#

Frau sein

DISKURS
Frau - © Foto: Pixabay

Was Frauen wirklich wollen

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz gesetzlicher Gleichstellung und Förderprogrammen sind Frauen in Spitzenpositionen noch immer eine Rarität. Warum eigentlich? Antwortversuche zum Frauentag am 8. März.

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz gesetzlicher Gleichstellung und Förderprogrammen sind Frauen in Spitzenpositionen noch immer eine Rarität. Warum eigentlich? Antwortversuche zum Frauentag am 8. März.

Sie ist eine Ausnahmeerscheinung, in jeder Hinsicht: Seit 2003 arbeitet Juliane Kokott als Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Die 52-jährige Deutsche hat damit einen der höchsten Posten inne, die man als Juristin in Europa erreichen kann. Neben sieben anderen Kolleginnen und Kollegen erarbeitet sie Rechtsgutachten, denen die Richterschaft am EuGH weitgehend folgt.

Mit so viel Macht könnte sich die zierliche Powerfrau eigentlich zufriedengeben. Doch sie wollte von Anfang an mehr: Familie. Vier Söhne und zwei Töchter hat sie während ihrer aufstrebenden Karriere geboren. Justus, ihr Jüngster, ist gerade einmal vier Jahre alt. Als Baby wurde er ihr von einer Kinderfrau mittags und abends ins Büro zum Stillen gebracht. Heute führt Juliane Kokott ein Pendlerleben: Die halbe Woche allein in Luxemburg, die andere bei ihrer Großfamilie im nahen Baden-Württemberg mit zusätzlichen Einsätzen als Titularprofessorin der Universität St. Gallen. Ihr Alltag ist minutiös durchgeplant. Fünf Kindermädchen helfen ihr dabei.

Juliane Kokott wäre ohne ihren Job wohl ziemlich unglücklich. Doch mussten es gleich sechs Kinder sein? „Die Kinder kamen daneben wie von selbst“, erklärt die energiegeladene Schnelldenkerin. Sie sei eben „immer kinderlieber“ geworden, je mehr Kinder es wurden.

Herausforderung im Beruf, Erfüllung als Mutter: Die meisten Frauen wollen heutzutage beides. Doch so leben wie Juliane Kokott? Davor schrecken sie zurück. Um ihre Work-Life-Balance nicht ins Wanken zu bringen, wählen viele Mütter lieber einen Teilzeitjob und verzichten auf den nächsten Karrieresprung. Väter kommen meist gar nicht in die Verlegenheit, sich diese Variante überlegen zu müssen: Während über 40 Prozent aller österreichischen Frauen Teilzeit arbeiten, sind es bei den Männern nur sieben Prozent (siehe Grafik). Die Folgen sind bekannt: Selbst arbeitszeitbereinigt verdienen Frauen in Österreich noch immer 21 Prozent weniger als Männer. Und in der Pension wächst die Kluft weiter an.

Frauen tun sich das nicht an

„Vom Ausbildungsstand und von den Fähigkeiten her gibt es keinen Grund mehr, warum Frauen so selten in Spitzenpositionen sind“, erklärt Peter Gusmits, seit 30 Jahren Partner bei der Headhunter-Agentur Neumann International. Tatsächlich haben die Mädchen ihre männlichen Altersgenossen in Schule und Universität längst überflügelt (siehe Grafik). Sie wählen nur vielfach die falschen Fächer, um später im klassischen Sinn Karriere zu machen: Während Frauen vermehrt in die Geisteswissenschaften strömen, zieht es viel mehr junge Männer in die später meist lukrativere Naturwissenschaft und Technik. Doch ein Erfolg versprechendes Studium und persönliche Eignung sind längst nicht genug, weiß Peter Gusmits: „Es gehört auch der unbedingte Wille dazu, sich das anzutun.“ Das bedeutet: durchgearbeitete Abende und Wochenenden, internationale Mobilität und – zumindest in manchen Branchen – ein ziemlich rauer Umgangston.

Nicht nur Mütter, auch viele kinderlose Frauen haben keine Lust, diese Schikanen dauerhaft auf sich zu nehmen. Stattdessen beginnen immer mehr anfangs erfolgreiche Frauen, nach einigen Jahren ihre Prioritäten zu verlagern und ihre Karriere – freiwillig – zu beenden. Der in den USA geprägte Name für dieses Phänomen: „Opt-out-Revolution“.

