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Perfekt und glatt rasiert

Wir Frauen haben uns erfolgreich vom Spießertum befreit, doch nun bestimmt all zu oft der Leistungsdruck das Bett-Geschehen. Eine Analyse von Regine Bogensberger

Was bleibt vom "Summer of Love", von der sexuellen Revolution, die Ende der 60er Jahre ausgerufen wurde? Eine Menge. Nicht nur die damals und danach gezeugten Töchter, sondern auch deren Mütter sind heute sexuell befreiter und selbstbewusster in ihren Wünschen und deren Umsetzung. Diesen Befund kann auch die Gesundheitspsychologin und Sexualberaterin beim Wiener Frauengesundheitszentrum Fem, Julia Karinkada, unterschreiben. Besonders Frauen um die 50 bis 60 würden nun zunehmend Workshops zu Lust und Sexualität im Gesundheitszentrum der Stadt Wien besuchen. Sie würden zum nächsten oder überhaupt ersten Befreiungsschlag ausholen.

Vielleicht haben gerade diese Frauen schon lange mit dem Gedanken gespielt, ihre Sehnsüchte auszuleben, haben ihre Töchter und Enkelinnen ob ihrer Freiheit beneidet oder gar misstrauisch beäugt, während sie selbst neben ihrem schnarchenden Ehemann allzulange dahinträumten. Nun ist Schluss damit. Die sexuelle Befreiung hat nicht sofort gewirkt und für alle, aber nach und nach bewegte sich einiges zum Positiven.

Gibt es denn noch Tabus?

Doch während wir die Ketten einer sturen Sexualmoral sprengten, legten sich neue Fesseln um unsere glatt rasierten Beine: der totale Leistungsdruck im Bett, wie auch Sexualberaterin Karinkada aus ihrer Erfahrung mit Frauen aller Altersgruppen weiß. "Unsere Gesellschaft ist extrem sexualisiert; Sex, Nacktheit, Pornos sind überall. Oberflächlich gesehen gibt es keine Tabus mehr. Sex ist immer ein Thema, aber der Sex der Öffentlichkeit und nicht der eigene", sagt sie und fügt hinzu: "Man könnte meine, die Mädels von heute wissen über alles Bescheid, es gibt keine Tabus; nein, so ist es nicht, es ist wie die Kluft zwischen Film und Realität." Pornos würden vor allem bei Jugendlichen zu fixen Vorgaben führen, die in der Realität schwer zu erreichen seien.

Anstelle von Benimmkodizes der 50er Jahre haben sich nun hartnäckige Bilder von perfekt retuschierten Menschen mit perfekten Körpern und Sexualleben in unseren Köpfen eingenistet und schufen oder verfestigten Mythen, die nichts mit der Realität zu tun haben. (Manch Glückliche konnte sich auch davon schon befreien.) Der nächste Befreiungsschlag steht also an, wie ihn auch die deutsche Ur-Feministin Alice Schwarzer in diesem Zusammenhang seit Jahren fordert. Sie spricht sich vehement gegen die Porno-Industrie aus, da auf diesem boomenden Industriesektor Frauenfeindlichkeit und Unterdrückung fortbestünden.

Man könne sich schon Anregung von außen holen, meint Karinkada, aber wenn, dann ausgewählte "Qualitäts-Pornos", die nicht frauenfeindlich und völlig unrealistisch in Bezug auf anatomische Details und sexuelle Abläufe seien.

Julia Karinkada zeichnet das Bild eines Pendels: Zunächst befand sich das Pendel auf der einen Seite, wo das Sexuelle verdrängt und tabuisiert wurde. Dann schlug es ins andere Extrem aus: "Der totale sexuelle Overkill", wie sie es nennt. "Ich hoffe, dass es sich in der Mitte einpendelt - in der Gesellschaft und in einem selbst." Wir Frauen - natürlich auch die Männer - sollten vor allem uns selbst kennenlernen, unsere Grenzen und Sehnsüchte, und diese in einer Entdeckungsreise spielerisch erforschen, so der Rat der Expertin.

Der Leistungsdruck in den Schlafzimmern zeigt sich laut Sexualberaterin nicht nur in irrealen Vorstellungen vom perfekten Sex, sondern auch in körperlichen Ansprüchen. "Schönheitsoperationen im Genitalbereich boomen extrem", erklärt sie. Es kursiere das Bild einer "Designer Vagina aus der Porno-Welt". Das Frauengesundheitszentrum Fem spricht sich daher deutlich gegen diese genitalen Schönheitsoperationen aus. Die Gründe liegen auf der Hand: Die vermeintliche ästhetische Verschönerung kann einen hohen Preis haben, nicht nur finanzieller Natur: "Da können wichtige Blutgefäße und Nervenbahnen, die wir brauchen, um Lust zu empfinden, durchtrennt werden." Das Pikante daran: In einer weltweiten Kampagne wird gegen die Genitalverstümmelung von Mädchen aus traditionellen Gründen in afrikanischen und asiatischen Ländern gekämpft, und in westlichen OP-Räumen wird genauso herumgeschnippelt.

