Tabus - © Foto: iStock / oscarcalero (Bildbearbeitung: Florian Zwickl)
Gesellschaft

Tabus: Unausgesprochen, aber mächtig

1945 1960 1980 2000 2020

Im Graubereich zwischen Recht und Moral prägen Tabus unser Zusammenleben und den Umgang mit Sexualität und dem menschlichen Körper. Über deren Ursprung, Notwendigkeit – und potenziellen Bruch.

1945 1960 1980 2000 2020

Im Graubereich zwischen Recht und Moral prägen Tabus unser Zusammenleben und den Umgang mit Sexualität und dem menschlichen Körper. Über deren Ursprung, Notwendigkeit – und potenziellen Bruch.

Tabu ist vermutlich das nichtindogermanische Fremdwort mit der größten Reichweite: Es findet sich an den Laufhäusern städtischer Ausfallstraßen ebenso wie als Titel von Streaming-Serien. Das Tabu entstammt einer Kultur und Sprache, die uns ferner nicht sein könnte, nämlich polynesischen Inselkulturen des Pazifiks, von wo es James Cook im 18. Jahrhundert nach Europa und zu den frühen Anthropologen brachte. Doch anders als das mit dem Tabu inhaltlich verbundene Mana machte das Wort Tabu Karriere in der gesamten westlichen Welt, auch bei jenen, die von seiner Herkunft längst nichts mehr wissen. Mit Tabu konnte offenbar endlich etwas benannt werden, was in den europäischen Kulturen bekannt, aber seltsam unbenannt war.

In seinem ursprünglichen kulturellen und religiösen Kontext bedeutete Tabu ein gesellschaftliches Verbot oder eine Einschränkung, die durch eine übernatürliche Macht (das Mana) oder deren Konkretionen in Gottheiten begründet und auch sanktioniert werden. Das Tabu regelt all jene Bereiche, wo verschiedene Ordnungen aufeinandertreffen, es bewirkt Distinktion und Segregation und konstruiert so eine eigene Ordnung für alle Lebensbereiche einer Gesellschaft.

Vieles von dem, was die Anthropologie bei den Herkunftskulturen des Wortes Tabu als dessen Wirkungsbereich beschreibt, ist in unseren gegenwärtigen westlichen Gesellschaften in den Bereich des Rechts oder der Moral, der Medizin oder Psychologie verschoben worden. Den Begriff Tabu verwenden wir für jene Graubereiche, die in keine dieser wissenschaftlichen oder staatlichen Disziplinen passen.

Tabus sind mächtiger, aber auch diffuser als rechtliche Verbote oder auch moralische Normen, sie werden bis heute mit einem prärationalen Bereich verbunden, der bestehen bleibt, selbst wo kein Gesetz oder keine Moral im Kantʼschen Sinn uns hindern würde: Niemand verbietet uns, Exkremente zu essen, und wir verstoßen damit gegen keine klassische moralische Norm, aber dennoch würde jemand, der es tut, gesellschaftlich geächtet, und kaum jemand würde derartiges Handeln zugeben – es ist tabu.

Religion und der Körper

Wie kommt dieses Wort in roter Leuchtschrift an die Fassaden europäischer Bordelle? Die abendländische Tradition kennt, geprägt von Judentum und Christentum, Tabus nicht dem Wort, wohl aber der Sache nach. Verbote und Einschränkungen, welche in einer religiösen Ordnung begründet werden und das Leben des Individuums wie der Gesellschaft regeln, finden wir im Alten Testament zuhauf. Sie kreisen um die Unterscheidung von rein und unrein – und beziehen sich letztlich alle auf den menschlichen Körper. Was darf in Kontakt mit dem Körper kommen? Was darf gar in diesen Körper aufgenommen werden? Und was ist mit dem, was aus diesem Körper austritt? Und unter welchen dieser Bedingungen darf sich der menschliche Körper dem Allerheiligsten nähern?