„Frauen sind eben nicht bereit, alles der Karriere zu opfern“, weiß Michael Meyer von der Wirtschaftsuniversität Wien. „Sie haben oft auch ein bunteres Bild vom Leben.“ Anders als bei Männern steigern Insignien der Macht wie hohes Gehalt oder ein noch größeres Büro auch nicht unbedingt ihre Zufriedenheit. Meyer konnte dieses Phänomen anhand einer Studie zum Verhältnis zwischen objektivem und subjektivem Karriereerfolg belegen: In der Gruppe derer, die objektiv erfolglos, aber subjektiv glücklich waren, gab es doppelt so viele Frauen wie Männer. Umgekehrt gab es bei jenen, die objektiv erfolgreich, aber subjektiv unglücklich waren, fast dreimal mehr Männer als Frauen.

Woher kommt diese weibliche Bescheidenheit? Nach Ansicht des Ökonomen würden Frauen einfach von vornherein weniger erwarten. Und das mit gutem Grund, wie er in einer Langzeitstudie an 52 „virtuellen Zwillingen“ beweisen konnte. Meyer bildete aus jungen Absolventinnen und Absolventen der Wirtschaftsuniversität möglichst idente Paare aus Männern und Frauen: gleiches Alter, gleiche Ausbildung, ähnlicher Lebensverlauf, gleicher Wille, Karriere zu machen. Der einzige Unterschied bestand im biologischen Geschlecht.

Chefs mit Homophilie-Tendenz

Bereits nach vier Berufsjahren zeigten sich hinsichtlich Gehalt sowie Führungsverantwortung deutliche Unterschiede. Nach zehn Jahren gingen die objektiven Erfolgsmaße der Karriere dramatisch auseinander. Und schuld daran waren beileibe nicht nur etwaige Kinderpausen. Auch kinderlose Frauen verdienten nach zehn Jahren insgesamt mehr als 60.000 Euro weniger als ihre männlichen „Zwillinge“. Ein Kind erhöhte diesen Betrag nur noch um rund 35.000 Euro. „Das eigentliche Problem ist diese Homophilie-Tendenz der Vorgesetzten“, glaubt Michael Meyer. Männliche Chefs würden – womöglich unbewusst – bevorzugt ihresgleichen fördern. Die Vorstellungen, wie ein Erfolgstyp auszusehen habe, seien eben lange tradiert.

Eine noch längere Tradition haben Vorstellungen darüber, was eine „gute“ oder „schlechte“ Mutter ist. Mit nationalen Unterschieden: Während etwa in Österreich und Deutschland erst in den letzten Jahren die Fremdbetreuung von unter Dreijährigen mehr und mehr akzeptiert wurde, gehört in Frankreich der baldige berufliche Wiedereinstieg von Müttern zum guten Ton. Gerade hier hat sich jedoch zuletzt ein heftiger Streit um das Selbstverständnis von Frauen und Müttern entzündet. Auslöser war das Buch „Le Conflit. La femme et la mère“ der Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter (siehe unten). Gewisse grün-affine Kreise, im Speziellen die in Europa sehr aktive amerikanische „Leche League“, würden die Erfolge des Feminismus untergraben, indem sie das Stillen im Sinne eines neuen Naturalismus zur moralischen Pflicht erheben würden. Im Gegenzug wirft man der dreifachen Mutter vor, beim „archaischen“ Feminismus einer Simone de Beauvoir stehen geblieben zu sein, wenn sie wie vor 40 Jahren die Existenz des Mutterinstinkts anzweifle.

Instrumentalisiertes Stillen

Barbara Blaha bekommt bei diesen Argumentationen Bauchschmerzen. „Dass diese, Zurück zur Natur‘-Debatte ausgerechnet in Zeiten der Wirtschaftskrise losbricht, in der Arbeitsplätze rar werden, kann kein Zufall sein“, meint die als linke Zukunftshoffnung gehandelte ehemalige ÖH-Vorsitzende und Mutter eines 17 Monate alten Sohnes. „Das Stillen wird hier zu einer Ideologiefrage hochstilisiert und dazu instrumentalisiert, die Frauen aus der Arbeitswelt zu verdrängen.“ Ob stillend oder nicht: Dass Frauen kaum in Führungspositionen kommen, liegt laut Blaha eher an den nach wie vor vorhandenen „subtilen Diskriminierungen“. Und an fehlenden Identifikationsfiguren.

Auch Barbara Rosenkranz wird diese Lücke wohl nicht füllen. Schließlich ist die zehnfache Mutter mit Hang zu germanischen Vornamen, Gattin eines Rechtsextremen, deklarierte „Hausfrau“ sowie aktuelle Bundespräsidentschaftskandidatin eine Ausnahmeerscheinung. In wirklich jeder Hinsicht.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau