Operettenstaat Montenegro?

"Montenegro ist ein idealer Platz für finanzielle Transaktionen, böse Zungen würden sagen, für Geldwäsche. Und dazu ist es mit mysteriöser Hilfe aus Westeuropa gekommen." Ivan Ivanji

Die Staatengemeinschaft Serbien und Montenegro hat sich am 21. Mai aufgelöst, beide Mitglieder der Gemeinschaft sind souverän geworden, der Zerfall Jugoslawiens ist damit abgeschlossen. Da Serbien völkerrechtlich als Nachfolgestaat behandelt wird, erscheint nur Montenegro als neuer Staat und 192. Mitglied der UNo, am 28. Juni wurde seine Fahne vor dem Gebäude der Weltorganisation gehisst.

Das neue UNO-Mitglied

Ein junger Staat ist Montenegro jedoch keineswegs. Schon gar nicht für Österreich. Es kommt seit über hundert Jahren dort vor, wo Österreich am "österreichischsten" ist, auf der Operettenbühne. Es ist das Land, aus dem die "Lustige Witwe" stammt, die in Paris Liebe sucht und ihr vieles Geld zu Gunsten des lieben Vaterlandes los wird.

Franz Lehár und seine Librettisten müssen es gut gekannt haben. Die Anspielungen sind treffend. Der Tenor heißt Danilo. Das ist einer der häufigsten Namen in Montenegro. Sowohl der Vorgänger und Onkel des zur Zeit der Uraufführung herrschenden Königs, Nikola, als auch sein ältester Sohn und Thronfolger hießen Danilo. Die Sopranistin Hanna ist die Witwe des Bankiers Glawari. Glawar nennt sich in Montenegro das Oberhaupt, der Capo. Der Gesandte des Landes, von dem die Rede ist, heißt Mirko Zeta. Zeta ist ein Fluss in Montenegro, zeitweilig war das auch der Name des ganzen Landes. Der Komiker - Kanzlist der Gesandtschaft - heißt Njegusch, das ist der Name eines Dorfes auf dem höchsten Berg Montenegros, dem Lovcen. Kein Zweifel, Pontevedro, in dessen Gesandtschaft die Operette beginnt, ist Montenegro.

Pontevedro = Montenegro

Das Land und sein König brauchten, genau so wie in der Operette, tatsächlich immer wieder Geld. Der Herrscher war, was man in Wien einen genialen Schnorrer nennt, ließ Briefmarken drucken, verkaufte Orden des Landes, verheiratete seine Töchter so gut, dass er den Spitznamen "Der Schwiegervater Europas" erhielt. Die beiden Töchter, Milica und Anastasia, heirateten russische Großfürsten aus dem Geschlecht der Romanow, Tochter Zorka den späteren serbischen König Petar I., ein Volltreffer war die Heirat der Tochter Jelena - Helene - mit dem italienischen König Viktor Emmanuel III.

Wien hatte mit Montenegro Sorgen. Nicht zu Unrecht beanspruchte der König den Besitz des wichtigsten Kriegshafens der Doppelmonarchie, Cattaro.

König Nikola Petrovic, der von 1860 bis 1918 herrschte, war ein geschickter Diplomat. Um seine relative Modernität zu beurteilen, gilt es einen kurzen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Seit dem Ende des 14. Jahrhunderts umspülte der osmanische Ozean die montenegrinischen Berge, die Gipfel blieben jedoch frei. Das hatte zwei Gründe: Erstens fanden es die Angreifer nicht der Mühe wert, die leicht zu verteidigenden Gipfel mit großen Opfern zu erstürmen, zweitens, und das ist wichtiger, ging es um den Handel im Dreieck zwischen der Türkei, Venedig und dem nördlichen Europa über ein freies Montenegro.

Jahrhundertelang wurde das Land von seinen Fürstbischöfen autoritär regiert. Nikola stammte aus der berühmten klerikalen Familie der Petrovic, die einige dieser sowohl weltlichen als auch geistigen Herrscher gestellt hatte, er war aber bürgerlich gesinnt, schuf ein westlich orientiertes Gesetzeswerk, eine ganz ordentliche Verwaltung und lockte, um seine Hauptstadt Cetinje zu einer kleinen, aber feinen europäischen Metropole zu machen, die großen Staaten, um sie mit neu gebauten Gesandtschaftspalästen zu schmücken. Da konnte sich Österreich-Ungarn nicht lumpen lassen. Zwischen 1896 und 1899 wurde vom aus Dalmatien stammendem Architekten Josef Sladea ein Prachtbau mit neuromanischen Portalen, gepflegter Parklandschaft mit Tennisplatz, einem schönen Brunnen und einer mit Skulpturen verzierten römisch-katholischen Kirche errichtet. Hier ist zur Zeit die Denkmalschutzbehörde des Landes untergebracht, aber Wien bemüht sich schon, den traditionsreichen Komplex für seine Botschaft wiederzugewinnen.

