Menstruation Periode - © Foto: iStock / flyparade (Bildbearbeitung: Florian Zwickl)
Gesellschaft

Tabu Menstruation: Ja, wir bluten!

1945 1960 1980 2000 2020

Die Periode ist ein Zeichen für Fruchtbarkeit und körperliche Gesundheit. Der weibliche Zyklus wird jedoch vor allem mit Scham, Unreinheit oder sogar Ekel konnotiert. Zeit für eine Menstruationsrevolution.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Periode ist ein Zeichen für Fruchtbarkeit und körperliche Gesundheit. Der weibliche Zyklus wird jedoch vor allem mit Scham, Unreinheit oder sogar Ekel konnotiert. Zeit für eine Menstruationsrevolution.

Rund sechseinhalb Jahre verbringt eine Frau in ihrem Leben menstruierend. Genauer gesagt, etwa einmal im Monat, drei bis sieben Tage lang, über einen durchschnittlichen Zeitraum von 40 Jahren. Und das im Idealfall heimlich. Denn über Menstruation wird selten gesprochen. Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung hat einen wiederkehrenden Menstruationszyklus, hatte diesen jahrelang oder wird einen solchen noch haben.

Der Zyklus beginnt mit dem Abbluten des Endometriums, also der Gebärmutterschleimhaut, und ist Voraussetzung für die Fortpflanzung des Menschen. Trotzdem haben viele Personen – Frauen wie auch Männer – eine verklärte Vorstellung davon, wie die Periode abläuft oder abzulaufen hat: still und schmerzlos.

Rund sechseinhalb Jahre verbringt eine Frau in ihrem Leben menstruierend. Genauer gesagt, etwa einmal im Monat, drei bis sieben Tage lang, über einen durchschnittlichen Zeitraum von 40 Jahren. Und das im Idealfall heimlich. Denn über Menstruation wird selten gesprochen. Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung hat einen wiederkehrenden Menstruationszyklus, hatte diesen jahrelang oder wird einen solchen noch haben.

Der Zyklus beginnt mit dem Abbluten des Endometriums, also der Gebärmutterschleimhaut, und ist Voraussetzung für die Fortpflanzung des Menschen. Trotzdem haben viele Personen – Frauen wie auch Männer – eine verklärte Vorstellung davon, wie die Periode abläuft oder abzulaufen hat: still und schmerzlos.

Viele Frauen und Männer haben eine verklärte Vorstellung davon, wie die Periode abläuft oder abzulaufen hat: still und schmerzlos.

Wie sollte es auch anders sein? Schließlich kommunizieren uns Werbung und Industrie seit Jahrzehnten, dass Menstruation keine Einschränkung für den Alltag bedeutet. In Werbespots für Monatshygieneprodukte wird mit blauer Flüssigkeit dargestellt, wie perfekt Binden und Tampons funktionieren. Frauen würden durch deren Verwendung immer sauber und „frisch“ sein und für jede Situation gewappnet. Oder wie Susanne Grautmann im Tagesspiegel zusammenfasst: „Eine gute Frau lässt sich nicht anmerken, dass sie ihre Tage hat. Und hüpft auch munter in engen weißen Leggings herum.“

Bilder, die nur wenig mit der eigentlichen Periode zu tun haben, sich jedoch ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben und dazu führen, dass Menstruierende unter dem Druck stehen, dieser Vorstellung gerecht zu werden. Schaffen sie es nicht, droht gesellschaftliche Ächtung.

„Vor meinen Schülerinnen und Schülern tue ich so, als hätte ich Kopfschmerzen, um professionell zu bleiben. Ich will nicht schwach wirken, vor allem nicht gegenüber den männlichen Kollegen“, berichtet Jana* (*Name von der Redaktion geändert), Pädagogin an einer Wiener AHS, von ihrem Umgang mit Regelschmerzen. Manchmal sind diese so stark, dass Jana nur im Sitzen unterrichten kann. „Ich kann mich doch deshalb nicht einmal im Monat krankmelden.“

Das Menstruationsmandat

Chris Bobel, Professorin für Women’s, Gender and Sexuality Studies an derUniversität Massachusetts, bezeichnet die Erwartung, dass Menstruation still und unsichtbar ist, als menstrual mandate (dt. „Menstruationsmandat“). Dieses Mandat verlange eine Handlung: Behalte deinen Menstruationsstatus für dich, verstecke deine Menstruationsprodukte und verleugne deinen Körper. „Das Menstruationsmandat ist ein Maulkorberlass“, so Bobel.

Den fehlenden Austausch in Bezug auf die Menstruation führt Bettina Steinbrugger, Gründerin und Geschäftsführerin der Aufklärungsplattform erdbeerwoche, nicht nur auf die Diskrepanz zwischen Werbung und Realität zurück. Als zweiten Grund sieht Steinbrugger den Umgang mit dem Thema innerhalb einer Familie als ausschlaggebend. Wie stehen oder standen Mütter und Großmütter zur Periode? „Meistens besteht ein negatives Bild, das übernommen wird: Da muss man durch. Man hat Schmerzen, aber mit diesen muss man eben leben“, erklärt Steinbrugger.

Das ‚Menstruationsmandat‘ verlangt eine Handlung: Behalte deinen Menstruationsstatus für dich, verstecke deine Menstruationsprodukte und verleugne deinen Körper.

