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Das starke Geschlecht ist schwach geworden

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Die Männer suchen ein neues Selbstverständnis (siehe FURCHE 47/1996). Der Mann von einst, beruflich und privat erfolgreich, ist heute orientierungslos und leidet an Existenzängsten.

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Die Männer suchen ein neues Selbstverständnis (siehe FURCHE 47/1996). Der Mann von einst, beruflich und privat erfolgreich, ist heute orientierungslos und leidet an Existenzängsten.

Der Mann steckt heute in einer epochalen Krise. Gebrandmarkt als patriarchaler Unterdrücker von Frauen und Kindern, als Zerstörer von Beziehung und Natur, ist seine Männlichkeit als gewalttätig denunziert. Sie ist zum Sündenbock für all das geworden, was heute in Politik, Gesellschaft und Familie falsch läuft. Dabei hat sich nur eines um den Mann herum gewandelt, nämlich seine Welt. Als Entdecker von Neuland, als Be-bauer des Bodens und als Beschützer von Frau und Kind hat er seine Funktion verloren, die über Jahrtausende hinweg sein gesellschaftliches Selbstverständnis definierte. Die von ihm geschaffene Technik und Maschine haben seine Muskelkraft ersetzt, sein Vater ist ihm durch monotone Industrie- und Büroarbeit entfremdet, die • Firma ist ihm zum Zuhause geworden. In einstigen beruflichen Männerdomänen zeigen Frauen, daß sie den Männern in puncto Kompetenz, Fleiß und Durchsetzungskraft in nichts nachstehen.

Die ehemalige Männerherrschaft ist unwideruflich am Ende. Da, wo sie noch funktioniert, wird sie nur mehr festgehalten, weil äußerliche Macht und Kontrolle einen letzten Damm bilden vor dem Einbruch einer tief sitzenden Existenzangst und Orientierungslosigkeit. Der bewunderte Held von einst wird als Anti-Held ausgebuht. Er handelt automatisch statt kreativ, gehorsam statt verantwortlich, langweilig statt abenteuerlich. Der Mann ist heute zutiefst verunsichert. Das weiß jeder, der einmal hinter die Erfolgsfassaden, etwa in Managerberufen, geschaut hat. Das zwischenmenschliche Elend in Ehe und Familie erschreckt zutiefst. Folgen einer Generation von männlichen System-Agenten und Befehlsempfängern.

Für den Busineß-Markt adrett und funktional angepaßt, zwängt sich der Mann mit Handy immer auf Abruf - in die Fortschrittslokomotive seiner Firma. Dort ist er noch wer. Sein Ich ist muskulär, sein Körper ein Panzer, stets unter Strom, angespannt und auf Abwehr eingestellt. Weder Frau noch Mann, kann an ihn heran. Abends nach den mehr oder weniger großen Heldentaten im beruflichen Daseinskampf erhofft er sich dann die Erlösung. Müde und abgeschlagen kommt er heim zu Frau und Kind, von denen er sich Gratifikation erwartet. Doch die haben andere Sorgen und reagieren resigniert. Mit einem Ohr registriert er, daß sein Sohn Konzentrationsschwächen in der Schule hat. Außerdem kränkt es ihn schon lange, daß zwischen ihm und seiner Frau sexuell nur mehr wenig läuft. Unverstanden ist er zum Fremden im eigenen Haus geworden. Mit der Zeit verschließt er sich immer mehr. Im Beruf ist er noch Sieger, doch in der Liebe ist er längst zum Pyrrhussieger geworden. Vieles, was man von ihm im Beruf als Erfolgstugend verlangt, zerstört ihn privat. Er steht am Ende einer Sackgasse und mit dem Bücken zur Wand.

