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Die Mär vom schwarzen Mann

Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche haben für Aufsehen gesorgt. Zu Übergriffen kommt es freilich in allen Bereichen der Kinder- und Jugendarbeit. Mit einem umfassenden Maßnahmenpaket will man nun in der Erzdiözese Wien Akzente setzen. von doris helmberger

Der böse Fremde, der aus dem Busch springt, ist es nur im Schauermärchen. In Wirklichkeit ist es der Vater, Stiefvater, Onkel oder Opapa, der Sport-, Musik- oder Tanzlehrer, der Schuldirektor und die Kindergärtnerin, der Pfadfinder- und der Jungscharführer, die Ordensschwester und der Seelsorger. Jedes dritte bis vierte Mädchen und jeder sechste bis siebente Bub leben hierzulande in dieser Wirklichkeit: Sie alle werden Opfer sexuellen Missbrauchs.

Die weitaus meisten Übergriffe - rund 80 Prozent - geschehen nach Ansicht von Experten im Bereich der Familie und Großfamilie. Die Täter sind in diesem Fall überwiegend heterosexuelle Männer, die Leidtragenden also vor allem Mädchen. Etwas anders gestaltet sich die Situation beim außerfamiliären Missbrauch: Hier sind vermehrt Buben durch homosexuelle Übergriffe betroffen. Gerade bei Missbrauchsfällen außerhalb der Familie ist die Opferzahl oft erschreckend hoch, weiß Jonni Brem von der Wiener Männerberatung, die pro Jahr rund 200 verdächtigte oder verurteilte Missbrauchstäter betreut: "Manche Männer haben 300 bis 500 Opfer." Kein Wunder, dauerten doch manche "Täterkarrieren" bis zu 40 Jahre lang.

Auch wenn die (zu 90 bis 95 Prozent männlichen) Missbraucher aus allen gesellschaftlichen Schichten und Berufssparten stammen, so gehen doch die seelischen Verwüstungen durch sexuelle Übergriffe im kirchlichen Bereich besonders tief: "Durch die Vermischung aus geistlicher Autorität und Missbrauchsverhalten kommt es zu einer maximalen Schädigung", weiß Helmut Schüller, Leiter der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche. "Wenn ich den Glauben an einen Sportverein verliere, ist das nicht so gravierend, wie wenn der Missbrauch im Namen der Religion geschieht." Kein Wunder, dass die zahlreichen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche für besondere Aufregung sorgten. Anders als in den USA wartet man jedoch in Österreich noch vergeblich auf ein konzertiertes Vorgehen der Bischofskonferenz (vgl. Bericht in der letztwöchigen Furche).

Betreuer unter der Lupe

Indes hat man in der Erzdiözese Wien die Arbeit an einem umfassenden Maßnahmenpaket in Angriff genommen. Im Auftrag von Kardinal Christoph Schönborn hat die Ombudsstelle Empfehlungen ausgearbeitet, wie das Risiko des sexuellen Missbrauchs durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche minimiert werden kann. Dabei habe man sich vor allem an der staatlichen Gesetzeslage in Großbritannien orientiert, erklärt Helmut Schüller im Furche-Gespräch: "Dort müssen alle Vereine, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben - von der Kirche bis zur Trachtenkapelle -, ihre Betreuer behördlich checken lassen." Nicht nur das Strafregister werde zu diesem Zweck überprüft, sondern auch die "Liste 99", auf der alle anhängigen Verfahren verzeichnet sind. Für Schüller eine notwendige Ergänzung, kommt es doch gerade beim Delikt des sexuellen Missbrauchs sehr selten und spät zu einer Verurteilung.

Ziel des geplanten Maßnahmenkatalogs sei es, in der Kirche endlich "größtmögliche Klarheit" zu schaffen, erklärt der Wiener Ombudsmann. So sollen für die Aufnahme in ein hauptamtliches Dienstverhältnis alle "für die Prävention sexuellen Missbrauchs maßgeblichen Kriterien" überprüft werden. Auch die persönliche sexuelle Entwicklung soll thematisiert werden, meint Schüller. Zudem müssten die zukünftigen Mitarbeiter über alle dienst-, straf- und zivilrechtlichen Folgen informiert werden, falls sie sich des sexuellen Missbrauchs schuldig machen oder ein begründeter Verdacht besteht.

Angedacht werden auch Verhaltensregeln für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen: So sollte man etwa vermeiden, sich mit Minderjährigen allein in einer Wohnung, einem Schlaf- oder Sanitärraum aufzuhalten. Dass mit solchen Maßnahmen sexuelle Übergriffe grundsätzlich verhindert werden könnten, glaubt auch Schüller nicht. Doch würde die Abklärung von Verdachtsfällen erleichtert: "Das gibt den Mitarbeitern Schutz vor haltlosen Verleumdungen und macht ihnen klar, in welcher Verantwortung sie stehen."

