Digital In Arbeit

Wider eine einäugige Gewaltprävention

1945 1960 1980 2000 2020

Sind Gewalttäter wirklich ausschließlich Männer -und die Opfer immer nur Frauen? Ein Gastkommentar zu den geplanten Strafrechtsverschärfungen und Opferschutzmaßnahmen der Bundesregierung.

1945 1960 1980 2000 2020

Sind Gewalttäter wirklich ausschließlich Männer -und die Opfer immer nur Frauen? Ein Gastkommentar zu den geplanten Strafrechtsverschärfungen und Opferschutzmaßnahmen der Bundesregierung.

Die Vorhaben der türkis-blauen Regierung zum Schutz von Frauen (nur?) vor Gewalt in Familie und Gesellschaft schließen nahtlos an manche genderpolitische Einäugigkeit an, der auch manche zu Rate gezogene Expertin erliegt. Demnach ist Gewalt offenbar ein Problem, das als Opfer nur Mädchen und Frauen und als Täter nur Männer kennt. Männer und vor allem Buben als Opfer werden quasi "wegkonstruiert". Nun gibt es - u. a. auch eine Folge dieser Ausblendung - nur eine vergleichsweise dünne Datenlage über männliche Gewaltopfer, erst recht in Partnerschaft und Familie. Diese Rolle widerspricht auch diametral dem herrschenden Männerbild. Viele Männer gehen deshalb aus Scham gar nicht zum Arzt oder erstatten gar Anzeige. "Die männliche Verletzbarkeit verschwindet hinter zugeschriebenen Rollenklischees, denen zufolge ein Mann nicht verletzbar zu sein hat", schreibt Hans-Joachim Lenz unter dem Titel "Mann oder Opfer?" im Buch "BauSteineMänner" (2001)."Die Fassade des Mythos des starken Mannes bleibt so aufrechterhalten."

Männliche Verletzbarkeit

Und dennoch: Es gibt sie, die männlichen Opfer! Ohne die klar größere Betroffenheit von Frauen zu relativieren, was gerne unterstellt wird, ist der häusliche Bereich auch für Männer (und erst recht für Buben) kein sicherer Ort. Nach der großen deutschen Studie "Männer in Bewegung" von Rainer Volz und Paul Michael Zulehner (2009), für die 1470 Männer und 970 Frauen befragt wurden, werden unter Einbeziehung psychischer Gewaltformen Männer sogar häufiger Opfer familiärer Übergriffe. Und das Österreichische Institut für Familienforschung (ÖIF) stellte 2011 in einer Studie fest, dass insgesamt jeweils mehr als die Hälfte der befragten Männer und Frauen von erlittener Gewalt in der Familie und deren Umfeld erzählten. Von sexueller Belästigung hingegen berichten drei Viertel der Frauen, aber immerhin auch ein Viertel der Männer.

Jedenfalls finden sich im Partnerschaftsbereich mehr männliche Gewaltbetroffene, als man meint: Von den in Deutschland im Jahr 2017 insgesamt erfassten rund 140.000 vollendeten, versuchten und verurteilten derartigen Delikten (einschließlich Mord und Totschlag, Körperverletzungen, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Bedrohung, Nötigung u. a. m.) waren laut Kriminalstatistik rund 114.000 (oder 82,1 Prozent) gegen Frauen und immerhin rund 25.000 (oder 17,9 Prozent) gegen Männer gerichtet. Diese männlichen Opfer sind für Anti-Gewalt-Kampagnen durchaus relevant, steigt doch ihre Anzahl kontinuierlich an (ausgehend von rund 21.000 Personen im Jahr 2013).

Auch bei den Tötungsdelikten verblassen jene an Männern verübten etwas, weil über sie zumeist weniger "exklusiv" berichtet wird. Insgesamt gab es nach einer "Eurostat"-Kriminalstatistik im Jahr 2018 bis inklusive November österreichweit 70 Tötungsdelikte, wovon 41 an Frauen und immerhin 29 an Männern verübt wurden. 2017 war das Verhältnis 36 zu 26. In Wien waren 2018 von insgesamt 23 Opfern zwölf Frauen, aber auch acht Männer (und drei Kinder).

