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Frau sein

DISKURS
Transgender - © Foto: iStock/PaoloGaetano ; Illustration: Rainer Messerklinger

Transgender: Mein Körper, meine Identität

1945 1960 1980 2000 2020

Etwas stimmt hier nicht. Was genau, kann Andrea nicht in Worte fassen. Viel zu peinlich sind ihre Fantasien, besser sie erzählt niemandem davon. Wäre das Geschlecht in unserer Gesellschaft irrelevant, wäre vieles einfacher. Besonders für Transgenderfrauen.

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Etwas stimmt hier nicht. Was genau, kann Andrea nicht in Worte fassen. Viel zu peinlich sind ihre Fantasien, besser sie erzählt niemandem davon. Wäre das Geschlecht in unserer Gesellschaft irrelevant, wäre vieles einfacher. Besonders für Transgenderfrauen.

Auf den ersten Blick hat sich Andrea in den letzten sechs Jahren kaum verändert. Sie trägt nach wie vor einen Kurzhaarschnitt, ihr Outfit ist relativ schlicht. Schwarze Jeans, Sportschuhe und eine dunkle Steppjacke, dazu ein kleiner Rucksack. Andrea ist jedoch keineswegs dieselbe. Oberflächlich betrachtet fallen zunächst die weicheren Gesichtszüge auf, die definierten Augenbrauen, die trotz Winterjacke erkennbare femininere Figur. Deutlicher wird die Veränderung, wenn Andrea spricht. Ruhig, aber bestimmt. Sie weiß, was sie möchte, und vor allem, wer sie ist: eine Frau. Oder besser: Andrea ist sie selbst.

Fast zwanzig Jahre lang lebte die gebürtige Niederösterreicherin als Mann. Dass es so etwas wie Transgender gibt, erfährt sie erst mit etwa 18 aus dem Internet. Bis dahin lebt sie mit einem Geheimnis, das sie selbst nicht einordnen kann. Andrea merkt nur, dass irgendetwas nicht passt. Die Erwartungshaltung, die andere an sie stellen, fühlt sich nicht gut an. Ihr ist unwohl dabei, wie die Burschen in der Schule über Mädchen sprechen. Manchmal verkleidet sie sich heimlich und fantasiert davon, eine Frau zu sein. Und sie schämt sich. Männer, die Frauen sein wollen – das ist maximal ein sexueller Fetisch, hat sie gelernt. Darüber zu sprechen, war für sie keine Option.

„Es hat gedauert, dieses antrainierte Versteckspiel abzulegen“, erzählt Andrea und atmet tief aus. „Endlich ist es angenehm, einfach zu leben.“ Die 27-Jährige wohnt mit ihren beiden Katzen im zehnten Wiener Gemeindebezirk, beruflich erstellt sie Animationsvideos und gestaltet Websites. Über ihre Vergangenheit zu sprechen, ist für Andrea kein Problem. Ihre Worte wählt sie aber sehr bedacht. Empfindet sie etwas als unangebracht, äußert sie das klar, jedoch ohne die Stimme zu erheben, sondern eher mit einem leichten Schmunzeln. „Es ist nur wichtig, wer ich sein möchte und wie ich mich präsentieren möchte. Ich muss nicht dem Bild anderer Leute entsprechen“, so Andrea.

Mut zu sich selbst

Es ist ein Schock für Andrea, als sie endlich herausfindet, was mit ihr los ist. Gleichzeitig ist es schön. Nun kann sie benennen, was sie seit 18 Jahren beschäftigt. Und sie ist nicht allein. Die Trans-Community ist online stark vernetzt. Es dauert aber noch, bis sich Andrea auch offline traut, den entscheidenden Schritt zu gehen.

Mit 21 übersiedelt Andrea nach Wien und besucht dort das Multimedia-Kolleg der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt. Ein Ort, der ganz im Gegensatz zu Andreas bisherigem, eher männlich dominierten Umfeld steht: „Die Leute waren freundlicher und offener – vor allem was Sexualität betrifft“, so Andrea. Es waren zwei Lehrer, die Andrea zum Outing motivierten. „Sie haben immer wieder davon gesprochen, dass man sich nicht verstecken, sondern zu sich selbst stehen soll.“

Und dann ist da Lena (Name von der Redaktion geändert). Bei ihr fühlt sich Andrea sicher. Die beiden werden später eine Zeitlang ein Paar sein. Lena ist dabei, als Andrea beginnt, Hormone zu nehmen. Lena kommt mit ins Krankenhaus, als Andrea eine geschlechtsangleichende Operation erhält. Die 27-Jährige erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sie sich Lena gegenüber öffnete. „Ich wäre gerne eine Frau.“ Die Worte gingen Andrea schwer über die Lippen. Beinahe hätte sie geweint.

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