Weder die Bestauration des alten Patriarchats, noch die sanfte Feminisierung der Männer, noch die Überkompensation einer falschen Männlichkeit vermögen hier zu retten. Eine solcherart degenerierte Männlichkeit wird vollends zur Farce, wie das der Berliner Soziologe und Männerforscher Walter flollstein in seinem Buch „Nicht Herrscher, aber kräftig” sehr treffend beschreibt: „Der archaische Eroberer der Welt ist im Verlauf des letzten hundert Jahre zum ,Robo-ter-Mann' degeneriert. Auswege führen in die fatale Nostalgie von ,Männerbünden' oder in die Karikatur von Bodybuildern. Der Mann zwingt sich ins Männliche, ohne daß er Männlichkeit noch füllt.' ,Bocky', ,Bambo' und andere Gewalttätige sind ebenso bebilde-ter Ausdruck dieser entleerten Maskuli-nität wie der Profisport mit seinen Anabolika-Körpern”. So degeneriert Männlichkeit vollends und wird zur Farce.

Wenn Männer zum Beispiel Frauen gegenüber gewalttätig werden, dann wird nicht selten in schnellschüssigen „Analysen” die Meinung transportiert: männliche Gewalt entstamme einer Aggressivität, die eben nun mal in der Männlichkeit des Mannes wurzle. Dieser sogar auf akademischen Boden verbreitete Schwachsinn suggeriert im Gegenzug den idealisierten Gegenpol des Weiblichen quasi als Inbegriff des Wahren, Schönen und Guten. Daß männliche Gewalt gerade mit dem Fehlen einer authentischen Männlichkeit zu tun hat, das wird meist übersehen. Frauenverprügler, Vergewaltiger und Kinderschänder sind in der Begel äußerst schwache und unsichere Charaktere.

Daß es mit dem alten „halbierten” Mann und seinen diversen Spielarten zu Ende geht, das spüren vor allem zahlreiche junge Männer. Wenn auch anders als ihre . noch von den Folgen des Krieges geprägte Vätergeneration, leiden auch viele von ihnen an der sogenannten „Vaterwunde”. Sie haben keine positive Vaterbeziehung gehabt. Entweder war der Vater physisch nicht präsent, oder er war zu schwach und verstand es nicht, zu seinem Sohn eine seelische Beziehung aufzubauen.

Ein ehrliches und freundschaftliches Gesprächsklima unter Männern von Herz zu Herz wäre heilsam. Häufig ist der Vater selbst ein Gebrochener und sucht seinerseits vergeblich die geschuldete Anerkennung durch den eigenen Vater oder zumindest durch eine andere männliche Bezugsperson. Ganzen Generationen von jungen Männern fehlen heute in einer „vaterlosen Gesellschaft” positive männliche Identifikationsfiguren, Vorbilder, Mentoren, Seelenfreundschaften, die ein anderes Bild von authentischer Männlichkeit zeigen könnten. Sie leiden am „Vaterhunger”. Wird er in der Biographie eines Mannes nicht positiv bearbeitet, dann droht ein kulturelles Desaster sondergleichen.

Extrembeispiel ist hier die Entwicklung von irrationalen Führerkulten im politischen oder im religiösen Bereich. Diktatoren wie Hitler, Stalin oder Mussolini, die der Männerforscher Volker als

Elis Pilgrim zerstörerische „Muttersöhne” entlarvt hat, rekrutierten ihre willfährigen Mitläufer zu einem Großteil aus einer jungen, zornigen, autoritätshungrigen Klientel mit einem mehr oder weniger unterdrückten Haß auf den eigenen realen Vater. Entfremdete Männer sind mißbrauchbar.

Nun hat - aus den USA kommend - eine Suche unter Männern angefangen, die die Frage nach dem Mann-Sein in der Gesellschaft neu stellt. Dort hatten sich Mitte der siebziger Jahre Männergruppen gebildet, die von Soziologen unter dem Sammelbegriff „Männerbefreiungs Be wegung” subsumiert werden. Sie gehen auf ideologisch ganz unterschiedliche Männertheoretiker zurück, die ähnlich der weiblichen Emanzipationsbewegung, über Hintergründe und Auswege aus der männlichen Misere nachdenken. Robert Bly, Herb Goldberg, Sam Keen, Bichard Rohr, Volker Elis Pilgrim, Klaus Theweleit, Walter Hollstein und viele andere wären hier zu nennen.