70 Prozent der Mordopfer sind Männer

Daneben sind Männer -und Buben erst recht -außerhalb von Familie und sozialem Nahraum stark von schwerer körperlicher Gewalt betroffen (wenn auch meist wiederum durch Männer), sodass im gesellschaftlichen Ganzen die Gewaltopfer mehrheitlich Männer sind, wie auch der "Gleichstellungsmonitor der Stadt Wien" aus dem Jahr 2013 zeigt: Sie machen demnach 69 Prozent der Mordopfer und 80 Prozent der Opfer von Körperverletzung aus. Man könnte noch weitere Daten aus verschiedenen Ländern anführen. Fest steht, dass Gewalt in Familie und Gesellschaft kein Phänomen ist, das allein Frauen als Opfer und Männer als Täter betrifft. Deshalb scheint es -wie auch in der aktuellen unseligen Regierungskampagne -mehr als problematisch, dies in Präventionsvorhaben einfach wegzulassen. Oder würde jemand ernsthaft zustimmen, wenn man sagte, dass man gegen die 82 Prozent weiblicher häuslicher Gewaltopfer etwas unternehmen müsse -die 18 Prozent der Taten an Männern sollten aber weiter unbeachtet bleiben?

Es bedarf daher einer systematischen Einbeziehung männlicher Opferarbeit sowie einer stärkeren Unterstützung aller Einrichtungen, die Täterarbeit und Beratung gewaltgeneigter Männer leisten - und zwar nicht nur als Ankündigungspolitik. Die Präventionsleistung der Männerberatungsstellen etwa wird sträflich unterschätzt (was sich auch in den Subventionsbudgets zeigt). Und Täterarbeit ist bei vielen Uninformierten nicht sehr populär.

Zugleich bedarf es geschlechterdemokratisierender Maßnahmen: "Geschlechterdemokratie reduziert Gewaltakzeptanz", schreibt Kurt Möller in der schon zitierten Studie "Männer in Bewegung". Diese Grundlagenebene fehlt in den populistischen Regierungsankündigungen völlig. Zu diesen überfälligen Veränderungen bedarf es ganz neuer Konzepte (etwa im Bildungsbereich), die die Geschlechter miteinander ins Gespräch bringen und zu gemeinsamen Anstrengungen ermuntern -also nicht immer nur Frauen für sich und Männer für sich. Dazu müssten aber dialogbereite Gruppen jedes Geschlechts und Fachleute an einen Tisch kommen, ohne dass Vertreter des einen gegen jene des/der anderen Geschlechts/er Stimmung machen und Misstrauen verbreiten.

"Sogenannte Experten"

Meine Hoffnung auf Derartiges ist allerdings gering. Wenn man bedenkt, wie diese Regierung entgegen aller Einwände von Fachleuten höhere Strafen (die ohnehin erst kürzlich angehoben wurden) bei Sexualdelikten als Hauptmaßnahme durchdrückt, dann weiß man, dass ihr zu solchen emotionalen Themen die populistische Befeuerung des Stammtisch-Miefs wichtiger ist als die Sache. Hinter der sinnlosen Straferhöhung verschwinden die anderen Gewaltschutz-Vorhaben (s. u.) insofern, als sie wenig durchdacht und unkonkret sind - kein Wunder, wenn etwa Strache die (teils selbst ausgewählten!) Expertinnen und Experten als "sogenannte" diffamiert, wenn ihm deren Ergebnisse nicht passen. Außerdem bedürfte es hierfür aufwändiger Entwicklungsprojekte, für die man wieder eventuell "unverlässliche" Expertinnen und Experten braucht und viel Geld in die Hand nehmen müsste. Und Hand aufs Herz: Eine von Türkis-Blau verordnete Sexualaufklärung an Schulen möchte ich mir (nach jahrzehntelanger Erfahrung mit diesem Thema) lieber nicht vorstellen ...

Jedenfalls haben strengere Strafen noch nie Abschreckungseffekte erzielt und einen Delikte-Rückgang bewirkt. Aber das scheint die Regierenden nicht zu kümmern. Ich befürchte, dass sie auch im Fall der häuslichen Gewalt der "Volksmeinung" über Frauen als Opfer und Männer als Täter folgen wird. Und dass Präventionsmodelle, die je teilweise jetzt schon gekürzt wurden, aus Kostengründen Ankündigungspolitik bleiben, womit - entgegen den Jubelmeldungen - keinerlei Fortschritt erzielt werden wird.

Der Autor war Professor für Psychoanalytische Pädagogik und Psychosoziale Arbeit an der Uni Innsbruck

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau