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„ das neue schält sich aus dem alten hervor“

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Im Dunstkreis der Bohemiens haftet der Homoerotik oft ein Hauch von Exzentrik an. Die diversen literarischen Zugänge sind aber völlig konträre.

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Im Dunstkreis der Bohemiens haftet der Homoerotik oft ein Hauch von Exzentrik an. Die diversen literarischen Zugänge sind aber völlig konträre.

Michel Foucault hat einmal behauptet, Entscheidung zur Homosexualität bedeute nicht nur Ablehnung vorgeformter Lebensweisen, sondern werde zum Motor für die Veränderung der ganzen Existenz eines Menschen. Fürwahr - führt diese Neigung den einzelnen doch aus der Gesellschaft heraus, macht ihn zum Fremden, zum anderen. „Man verschreibt sich nicht dieser Liebe, ohne eine tödliche Wun -de davonzutragen“, resümiert der homosexuelle Schriftsteller Klaus Mann in seinem Lebensbericht.

Homoerotik hat im Dunstkreis der Bohemiens schon immer eine besondere Rolle gespielt. Ihr haftete ein Hauch von Exzentrik, der Geruch des Ungewöhnlichen an. Sucht man nach konkreten Namen, stößt man auf viele bekannte: Michelangelo, Leonardo da Vinci, Christopher Marlowe, Shakespeare, Oscar Wilde, Stefan George, um nur einige zu nennen. Ihre Neigungen, ihre oft unerfüllten Sehnsüchte und Nöte brachten sie ' auch in ihrer Literatur zur Sprache. Wie wird aber hier mit dieser Beziehungsform umgegangen? Trägt sie den Makel der Krankheit, der Ver-irrung, erfordert sie also Verbot und Sublimierung, oder geht von ihr ein eigenartiger Beiz aus, eröffnet sie die Chance für eine alternative, freiere Gefühls- und Bindungswelt? Beides ist der Fall. Quer durch die Jahrhunderte taucht die Auslotung dieses Themas in literarischen Werken auf. Völlig konträr sind die einzelnen Zugänge. Markant ist allerdings, wie unterschiedlich sich Männer und Frauen dieser Problematik annehmen.

Verfolgt man den Faden zurück in die Antike, stößt man schon in Piatons Gastmahl auf eine besondere Ausprägung gleichgeschlechtlicher Liebe: Die Rede ist von der Knabenliebe. Man huldigte diesem Eros als Zeichen für die Hinwendung zum Schönen. Die Ehe hatte damals nicht viel mit Sinnlichkeit und Erotik zu tun; ihre Funktion reduzierte sich auf die Sicherung der Nachkommenschaft. Knabenliebe war in der Antike also gesellschaftlich anerkannt. Ja, von älteren Männern umworbene Knaben und Jünglinge wurden sogar als die besten angesehen. Ihnen waren wichtige Positionen im Staatsleben vorbehalten. Und selbst der Mythos erzählt davon: Der griechische Göttervater Zeus soll den schönen Knaben Gany-medes aus Liebe geraubt und zu seinem Mundschenk gemacht haben, um ihn immer um sich haben zu können.

Blättert man in den Werkausgaben großer Künstler, stößt man vereinzelt auf homoerotische Motive. Ein bekanntes Beispiel wäre rl homas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“. Der Autor hat einmal erwähnt, Freud habe in diesem Text unmittelbar seine Spuren hinterlassen. Niemals hätte er ansonsten daran gedacht, dieses erotische Motiv zu behandeln. Diese Bechtfertigung ist umso interessanter, als Thomas Mann selbst homophile Neigungen nachgesagt werden. Der Künstler Gustav Aschenbach -um ihn dreht sich das Geschehen dieser Novelle - unternimmt eine Beise nach Venedig und lernt dort den jungen Knaben Tadzio kennen. Dieser zieht ihn so in seinen Bann, daß er sich trotz des Ausbruchs der indischen Cholera von der kranken Stadt nicht mehr losreißen kann, sich ansteckt und stirbt. Die Beziehung zwischen dem Knaben und dem ergrauten Künstler beschränkt sich auf eine rein platonische Dimension. Aschenbach bleibt immer in Distanz. Er berauscht sich an der Schönheit und Jugend des Knaben, folgt ihm, läßt sich ziehen, vergißt sich selbst. In der Bewertung des Lächelns, das ihm der Knabe schenkt, bündelt sich seine ganze Sehnsucht und tritt als unlösbarer Widerspruch zutage. Denn diese Liebe ist „unmöglich hier, verworfen, lächerlich und heilig doch, * ehrwürdig“. Aschenbachs Neigung erscheint als Wandeln auf den Spuren des Schönen. Mann selbst hat die Homophilie einmal als „erotischen Ästhetizis-mus“ bezeichnet. Diese Haltung zeigt sich auch in der Novelle; die Beziehung zwischen Aschenbach und Tadzio wird stilisiert, ihre Verwirklichung in weite Ferne gerückt - und schlußendlich rächt sich das Verbotene mit dem Tod.