Die Volksbefragung in Montenegro, die mit der relativ knappen Mehrheit von 55,5 Prozent die Selbständigkeit des Landes beschlossen hat, wurde mit einer kleinen Zeitverzögerung von Serbien nur zähneknirschend anerkannt.

Eine Diskussion darüber, ob die Montenegriner eigentlich ein serbischer Stamm, ob die montenegrinische Sprache ein serbischer Dialekt ist, könnte mit der Erörterung verglichen werden, ob Österreich ein deutsches Land war, ist oder sein sollte, ob Erdäpfel, Paradeiser, Stanitzel oder angeloben für die Existenz einer eigenen Sprache genügen oder ein "abartiges" Deutsch sind. Wer als Montenegriner seine Muttersprache, Serbisch, spricht, wird nach dem zweiten Wort sofort als solcher erkannt, wie ein Österreicher unter deutschsprechenden Menschen. Der berühmteste Herrscher und auch Dichter des Landes, Petar Petrovic Njego, (1813-1851), ein genialer Goethe-Epigone, hatte es auf den Punkt gebracht: "Ich bin ein serbischer Dichter, aber der Herrscher Montenegros!"

Der Österreicher Adolf Hitler hat Deutschland ins Unglück gestürzt. Der Montenegriner Slobodan Milosevic hat dasselbe mit Serbien getan.

Ein geteiltes Land

Wie auch immer, die Mehrzahl der Bürger Montenegros haben soeben erklärt, sie fühlten sich als Montenegriner. Das sagten auch Albaner, Bosniaken und Kroaten, die montenegrinische Staatsbürger sind. Mit 45 Prozent der Bürger, die lieber mit Serbien zusammengeblieben wären, bleibt das Land leider gefährlich geteilt.

Die internationale Gemeinschaft hat die Unabhängigkeit Montenegros sofort zur Kenntnis genommen. Alles schon gehabt. Der Berliner Kongress 1878 anerkannte getrennt das Königreich Serbien und das Fürstentum Montenegro als souveräne Staaten. Petar Karadjordjevic bestieg 1903 den Thron Serbiens, nachdem sein Vorgänger, Aleksandar Obrenovic, von seinen Gardeoffizieren ermodert worden war. Bald danach bekam er Appetit auf Montenegro und entsandte 1907 gedungene Mörder, um seinen Schwiegervater, eben Nikola, der inzwischen vom Fürsten auch zum König avanciert war, zu beseitigen; dieser kam jedoch den Attentätern zuvor und ließ sie hinrichten. In die Balkankriege und den Ersten Weltkrieg zogen Serbien und Montenegro trotzdem Seite an Seite, allerdings als zwei verschiedene Staaten. Das wird heutzutage in Serbien am liebsten verdrängt.

88 Jahre serbisch dominiert

Nach dem Ersten Weltkrieg gestattete Petars Sohn, Aleksandar Karadjordjevic, der der erste jugoslawische König wurde, seinem greisen Großvater Nikola, der nach Frankreich geflohen war, die Rückkehr in seine Heimat nicht. Seither war Montenegro 88 Jahre lang ein Bestandteil des gemeinsamen Staates der Südslawen, der Namen und Staatsform wechselte, nicht aber die serbische Dominanz.

Wie will Montenegro auf eine Fläche von 13.812 Quadratkilometern beschränkt und mit nur 650.575 Einwohnern (es ist ein klein wenig größer und hat etwas weniger Bürger als Tirol) überleben? Formal beruft man sich vor allem auf den Fremdenverkehr als Einnahmequelle. Die Adriaküste ist wunderschön, die hohen Berge bieten den Gegensatz dazu. Probleme wird noch lange die Infrastruktur machen, die Versorgung mit elektrischem Strom und Wasser lässt viel zu wünschen übrig, die Straßen sind eng und nicht besonders sicher, telefonieren ist oft kompliziert, verwöhnte Besucher unzufrieden. Der Geheimtipp ist jedoch ein anderer: Montenegro ist ein idealer Platz für finanzielle Transaktionen, böse Zungen würden sagen, für Geldwäsche. Und dazu ist es mit mysteriöser Hilfe aus Westeuropa gekommen.