Die neue Freiheit wird laut Expertin in Sachen Sexualität auch zu wenig genützt. "Die Lustlosigkeit nimmt aufgrund der Schnelllebigkeit der Gesellschaft besonders bei jüngeren Frauen stark zu." Wie der Alltag so sei auch meist das Sexualleben, weiß Julia Karinkada aus den vielen Gesprächen mit Frauen. "Wenn der Alltag unlustig ist und keine Zeit für den Partner oder die Partnerin vorhanden ist, nur Zeitdruck und Stress den Tagesablauf bestimmen und das Paar abends müde ins Bett fällt, wo soll da noch Zeit für Genuss sein?" Karinkada sitzt oft jungen Frauen gegenüber, die äußerlich perfekt sind, beruflich gut vorankommen, alles im Griff haben, doch im Bett herrscht Flaute. "Diese Frauen sind so eingespannt im Alltag", erklärt die Psychologin. Dazu kämen noch die medialen Vorgaben durch Pornos, Hochglanzmagazine und Co.

Das einstige Wundermittel zur sexuellen Befreiung, die nun fast 47-jährige Pille, wird laut Expertin zwar bei langen Beziehungen stark genutzt - neben allen Weiterentwicklungen, die es auf dem Gebiet der hormonellen Verhütung so gibt -, doch das Image der Befreierin vor ungewollten Schwangerschaft und ewigem Aufpassen ist ihr in Zeiten von HIV/Aids abhanden gekommen. Die Angst sei aber leider abgeflaut, so Karinkadas Erfahrung, besonders bei Frauen um die 30 steige die Ansteckungsrate.

Und wohin geht der Trend? Richtung Experimentieren und Auskosten der Freiheit oder Richtung stabiler Partnerschaft? Die Expertin kann keinen Trend ausmachen. Beides würde von Frauen in unterschiedlichen Lebensphasen gewollt und gelebt.

Machos oder Flowerpower?

Umstritten wie die 68er an sich ist freilich die Deutung der sexuellen Befreiung. Kritiker zeigten die massive Kluft zwischen dem Machogehabe der führenden 68er und ihrem Plädoyer für die sexuelle Freiheit auf. Alice Schwarzer sagte kürzlich zu dieser Kontroverse gegenüber dem deutschen Magazin Stern: "Ich bin als Feministin die Allererste, die versteht, dass gerade im Bereich der Sexualpolitik vieles, was die 68er vertreten haben, kritisch gesehen wird: von der Sexualität mit Kindern bis hin zur Propagierung der Pornografie. Aber man kann sich den Grad der Repression und der sexuellen Bigotterie in der Zeit davor heute nicht mehr vorstellen."

Schwarzer schreibt in der aktuellen Ausgabe ihrer Zeitschrift Emma über "Mein persönliches 68" und schildert darin, wie aus ihrer Sicht endlich eine "richtige Frauenbewegung" in Deutschland geboren wurde, nachdem sich Anhängerinnen der linken und linksextremen Studentenbewegungen von "der Bevormundung ihrer linken Männer" befreit hatten.

Auslöser war laut Schwarzer aber der kollektive Protest zahlreicher Frauen gegen das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen, der 1971 im Stern veröffentlicht wurde. Erst dieses Ereignis hätte die Frauenbewegung in Deutschland in Gang gebracht und damit die sexuelle Befreiung, auch von den linken Machos der 68er-Bewegung. Andere Stimmen warnten oder warnen vor den negativen Folgen diese Befreiung, wenn sie nicht mit Verantwortung einherginge, wie die hier bereits genannten.

Eine Konsequenz der Befreiung ist auch die Diskrepanz zwischen zunehmender Kinderlosigkeit und verspätetem Kinderwunsch sowie der Aufschwung der Reproduktionsmedizin, die emsig an der nächsten sexuellen Revolution forscht: die Überwindung der tickenden biologischen Uhr und des Limits der weiblichen Fruchtbarkeit. Durch Einfrieren ihrer eigenen unbefruchteten Eizellen oder gar des Eierstockes könnten Frauen auch im späteren Alter Mutter werden. Der umstrittene Wiener Gynäkologe und Hormonspezialist Johannes Huber hat gegenüber der Furche diese Entwicklung bestätigt, sich aber kritisch gezeigt (siehe Furche: 14/2007). Frauen, die jetzt schon mit Hilfe von gespendeten Eizellen im reiferen Alter ein Kind austragen, sind bereits, wenn auch noch rare, Realität. Erwünschter Fortschritt oder Pervertierung? Hitzige Diskussionen sind vorprogrammiert. Ob Frauen sich dann wirklich freier fühlen werden, wenn sie nicht nur über ihre Sexualität, sondern auch über ihre Fruchtbarkeitsphase selbst entscheiden können, bleibt fraglich, denn sie werden es nicht sein, die entscheiden, sondern der "neue Gott in Weiß", der ihre Eizellen hütet.

www.fem.at

Das Foto stammt aus der Ausstellung: "Late Sixties" im Wien Museum. Fotografien von Christian Skrein. Noch zu sehen bis 11. Mai 2008.

www.wienmuseum.at

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