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Mühsame Lust der Freiheit

Die vergangene und gegenwärtige Situation der katholischen Kirche Ungarns wird nur von wenigen Forschern analysiert, unter ihnen mehr Soziologen als Theologen. Es fehlt in der Kirche eine öffentliche Diskussion über diese Thematik und auch das Bedürfnis nach Forschung und Analyse. Vielleicht ist die ungarische Kirche im Glauben und im theologischen Denken noch nicht genug gerüstet, um sich mit den düsteren Daten ihrer heutigen Lage zu konfrontieren. Wo es dennoch zu öffentlichen Diskussionen kommt, werden kritische Stimmen oft mit kommunistischen oder liberalistischen Kräften in Verbindung gebracht - und zurückgewiesen.

Dieser stark defensive Zug der ungarischen Kirche ist aber auch ein Erbe aus einer Zeit, als alle innere Verschiedenheiten und Konflikte nur den Kirchenfeinden nutzten. So gelten die Ansichten über Kirche in Ungarn als "indiskutabel". Schade in einem Land, wo ansonsten über alles bis zum geht nicht mehr diskutiert wird.

Bis heute versäumtes Konzil

In Ungarn wurde die Tätigkeit des Staatlichen Kirchenamtes 1989 eingestellt. Damals begann die praktische Freiheit der Kirche Ungarns in allen Bereichen des gesellschaftlichen und des pastoralen Lebens. Heute genießt die katholische Kirche volle Freiheit und kann ihre Angelegenheiten selbständig erledigen. Die meisten Analysen der ungarischen Kirchensituation sehen in der politischen Wende 1989 eine Zäsur. Heute noch, 14 Jahre danach, genießt diese Zäsur hohe Plausibilität und ist ein beliebter Hinweis, wenn es um Probleme geht. In der Bevölkerung herrscht die Ansicht, dass in der "friedlichen Kádár-Zeit" alles besser war: weniger Freiheit, aber mehr Sicherheit.

Nicht wenige Katholiken meinen heute, der Liberalismus sei eigentlich der gleiche Feind der Kirche wie Kommunismus, nur sei er schwerer zu bekämpfen. Unter diesen geistigen Umständen versucht die Kirche, ihre gesellschaftliche und kulturelle Stellung in Ungarn zu finden.

Neben den politischen und psychologischen Bezugspunkten wird oft auf die zögerliche Rezeption des II. Vatikanums hingewiesen. Als die Konzilsväter in Vatikan mutig tagten, war die Kirche in Ungarn durch Stacheldraht und fleißige Staatssicherheitsagenten nahezu lückenlos abgeschirmt. Eine zeitgleiche Rezeption des Konzils war unmöglich. Erst nach der Wende gab es theoretisch die Möglichkeit die Konzilsdokumente nachzulesen.

Die nachkonziliaren Entwicklungen im freien Teil Europas wirken sich aber nicht unbedingt positiv aus. Vor allem die stark vatikankritischen Züge der Kirche im deutschsprachigen Raum wird oft mit der gesamten nachkonziliaren Entwicklung gleichgesetzt. Die Treue zur Tradition bekommt so manchmal traditionalistischen Züge. Eine eigenständige Konzilsrezeption steht der Kirche Ungarns noch bevor, um eigene und mutige Wege für die zeitgemäße Verkündigung in der modernen Gesellschaft Ungarns zu finden.

Rechtsform "Kirche"

Nach der Wende galt es an erster Stelle, die Rechtsstellung der katholischen Kirche in Ungarn zu klären. Diese Aufgabe ist vollständig erledigt. Kirchen, Konfessionen oder Religionsgemeinschaften (im Gesetz zusammenfassend als "Kirchen" bezeichnet) können gerichtlich registriert werden, um Rechtspersönlichkeit zu erlangen. Die Registrierung ist nicht als Anerkennung, sondern bloß als Eintragung zu betrachten.

Kirchen, die zum Inkrafttreten der gesetzlichen Regelung 1990 anerkannte Kirchen waren, wurden vom Gericht registriert. Mit der Rechtsform "Kirche" sichert der Staat eine im gesellschaftlichen Zusammenleben geeignete Form der religiösen Gruppen.