Von ähnlicher Bedefttung wie das Motiv der Knabenliebe ist in der Männerliteratur die Beschreibung mann-männlicher Liebesbünde oder Sexualkameradschaft unter Jugendlichen. Erinnert sei beispielsweise an Robert Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Homoerotische Begegnungen spielen sich hier in einer dunklen Dachkammer einer strengen Zöglingsanstalt ab, wieder im Bereich des Verborgenen und Unerlaubten. Homosexualität wird unter dem Deckmantel sadistischer Quälerei und Erniedrigung zur Quelle erotischen Verlangens. Obwohl der Zögling Törleß im Augenblicke der Ernüchterung mit Ekel, Scham und Unruhe an dieses Begehren denkt, wird er beim Anblick des männlichen Körpers von dessen unbeschreiblicher Schönheit geradezu überwältigt. Die homosexuelle Erfahrung bleibt allerdings nur Teil eines Entwicklungsweges zur Beife, erhält also bloß Ventilfunktion für „alles Heimliche, Verbotene, Schwüle, Ungewisse und Einsame“. Denn mit der Zeit erwacht auch Törleß aus dieser Agonie, freilich im Bewußtsein eines stillen Wissens um „eine lange Krankheit“. Und später wird er, wie Musil schreibt (vielleicht gerade deshalb?), „ein junger Mann von sehr feinem und empfindsamem Geiste“.

Auf völlig andere Weise nähern sich Frauen dem Thema gleichgeschlechtlicher Liebe. Daß in der Literatur lange Zeit nicht sehr offen über lesbische Liebe geschrieben worden ist, mag wohl daran liegen, daß Frauen bis zum 19. Jahrhundert eher die Rolle der Beschriebenen als die der Schreibenden innehatten. Sieht man von der antiken Dichterin Sappho ab, die die Erotik zu Mädchen in ihrer Lyrik thematisiert, dringen immer nur vereinzelt weibliche Stimmen an die Öffentlichkeit. Die verbotene Liebe passiert dann in von der Gesellschaft abgeschirmten Räumen, wie beispielsweise in Klöstern. Als unerfüllte, platonische und doch stark gefühlte Liebe beschreibt sie indirekt die Äbtissin Hildegard von Bingen. Die Versetzung einer jüngeren Mitschwester verursachte ihr schwere seelische Qualen; die Trennung von der Nonne Bichardis und ihren bald darauffolgenden Tod konnte sie lange Zeit nicht überwinden.

Die Bearbeitung der Liebe zwischen Gleichen wird mit dem Erstarken der Emanzipationsbewegungen ein besonderes Thema in der Literatur von Frauen. Künstlerinnen und Schriftstellerinnen wählen oftmals selbst diese neue Lebensform und schreiben aus einer autobiographischen Perspektive heraus. Lesbische Liebe mutet, wie Johanna Moosdorf es in ihrem Roman „Die Freundinnen“ gezeigt hat, mitunter auch als utopischer Versuch an, gewaltfreie Räume zu erobern und ideologische Verrückungen in der patriarchalen Gesellschaft zu provozieren.

1975 erscheint das bahnbrechende und aufsehenerregende Buch „Häutungen“. Die Autorin Verena Stefan macht die konkrete Beschreibung der Erotik zwischen Frauen, den langsamen Verzicht auf vorgeformte Beziehungsmuster zum Inhalt des Textes. Gerade durch ihre schonungslosen Tabubrüche erregten die autobiographischen Aufzeichnungen größte Aufmerksamkeit. Stefan macht deutlich, was sich dann als roter Faden durch die weibliche Bearbeitung dieses Themas zieht. Lesbische Liebe wird als Verwirklichungs-möglichkeit, als Möglichkeit des Zu-sich-selber-Kommens gesehen, „es geht darum, dass frau nicht mehr einen andern menschen braucht, um sich überhaupt als ganzen menschen zu fühlen.“ (Häutungen) Anstoß genommen wird besonders an der patriarchalen Sprache für sexuelle Begriffe und Handlungen. Denn hier werde die frauenverachtende Ideologie der Gesellschaft besonders offenkundig. Ziel ist es, herkömmliche Sexualbeziehungen zu konterkarieren, den weiblichen Bereich und seine sinnlichen Dimensionen auszuloten. Das bedeutet also Identitätsfindung auf der Basis einer neuen Sprache der Liebe, ein Aufbruch „in brachliegende gegenden von menschlicher Zuneigung“. Alles nur ein Vorgang der Häutung: „das neue schält sich mühsam aus dem alten hervor, stück werk.“

Die Autorin ist

Germanistin und Lehrerin.

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