Teil der Euro-Zone

In der letzten Zeit feiern Medien den Erfolg des jungen EU-Mitglieds Slowenien, ab 1. Jänner 2007 den Euro als Währung einführen zu dürfen. Montenegro hat jedoch von Beginn an den Euro als eigenes anerkanntes Zahlungsmittel, und zwar mit Hilfe der Deutschen Bundesbank. Schon im November 1999 wurde die Deutsche Mark offizielles Zahlungsmittel im Kleinstaat an der Adria.

Über einen offiziellen deutschen Beschluss darüber wurde nie

etwas bekannt, man weiß nur, dass Geld über den Flughafen von Dubrovnik in zwei Sondermaschinen ins Land gelangt ist. Bemerkenswert, dass die Flieger nicht direkt in Montenegro landeten, weil die Flugüberwachung fest in Belgrads Hand war.

Als Zweitwährung war die D-Mark, so wie auch sonst überall auf dem Balkan, längst normal, aber außer den international kontrollierten Gebieten Bosniens und des Kosovo gab es überall auch eine Landeswährung, in Jugoslawien den Dinar. Montenegro, obwohl formal noch Teil des gemeinsamen Staates mit Serbien, schaffte den Dinar mit einem Gewaltstreich ab. Ab Anfang 2002 wurde die D-Mark in Frankfurt in Euro eingewechselt. So ist Montenegro, obwohl noch weit entfernt von einer Mitgliedschaft in der eu, praktisch von Anfang an Teil der Euro-Zone. Das kann große Vorteile bieten. In Montenegro kann man hinter vorgehaltener Hand hören, man könne vielleicht die Rolle übernehmen, die früher einmal der Libanon gespielt hat und heute immer noch Zypern spielt. Auch diese beiden Länder liegen ja an schönen Gestaden, das sei für die Betreiber guter Geschäfte immer von Vorteil.

Russische Geldwäsche

Ein Beispiel: Eine Firma aus Russland kauft ein Hotel an der montenegrinischen Adriaküste. Täglich werden die Einnahmen in bar zur Filiale einer europäischen, eventuell einer österreichischen Bank gebracht. Die fremdenfreundliche Steuer wird ordentlich bezahlt. Alles in schönster Ordnung - seltsam nur, dass das Hotel kaum Gäste hat. Das Geld jedoch ist jetzt auf einem ordentlichen Konto.

Die Statistik weist noch nicht aus, was in Montenegro alles Russen oder Firmen aus Russland gehört. Wohlhabende Russen kaufen sich Eigenheime, aber auch Industrieanlagen wie die Stahlwerke in Nik oder die Alluminiumwerke in Podgorica haben russische Besitzer. Ist schon das halbe Land russisch? Wird weiter eingekauft? Man versteht russisch, spricht es gerne, die Landesreligion ist dieselbe, die Orthodoxie wie in Mütterchen Russland, seit jeher sagen die Montenegriner: "Von uns und den Russen gibt es zweihundert Millionen!"

Seit über 15 Jahren steht der 1962 geborene Milo Djukanovic\0xB4 an der Spitze Montenegros. Nachdem er Wirtschaftswissenschaft absolviert hatte, war das Amt des Ministerpräsidenten sein erster Job. Danach wurde er zum Staatspräsidenten und danach wiederum zum Ministerpräsidenten gewählt. Da im kleinen Bergland zwar von merkwürdigen Umständen, keineswegs aber von einer Diktatur die Rede sein kann, spricht das für sich. Djukanovic ist in Italien wegen Zigarettenschmuggels angeklagt. Er nimmt es auf die leichte Schulter. Montenegro sei "nur ein Transitland" für amerikanische Zigaretten auf dem Wege von Rotterdam und von hier aus über die Adria gewesen.

Hoffnungslos heiter

Im Herbst stehen Parlamentswahlen bevor. Falls die starke proserbische Opposition siegen sollte, will sie das Ergebnis der Volksbefragung über die Trennung von Serbien rückgängig machen. Ruhe ist im kleinen Land an der Adria noch lange nicht eingekehrt, manche hoffen jedoch, dass es wie im Land der Operetten sein würde, wo man ja schon besungen worden sei: Wenn anderswo die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos sei, solle es hier, wenn auch manchmal hoffnungslos, so doch nie ernst werden, sondern stets heiter bleiben.

Der Autor lebt als Schriftsteller in Belgrad und Wien.

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