Glaubensabfall der EU?

Während ich diesen Beitrag schreibe, tagt in Budapest eine Konferenz über die christlichen Werte und die EU. Für die ungarische Gesellschaft und darin auch für die Kirche wird der Beitritt zur Europäischen Union am 1. Mai 2004immer mehr ein wichtiger Bezugspunkt. In der letzten Zeit wird die Diskussion über Gott in der EU-Verfassung kirchlicherseits mit einem gewissen Vorbehalt betrachtet: Sollte EU als Wertegemeinschaft religionslos und entchristianisiert vorgestellt werden, wo die Kirchen unter den vielen Kulturvereine nur eine Institution sein werden?

Nach der letzten Volkszählung (2001) leben in Ungarn 55 Prozent katholisch und 19 Prozent protestantisch Getaufte. Die anderen Konfessionen oder Religionen erreichen nicht einmal 1 Prozent je Glaubensgemeinschaft, die Konfessionslosen haben einen Anteil von 15 Prozent.

Alte Katholiken?

Die Katholiken sind im Durchschnitt etwas älter als die Gesamtbevölkerung, während die Konfessionslosen eine deutlich jüngere Generation vertreten. Zwar könnten die Großkirchen in der Zukunft weiter an Mitglieder verlieren, sie werden - rein statistisch gesehen - weiterhin die Bevölkerungsmehrheit ausmachen. Die Mehrheit der Katholiken in Ungarn gehört zur älteren Generation, die restlichen 20 bis 25 Prozent teilen sich mittlere und die jüngere Generation. Da aber die mittlere und die jüngere Generation bei diesem Anteil keinen besonderen Unterscheid aufweist, kann man vermuten, dass die Wirkung der religions- und kirchenfeindlichen Epoche keine weitere Schäden mehr zufügen wird.

Ein Drittel der Katholiken betet täglich. Die Mehrzahl der Katholiken geht nicht wöchentlich zur Kirche. Nur für 13 Prozent kann die Eucharistiefeier wöchentlich Gnade und Stärke vermitteln. In Zukunft wird es eine der wichtigsten Aufgaben zu sein, auch Menschen zu erreichen, die mit den Sakramentenangeboten nicht erreicht werden können, die aber dennoch offen für das Sinnangebot der Kirche sind.

Einmannpastoral

Die Priesterzahlen sinken in den meisten europäischen Ländern. Die politische Wende hatte darauf wenig Einfluss. Vor 20 Jahren waren in Ungarn insgesamt 3.171 Priester im Dienst, heute sind es 2.438. Beinahe ein Drittel aller Gemeinden hat keinen eigenen Pfarrer. In den meisten westeuropäischen Ländern wächst die Zahl der Pastoralreferenten, und die Pastoral in den Gemeinden ist ohne diese Laien undenkbar. In Ungarn und in vielen anderen ehemaligen Ostblockländer gibt es in der Pfarrpastoral nur wenig angestellte Laien. Der Großteil des Klerus betreibt eine Einmannpastoral. Viele unter ihnen können selbst die nichtpriesterlichen Aufgaben nicht delegieren, und wünschen sich, endlich einmal ein Seelsorger werden zu können.

Die Glaubensinhalte müssen in jeder historischen Epoche neu formuliert und neu erklärt werden. Für die ehemaligen Ostblockländer ist es Zeit, die Glaubenswahrheiten zeitgemäß neu zu formulieren, um den Menschen klare Orientierung anbieten zu können. 84 Prozent der Katholiken glauben an Gott, 38 Prozent an die Auferstehung, 29 Prozent an die Hölle - aber 45 Prozent an die Telepathie und 21 Prozent an die Reinkarnation. Selbst unter den regelmäßigen Kirchengängern glauben etwa 20 Prozent an die Reinkarnation!

Synkretismus wird mancherorts auch als kreativer Aufbau eigener Glaubensgebäude aufgefasst, in denen dogmatisch entgegengesetzte Inhalte einander friedlich ergänzen können. In Ungarn geht es hier aber wohl weniger um Kreativität als um Nichtwissen. Für die Kirche bedeuten die synkretistischen Erscheinungen die große Herausforderung, die sinnstiftende Lehre des Evangeliums auch für die verständlich zu machen, die ohne jede religiöse Erziehung aufgewachsen sind.

