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Sprache, auf den Leib GESCHRIEBEN

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Die Inszenierung des Körpers in der Literatur ist Ausdruck gesellschaftlicher Prozesse, aber auch eine Metapher für das Schreiben selbst.

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Die Inszenierung des Körpers in der Literatur ist Ausdruck gesellschaftlicher Prozesse, aber auch eine Metapher für das Schreiben selbst.

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt." Fortan lebt er von seiner Familie verachtet und weggesperrt in seinem Zimmer, mehr und mehr tatsächlich zum Käfer mutierend. Franz Kafkas berühmte Erzählung "Die Verwandlung" ist ein wunderbares Beispiel dafür, welche Bedeutung dem Körper in der Literatur zukommt. Der gepanzerte, schwerfällige Körper des Käfers spiegelt Gregors Unfähigkeit, seine ihm zuerkannte Rolle als Ernährer der Familie zu erfüllen. Er kann als Ausdruck einer Depression gelesen werden, während seine Familie die morphologische Andersartigkeit sanktioniert bis zum vom Vater herbeigeführten Tod durch einen Apfel, der Gregors Panzer durchbricht und zu faulen beginnt.

Jede Epoche hat ihre Körperbilder

Am Körper wird das Seelenleben der Figur sichtbar, gleichzeitig spiegelt er aber auch gesellschaftliche Prozesse, man denke nur an die bekanntesten deformierten Körper der Literaturgeschichte, an Frankensteins Monster oder den unglückseligen "Glöckner von Notre-Dame", deren furchteinflößendes, beschädigtes Äußeres in Wahrheit die monströse Fratze der Gesellschaft entblößt. Was in der symbolisch hochgradig aufgeladenen "Verwandlung" augenscheinlich ist, trifft auch auf jeden anderen Text zu: Die Literatur schafft künstliche Gestalten und verfügt über deren Aussehen, sie kann gesellschaftliche Idealvorstellungen von Schönheit reproduzieren oder negieren, sie schreibt mit an kulturellen Körperbildern. Dabei ist es unerheblich, ob das Äußere der Figuren eine prominente Rolle in einem Text spielt, ja ob es überhaupt beschrieben wird oder nicht: Der Körper ist immer ein Bedeutungsträger.

Die Darstellung von Körpern und Körperlichkeit in der Literatur folgt gesellschaftlichen und narrativen Konventionen. Die antike Vorstellung der Kalokagathie, der Einheit innerer und äußerer Schönheit, lebt in der mittelalterlichen Epik fort und mündet schließlich in der romantischen Idealvorstellung der Schönen Seele, die im nicht weniger ansehnlichen Körper ruht. Dass der Held automatisch auch schön sein muss, wird spätestens im mimetischen Naturalismus überwunden, der den Körper in all seiner Zerbrechlichkeit zeigt, geprägt vom Milieu und von genetischen Vorbelastungen, während die Literatur des Fin de Siècle den fragmentierten weiblichen Leib der Hysterikerin deformiert und der Expressionismus schließlich eine hypertrophe Virilität zur Schau stellt.

Jede Epoche fiktionalisiert ein eigenes Körperbild, an dem sich virulente Themen und Dynamiken der jeweiligen Zeit ablesen lassen. Die künstliche Optimierung des Körpers bis hin zur Robotik und die Divergenz zwischen dem angeborenen Körper und der geschlechtlichen Identität prägen die Literatur der letzten Jahre.

Motiv des künstlichen Menschen

Wenige Motive ziehen sich so konstant durch die Literaturgeschichte wie jenes des künstlichen Menschen. Einen Körper selbst zu erzeugen ist Hybris und endet meist in Wahnsinn und Tod. Goethes Homunkulus in "Faust II" zerschellt, Frankensteins Monster bringt Unheil über seinen Schöpfer und endet auf dem Scheiterhaufen. In E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" verliebt sich der Protagonist Nathanael in den Automaten Olimpia. Der künstliche Körper, dessen tote Augen nur ihn selbst widerspiegeln, erscheint ihm als realer als seine echte Verlobte Clara, auch Nathanael stürzt sich schließlich wahnsinnig geworden in den Tod. Es sind Diener und Frauen, die von ihren männlichen Schöpfern nach deren Vorstellungen kreiert werden, um passive Untergebene zu sein. Der Vergleich mit dem Autor, der auf dem Blatt fiktive Menschen entwirft, liegt nahe.