Hierzulande sind erst ganz zaghafte Ansätze der Diskussion spürbar geworden, wenn gleich das Bedürfnis und das Interesse enorm sind. Oft haben den Männern einfach andere Männer gefehlt, mit denen sie offen, ehrlich und herzlich über ihr Mann-Sein sprechen konnten. Es fehlte an Erfahrungsund Entfaltungsräumen für die männliche Seele.

Diesem Manko begegnet der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr, mit sogenannten „Männerseminaren”. Dabei treffen Männer für ein bis zwei Wochen - meist abseits der Zivilisation - zusammen. Hier lernen sie das zu entdecken, was Frauen in der Regel schon in der Pubertät miteinander geteilt haben: nämlich sich selbst, das unbekannte Land der eigenen Gefühle. In einer Atmosphäre des Dialogs, der Vergangenheitsbearbeitung, einer neuen Körpererfahrung mit gemeinsamen Riten und Symbolhandlungen, geprägt von männlicher Leidenschaft und Freude, konturiert sich langsam das Bild eines anderen, eines neuen Mannes.

Schrittweise überwunden werden das Mißtrauen anderen Männern gegenüber, die als Konkurrenten empfunden werden, die Angst vor der unbekannten erdgebundenen Macht von Frauen und phantasierte Sexualmythen, die ein realistisches Gefühlsleben torpedieren. Für einen distanzierten Beobachter ist es kaum nachvollziehbar, was sich dabei seelisch ereignet, wieviel Schmerz hierbei hochkommt, welche Bereitschaft von Männern sichtbar wird, ihr Leben umzuorientieren, um endlich auf eine Spur des inneren Glücks zu kommen. Bichard Bohr ermutigt die Männer, die im Alter von 18 bis 80 zu ihm kommen, die alten Masken fallen zu lassen und freier zu werden von Macht, Status, Bolle und Leistung. Ihm geht es vor allem um die Entfaltung einer männlichen Spiritualität, die - seiner Beobachtung nach - das tragfähige Fundament authentischer Männlichkeit darstellt.

Viel an kultureller Erfahrung ist hier weggebrochen oder wurde in seinem Sinn verkannt. Uber lahre hinweg untersuchte Bohr deshalb die konsistenten Muster der Initiationsriten in allen Kulturen. Die Initiationsriten dienten dazu, dem jungen Mann eine Tiefendimension gesellschaftlicher Weisheit und Transzendenz zu vermitteln. Dabei fiel ihm auf: initiiert wurden hauptsächlich junge Männer. Warum? Weil die Männer die Machtposition in der Kultur innehatten und deshalb den Abstieg, die Demut lernen mußten. Erst ein Mann, der am eigenen Leib verstanden hat, was es heißt, sterblich zu sein, was Schmerz bedeutet, der dem Größenwahn absagt, der eingesteht, daß er auf andere angewiesen ist, hat das Zeug dazu, ein neuer Mann zu werden.

Überall da, wo Männer solche und ähnliche Erfahrungen machen können, wird das Bedürf-: auch nach

Veränderung der gesellschaftlichen Bahmenbedingungen laut werden müssen.

„Eskimos besuchen gehen” (Klaus Theweleit), also ein integralistisches Ausagieren männlicher Freiheitswünsche, beziehungsweise das narzißtische Verharren in Sebstbespiege-lung ist noch lange keine Männerbefreiung. Auch das Überwinden starrer Familienkonzepte, das Engagement, Arbeit zwischen den Geschlechtern neu aufzuteilen, und damit verbunden die mutige Infragestellung wirtschaftlicher Strukturen, gehört dazu. Das steht nicht am Anfang, ist aber eine logische Konsequenz. Denn schließlich geht es ja auch darum, der krisengeschüttelten Geschlechterbeziehung wieder auf die Beine zu verhelfen und Männern wie Frauen neue Lebensmöglichkeiten zu erschließen.

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