Besonders schwierig sei die Überprüfung von ehrenamtlichen Mitarbeitern, die einen Großteil der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit leisten: "Wir haben uns angewöhnt, grundsätzlich dankbar zu sein, wenn sich jemand freiwillig engagiert. Trotzdem müssen wir auch Ehrenamtlichen solche Fragen stellen", zeigt sich Schüller kompromisslos: "Hier darf es keine Schonung geben." Mit Verkrampfung, Prüderie oder - wie von manchen Bischöfen befürchtet - einer neuen Vernaderungskultur hätten diese Maßnahmen nichts zu tun, stellt er klar: "Es geht um stärkere Selbstbeobachtung und Kontrolle und nicht darum, den offenen, herzlichen Umgang miteinander zu unterbinden."

Schutz für Opfer und Täter

Noch handelt es sich bei diesen Maßnahmen um bloße Empfehlungen an den Wiener Erzbischof. Ob sich praktikable Wege zur Umsetzung finden, wird sich weisen. Ebenso, ob es gelingt, zwischen dem Opferschutz und dem Rechtsschutz Verdächtiger eine Balance zu finden. Hierzu bedürfe es noch klarer rechtlicher Strukturen für die zügige Prüfung von Vorwürfen und einer nachvollziehbaren Rehabilitationskultur für fälschlich Beschuldigte, so Schüller. Mit den geplanten Leitlinien habe man in der Erzdiözese Wien jedenfalls "einen Schritt gesetzt, den auch andere Institutionen setzen sollten."

Eine Forderung, der sich Jonni Brem von der Wiener Männerberatung nur anschließen kann: "Es ist wichtig, arbeitsrechtliche Bestimmungen über den Umgang mit Kindern festzulegen, egal ob es sich um Kindergärtner, Therapeuten oder Lehrer handelt." Zu oft würden Missbrauchsfälle intern geregelt - und Verdächtige einfach in eine andere Dienststelle versetzt. Eine fatale "Lösung", legten doch gerade Missbrauchstäter mit pädosexuellen Neigungen ein Suchtverhalten an den Tag. Auch eine Therapie, wie sie im Rahmen des Wiener sozialtherapeutischen Programms für Sexualtäter angeboten werde, könne solche Männer nicht "heilen", weiß Brem: "Von Heilung kann man nur dann sprechen, wenn es ein Mann schafft, trotz seiner sexuellen Orientierung keine Straftat zu setzen. Seine Phantasien hat er aber trotzdem. Er lebt wie ein trockener Alkoholiker."

Auch Christine Bodendorfer, Mitbegründerin der Wiener Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Mädchen und Frauen, warnt davor, verdächtigten Männern weiterhin den Umgang mit Kindern und Jugendlichen zu gestatten: "Das wäre so, wie wenn man einen Alkoholiker in einer Bar arbeiten lässt." Anders als Brem hält sie von Verhaltensrichtlinien in der Kinder- und Jugendarbeit nicht allzu viel. "Ein Täter schafft es, innerhalb von drei Minuten eine Missbrauchssituation zu arrangieren." Die Expertin weiß, wovon sie spricht: Durchschnittlich 150 Opfer wenden sich pro Jahr an ihre Beratungsstelle. Tendenz steigend.

Nötiger als Verhaltensrichtlinien sei ein gesellschaftliches Umdenken, meint Bodendorfer: Statt wie bisher das Problem durch Versetzen und Totschweigen aussitzen zu wollen, müsse sexueller Missbrauch als Straftat gesehen werden. Schließlich handle es sich um kein pathologisches Verhalten, sondern um die Tat "ganz normaler, psychiatrisch nicht auffälliger Männer", weiß die Therapeutin. Anders als bei einem Triebdelikt werde sexueller Missbrauch auch nicht spontan begangen, sondern sorgfältig geplant.

Auch wenn Übergriffe in allen Bereichen geschehen, so sieht Bodendorfer die Institution Kirche - neben Schulen und Kindergärten - doch als "idealen Ort" für Täter: "Missbrauch hat etwas mit Macht zu tun, und in der Kirche gibt es viel Macht." Auch die strenge Hierarchie und das große Vertrauen gegenüber kirchlichen Mitarbeitern würden das Risiko erhöhen. Bis heute vermisse sie jedenfalls eine klare Stellungnahme der Bischöfe zum Thema Missbrauch: "Da gibt es einen großen Duldungsraum."

Nähere Informationen

bei der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer sexuellen Missbrauchs in der

Kirche unter (01) 319 66 45,

bei der Wiener Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Mädchen und Frauen unter (01) 587 10 89 sowie

bei der Wiener Männerberatung unter

www.maenner.at und (01) 603 28 28.

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