Eine entscheidende Rolle kommt dem Körper in dystopischen Romanen zu: Die Disziplinierung des Körpers des Individuums dient der Kontrolle des Volkskörpers. In Juli Zehs großartigem Überwachungsroman "Corpus Delicti" kontrolliert der Staat die Gesundheit der Bürger, die zu Sport und gesunder Ernährung verpflichtet sind. Schlaf- und Ernährungsprotokolle generieren einen gläsernen Einheitsmenschen, Verstöße werden sanktioniert. Margaret Atwoods feministischer Roman "Der Report der Magd" erzählt von einer dystopischen Welt nach der nuklearen Katastrophe, in der Frauen das Recht auf ihren eigenen Körper aberkannt wird, sie werden zu reinen Gebärmaschinen degradiert. In Karen Duves bitterbösem Roman "Macht" hingegen regiert der Staatsfeminismus ein Deutschland in Endzeitstimmung. Der scheinbaren Gleichberechtigung der Frau hat der Protagonist nur körperliche Gewalt bis hin zur Auslöschung des Frauenkörpers entgegenzusetzen. Während die Welt fröhlich ihrem selbst verschuldeten Untergang entgegen feiert, grassiert ein Jugend-und Körperkult: Die Zauberdroge Ephebo verjüngt den Körper, sodass 70-Jährige nicht mehr von ihren Enkelkindern zu unterscheiden sind.

Literarische Figuren sind diskursive Gebilde, sie sind Zeichen auf dem Papier, die erst durch den Leser mit Bedeutung gefüllt werden. Der fiktive Körper wird dabei automatisch immer als Geschlechtskörper wahrgenommen. Ein zunehmend brüchiger werdendes Geschlechtersystem zeitigt auch seine Folgen in der Literatur. In den letzten Jahren erschien eine Reihe von Texten, deren Protagonisten mit ihrem biologischen Geschlecht hadern oder ohne eindeutiges Geschlecht geboren werden. Den Startschuss dafür gab Jeffrey Eugenides "Middlesex", auch Ulrike Draesner setzt sich in "Mitgift" mit dem Thema Intersexualität auseinander.

Noch einen Schritt weiter geht Sibylle Berg in ihrem Roman "Vielen Dank für das Leben", dessen Protagonist Toto weder trans- noch intersexuell ist, sondern schlicht und ergreifend ohne Geschlecht zur Welt kommt, was nicht nur die Welt rund um "ihn" herum aus der Fassung bringt - kein Geschlecht, das ist undenkbar! -, sondern auch beim Leser durchaus für Irritation sorgt. Thomas Meinecke und Antje Rávic Strubel nehmen in ihren Romanen "Selbst" und "In den Wäldern des menschlichen Herzens" der Thematik ein wenig die Tragik und betonen das Spielerische und Lustvolle unterschiedlicher Körperinszenierungen und Geschlechtsidentitäten.

Bis heute revolutionär und unvergessen ist Virginia Woolfs Titelheld "Orlando", oder besser Titelheldin: Der junge Adelige wechselt auf seinem Weg durch die Jahrhunderte zur Mitte des Romans kurzerhand das Geschlecht -und bleibt doch der gleiche, nur die Gesellschaft zwingt ihm aufgrund seines veränderten Körpers ein völlig anderes Leben auf.

Niemals nur Teil der Figur

Und zum Schluss noch einmal Kafka: In seiner Erzählung "In der Strafkolonie" gibt es eine perfide Folter-und Hinrichtungsmethode: Eine Maschine schreibt mit einer Nadel solange in den Körper des Delinquenten, bis der Tod eintritt. Der Verurteilte wird im wahrsten Sinne des Wortes beschrieben, die Sprache schreibt sich in den Körper ein, der damit zum wesentlichen Bestandteil des Schreibprozesses selbst wird, zum Papier, ohne das Literatur gar nicht erst entstehen kann. "Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen Wunden." Kafka beschreibt mit dem grausamen Foltergerät seine eigenen schmerzhaften Schreiberfahrungen. Der Körper ist niemals nur ein Teil der Figur, er ist im Wesen der Sprache und Literatur selbst verwandt -als Text, den es zu entschlüsseln gilt, als diskursives Gebilde, dem Bedeutung eingeschrieben ist.

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