nationaler Sammelpunkt in und natürlich zum Teil auch gegen das kommunistische Regime nach 1945.

Die Persönlichkeit des Kardinal Ste- pinac - eingezwängt in den tragischen Konflikt eines Kirchen fürsten zwischen dem rassistisch-religiösen Fanatismus der Ustaschi und den antikirchlichen Parolen der kommunistischen Partisanen - wurde von den Siegern zum Symbol für die verallgemeinerte „Schuld“ der katholischen Kirche in! Kroatien auserkoren.

Ein Schauprozeß gegen Stepinac kurz nach dem Krieg aber ergab in der breiten Bevölkerung Kroatiens das entgegengesetzte Resultat. Bis heute ist die Forderung nach Rehabilitierung des Kardinals ein ständiges Reizthema zwischen Kirche und Staat.

Zu Beginn des Jahres erhielt diese Frage neue Aktualität: Der ehemalige Staatsanwalt im Stepinac-Prozeß, Ja- kov Blaževič, heute Präsident der Republik Kroatien, ließ seine alten Argumente gegen Stepinac und Kirche in neuem Gewand auf einer Pressekonferenz vom Stapel.

Erzbischof Kuharic bekam damit die Gelegenheit zu einer machtvollen Demonstration der Einigkeit der Gläubigen, als er vor Tausenden von Zuhörern im Kapitol von Zagreb in klaren und einfachen Worten eine Antwort auf die polternden Beleidinungen des kroatischen Kommunisten gab.

Die Kirche verlangt, als gleichberechtigter Partner im Dialog mit dem Staat, d. h. der Partei, über die Rechte der Bürger, der Gläubigen insbesondere, anerkannt zu werden. Der Staat hingegen scheint angesichts einer solchen Möglichkeit von einer Art Panik ergriffen zu sein.

Denn so wie sicherlich die Erfahrung, die der „polnische“ Papst bedeutet, das Selbstbewußtsein der Kirche im kommunistischen Staat stärkt, so haben die Ereignisse in Polen und die politische Rolle der katholischen Kirche dort die Partei in Jugoslawien erschreckt.

Es gibt allerdings, unabhängig von aktuell-politischen Zusammenhängen, in Jugoslawien auch andere Methoden, mit denen die Kirchen in Schwierigkeiten gebracht werden. Auch da ist vor allem die katholische Kirche - auch in Slowenien - Zielscheibe, weil sie im Vergleich’ zur serbischen Kirche oder dem Islam am direktesten im humanen Bereich aktiv ist.

Das Regime versucht einerseits durch das Selbstverwaltungssystem, die Kirche in das verästelte Netz der Selbstverwaltungsgremien einzuspannen, andererseits versucht sie immer wieder, innerhalb des Klerus und zwischen Priestern und Gläubigen eine

Spaltung nervorzuruien una senon oe- stehende Kontroversen für sich auszunutzen.

Was die Selbstverwaltung betrifft, ist die Problematik, politisch gesehen, vielleicht heikler für die Kirche. Sie steht vor der Wahl, indem sie sich wie bisher gegen die Teilnahme der Priester am Delegiertensystem der regionalen Ebenen sträubt, in die Isolierung zu geraten. Andererseits würde eine Teilnahme sehr leicht sowohl eine Bewegungseinschränkung für die kirchlichen Aktivitäten bedeuten können und außerdem der kommunistischen Gesellschaft den Vorwurf einer angeblichen „Politisierung“ der Kirche erleichtern.

Noch eine Achillesferse haben die Kirchen in ihrem Verhältnis zum kommunistischen Staat: Ihre Kontakte mit jugoslawischen Emigranten. Immer wieder wird hohen Würdenträgern der Kirche oder einfachen Pfarrern vorgeworfen, bei Besuchen im westlichen Ausland mit .jugoslawienfeindlichen“ Kreisen zusammengetroffen zu sein.

Die meisten der Prozesse, die gegen Geistliche geführt werden, beziehen sich auf solche „Delikte“, wobei das Regime mit Fleiß übersieht, daß die Mehrheit der Emigration selbstverständlich antikommunistisch ist und daß Priester nicht ohne weiteres die Möglichkeit haben, Gläubige im Hin

blick auf ihre politische Orientierung zu unterscheiden.