Chris Bobel, Professorin für Women’s, Gender and Sexuality Studies

In einer erdbeerwoche-­Umfrage gaben über 60 Prozent junger Mädchen an, eine negative Einstellung zur Periode zu haben. Und laut einer Umfrage des Hygiene­ und Gesundheitsunternehmens essity haben vier von zehn Eltern noch nie mit ihren Töchtern über die Menstruation gesprochen.

„Auf der Toilette zu Hause habe ich mich immer bemüht, möglichst leise das Kästchen, in dem die Tampons aufbewahrt waren, auf-­ und zuzumachen, damit niemand etwas merkt“, erzählt Barbara*, 27.

Problematisch nennt Steinbrugger außerdem den mangelhaften Aufklärungsunterricht an Schulen. Zwar wird der weibliche Zyklus in Schulbüchern dargestellt, jedoch sehr abstrakt und mathematisch. „Was das mit mir als junges Mädchen, mit meinem Körper und meiner Seele zu tun hat, darüber wird in der Schule kaum gesprochen“, meint Steinbrugger.

Wissenslücken hinsichtlich des Menstruationszyklus oder der weiblichen Sexualität allgemein sind aber nicht nur bei jungen Menschen feststellbar, sondern auch unter Erwachsenen – vor allem aber bei Buben und Männern. „Das fängt mit der Benennung des weiblichen Geschlechts an. Viele nennen die Vulva fälschlicherweise Scheide oder Vagina“, so Steinbrugger, „das ist bezeichnend dafür, wie mit der weiblichen Sexualität umgegangen wird. Wir kennen nicht einmal die richtigen Namen.“

„Ich war total verunsichert, als ich das erste Mal meine Tage bekommen habe, weil ich nicht wusste, dass die Blutung mehrere Tage dauert“, so Nora*, 21.

Bezeichnend ist auch das fehlende Wissen um Endometriose – eine chronische Krankheit, bei der Gewebe, das dem der Gebärmutterschleimhaut ähnelt und ebenfalls vom Zyklus gesteuert wird, an anderen Stellen im Körper wächst. Laut Endometriose Vereinigung Austria (EVA) ist eine von zehn Frauen betroffen. Da Patientinnen sich aber oft nicht darüber zu sprechen trauten und selbst Gynäkolog(inn)en zu wenig über die Krankheit informiert seien, dauere es oft Jahre bis zur Diagnose, heißt es vonseiten der EVA.

Period Positive

Ein Tabu kann jedoch gebrochen werden – im Falle der Menstruation beginnt dieses in den letzten Jahren zumindest zu bröckeln. Die deutsche Autorin Franka Frei alias Franziska Wartenberg ist eine derjenigen, die das vorantreibt. In ihrem im März erschienenen Buch Periode ist politisch macht sie auf die weitreichenden Konsequenzen dieses unausgesprochenen Gesetzes aufmerksam: „Weltweit menstruieren rund 300 bis 800 Millionen Menschen. Alleine in diesem Moment. Sie tun dies heimlich, oft mit Selbstzweifeln und Angst, und zu großen Teilen ohne wirklich zu wissen, was dies genau bedeutet, weil sie gelernt haben, sich dafür zu schämen.“

Franka Frei Periode ist politisch - © Foto: Heyne Hard Core
© Foto: Heyne Hard Core
Buch

Periode ist politisch

Ein Manifest gegen das Menstruationstabu
Von Franka Frei
Heyne Hard Core 2020
256 S., geb., € 18,50

Frei setzt sich dabei auch mit den Herausforderungen auseinander, denen junge Mädchen und Frauen in Entwicklungsländern gegenüberstehen. Die Tabuisierung und der fehlende Zugang zu entsprechenden Produkten führen unter anderem dazu, dass Mädchen tagelang nicht zur Schule gehen oder diese abbrechen, sobald sie die Periode bekommen.

Vor allem auf Social Media setzen sich im Zuge der „Period Positive“-Bewegung viele Frauen für einen offeneren Umgang mit Menstruation ein. Die kanadische Künstlerin Rupi Kaur teilte ein Bild auf Instagram, auf dem sie voll bekleidet, aber mit einem Blutfleck im Schritt im Bett liegt. Die amerikanische Musikerin Kiran Gandhi lief 2015 den London-­Marathon während ihrer Periode und verzichtete dabei bewusst auf Tampon oder Binde. Zwei Statements gegen die Scham, auf die ähnliche Reaktionen folgten – Unterstüzung auf der einen Seite, Beleidigungen und Ekel auf der anderen.

Auch das zunehmende Bewusstsein für Nachhaltigkeit fördert die Auseinandersetzung mit der Periode. Die klassischen Hygieneartikel Tampon und Binde werden hinterfragt – Hersteller sind bis heute nicht dazu verpflichtet, deren Inhaltsstoffe anzuführen – und nach Alternativen gesucht. Die Menstruationstasse erlebt in den letzten Jahren einen Aufschwung, obwohl sie bereits seit 80 Jahren existiert.

„Man darf aber nicht glauben, dass das Menstruationstabu dadurch gebrochen ist und alles gut ist“, relativiert erdbeerwoche-Gründerin Bettina Steinbrugger. „Das findet alles innerhalb einer Bubble statt. Viele erwachsene Frauen und Männer reagieren immer noch mit starker Ablehnung.“ Was es deshalb zu tun gilt? „Entspannt darüber reden und Mädchen dazu auffordern, Fragen zu stellen.“ – Es ist immerhin nur Blut.

Weitere Information:

Navigator

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!