Großprojekt 1: Schulen

Eines der größten Projekte der ungarischen Kirche war gleich nach der Wende der Wiederaufbau des katholischen Schulsystems. Die älteren Generationen haben noch die Vorkriegssituation in Erinnerung, als die Mehrzahl der Grundschulen in katholischen Händen war. Aber nicht nur ältere Menschen und auch gar nicht nur engagierte Katholiken knüpf(t)en starke Hoffnungen an die katholischen Schulen, da dort die moralischen Werte gesichert würden und es neben hoher Fachqualität vor allem um die Schüler als Person gehe.

Heute hat die ungarische Kirche 50 Kindergärten (1,1 Prozent aller Kindergärten), 97 Grundschulen (2,6 Prozent aller Grundschulen), 50 Schülerheime, (10,8 Prozent aller Internate) und 76 höhere Schulen (4,9 Prozent aller höheren Schulen). Die Mehrzahl (60 Prozent) der konfessionellen Schulen sind katholisch, 25 Prozent sind kalvinistisch und 7 Prozent lutherisch. Ungefähr 50.000 Kinder (3 Prozent aller Schüler) besuchen eine katholische Bildungsstätte.

Großprojekt 2: Familie

In der Pastoral gibt es in Ungarn zwei Hauptprojekte: die Jugend-und die Familienpastoral. Die Stärkung der Familien ist zentrales Thema - stark unterstützt von Rom, noch mehr aber durch die desolate Lage der Familien in Ungarn: Die Scheidungsraten sind hoch, in sehr viele Familien gibt es keine adäquate Kindererziehung, und die "neuen Partnerschaften" werden durch die Medien immer mehr verbreitet und als Alternative zur Ehe dargestellt.

Die ungarische Bischofskonferenz hat einen Familienbischof, László Bíró, der mit all seiner Kraft diese Aufbauarbeit in intensiver Zusammenarbeit mit den Familienreferenten aller Diözesen vorantreibt. Die Bischofskonferenz veröffentlichte zur Frage der Familienpastoral auch einen Hirtenbrief, in dem sie für die glücklichen Familien optierte.

Die Entwicklung der Familienpastoral kann als Beispiel für die Problematik der ungarischen Pastoral gelten. Alle wissen, dass die Zeit drängt, und viele sind auch motiviert, sich für die Menschen in Rahmen der Familienpastoral zu engagieren. Es gibt auch Ausbildungen und Anfänge einer Institutionalisierung. An einem klar ausgearbeiteten Konzept und den zur Verwirklichung nötigen Mitteln mangelt es aber immer noch - trotz vieler lobenswerter Versuche.

Das Ungarische Pastoralinstitut kämpft entschieden für dieses wichtige Pastoralfeld, es sollte aber die Zeit entschlossener Aktivität aller Diözesen gekommen sein, vor allem in der Planung und Finanzierungssicherung. Hier haben bis heute nur einige wenige Diözesen auch einen praktischen Weg in der Familienpastoral gefunden.

Neuer Primas - neuer Kurs?

Péter Erdo (51), früher Rektor der Katholischen Universität Péter Pázmány, wurde Anfang dieses Jahres zum Primas von Ungarn, zum Erzbischof der Erzdiözese Esztergom-Budapest ernannt - Nachfolger von Mindszenty, Lékai, Paskay. Mit ihm wollte der Vatikan anscheinend für einen längeren Zeitraum den Primassitz mit einem gut ausgebildeten, hochintelligenten Kirchenrechts-Professor besetzen. ErdÝo wurde letzten Sonntag auch zum Kardinal nominiert. Seine starke Persönlichkeit wird sicher die ungarische Kirche prägen. Er übernimmt die leitende Funktion in einer Kirche, die schwer von ihrer Vergangenheit belastet ist, sich mit der neuen Freiheit schwer tut, aber vom starken Kern ihrer Mitglieder entschlossen und mit Kirchenliebe mitgetragen wird.

Der Autor ist Professor Religionswissenschaften an der Universität Szeged.

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