Ein Sonderfall in dieser Hinsicht und in manch anderer - ist die mazedonische orthodoxe Kirche. Sie hat eine direkte außenpolitische Aufgabe im Interesse des heutigen Jugoslawien. Seit sie vor rund 13 Jahren von der serbischen Mutterkirche getrennt und mit kräftiger Stütze der KP " autokephal erklärt worden ist, kann sie auch im Ausland die mazedonische Nation und Republik repräsentieren, so wird sie zu einem Sammelpunkt mazedonischer Emigranten aus Bulgarien und Griechenland, wo Mazedonier keine eigenen nationalen Rechte haben.

Damit aber wird die mazedonische Kirche gleichzeitig insgesamt ein Propagandafaktor für Jugoslawiens offizielle Politik gegenüber seiner Vielvöl- kerfamitie und der Religionsfreiheit.

Die ungewöhnlichste Stellung unter den Glaubensgemeinschaften in Jugoslawien aber nimmt der Islam ein. Denn Muselmanen sind hier nicht nur Angehörige der Glaubensgemeinschaft, sondern, zumindest in der Republik Bosnien-Herzegowina, eine Nation. Entsprechend werden sie in anderen Regionen als nationale Minderheit registriert. Zu diesem Status kamen sie aus rein innenpolitischen Erwägungen der Tito-Kommunisten, die zwischen den Serben und Kroaten in dieser Republik sozusagen eine Puffernation brauchten.

Historisch handelt es sich bei ihnen bekanntlich hauptsächlich um Nachkommen von Serben, die zur Zeit der türkischen Herrschaft in diesem Teil des heutigen Jugoslawien zum Islam übertraten. Sie entwickelten im Laufe der Jahrhunderte eine spezifische Lebensform, gewissermaßen eine Symbiose lokaler Traditionen mit orientalischen, die noch heute spürbar ist, nicht zuletzt in der Sprache Bosniens.

Die Stellung des Islam in Jugoslawien ist in vielschichtiger Weise stark. Seine Beziehungen zu politischen Kreisen sind besser als diejenigen anderer Glaubensgemeinschaften. Das datiert im wesentlichen aus der Partisanenzeit, als nicht wenige Söhne alter muselmanischer Familien sich den Partisanen anschlossen.

Der Islam in Jugoslawien - man rechnet mit mehr als zwei Millionen Anhängern - bekommt auch Stütze aus den arabischen Ländern, mit denen das blockfreie Jugoslawien, zumindest zu Titos Lebzeiten, engste politische und wirtschaftliche Kontakte pflegte.

Außerdem gingen die jungen islamischen Theologen aus allen Teilen Jugoslawiens - in Kossovo, in Mazedonien sind weitere starke muselmanische Gemeinden - an die arabischen Universitäten. Daß sie dort unter dem Einfluß einerseits eines außerordentlich konservativen Islam, andererseits in die Reichweite extremistisch-progressiver Strömungen gerieten, wurde bald ein Problem.

Es beschleunigte zweifellos den Entschluß „von oben“, in Sarajewo, dem geistigen und administrativen Zentrum des Islam, eine eigene Hochschule zu errichten - die erste auf europäischem Boden. Sie bietet den jugoslawischen Muselmanen die höchst interessante Möglichkeit, versuchsweise einen „europäischen“ Islam zu entwickeln.

Die serbisch-orthodoxe Kirche teilt im großen und ganzen das Schicksal der katholischen Kirche. Sie unterscheidet sich aber wesentlich darin, daß sie weitaus passiver und daß ihr Rückhalt in der serbischen Bevölkerung viel weniger religiös als national-traditiona- listisch begründet ist. Damit aber spielt sie heute keine tatsächliche Rolle unter der jüngeren Generation - sie ist auch karitativ so gut wie nicht engagiert.

Serben waren nie große Kirchenbesucher, sie ziehen einen Hauskult vor.

Insgesamt ist in Jugoslawien ein Dilemma innerhalb der Parteihaltung zu den Glaubensgemeinschaften spürbar. Einerseits ist man eifrig bemüht, das Image des „anderen“ Sozialismus nicht aufs Spiel zu setzen - andererseits furchtet man gerade jetzt jede neue Nuancierung eines Dialoges mit Andersdenkenden.

Einerseits können Altkommunisten wie Jakov Blaževič ungehindert Porzellan zertrümmern, andererseits ist aus anderen Parteikreisen eine offenere Haltung zum Phänomen des Zusammenlebens mit den Kirchen zu verzeichnen. Zum Beispiel berichten Massenmedien jetzt mehr über Kirchen als Kulturdenkmäler, über kirchliche Zeremonien, kirchliche Ereignisse.

Es besteht mit anderen Worten kein Grund, die Hoffnung auf einen Dialog aufzugeben.

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