7041437-1990_18_12.jpg
Digital In Arbeit

Männer helfen wenig

FURCHE: Zunächst eine Frage zur Ausbildung. Ist sie unterschied- lich für Mädchen und Buben?

INGRID JANACOVA: Viele Mädchen besuchen Hochschulen, die Eltern unterstützen die Ausbil- dung auch der Mädchen. Mein Vater, meine Mutter hätten nie gesagt, du darfst nicht studieren.

MARTA MARSINOVA: Wenn jemand begabt ist, wird zwischen Buben und Mädchen kein Unter- schied gemacht.

FURCHE: Sind Mädchen bei der Suche nach einem Arbeitsplatz benachteiligt?

JANACOVA: Ich habe Maschi- nenbau studiert, und da ich sehr gute Prüfungsergebnisse hatte, bekam ich als einziges Mädchen das Angebot, am Institut eines meiner Lehrer zu arbeiten.

FURCHE: Gab es schon während Ihres Studiums gleich viele weibli- che wie männliche Studenten?

JANACOVA: In meiner Studien- gruppe waren wir vier Mädchen und 16 junge Männer.

FURCHE: Und an dem Maschi- nenbau-Institut, an dem Sie jetzt arbeiten?

JANACOVA: Ja, dort sind mehr Männer beschäftigt. Ich arbeite als Projektleiterin mit vier Männern zusammen - und bin ihre Chefin. Aber der Direktor, sein Stellvertre- ter, der Abteilungsleiter - das sind selbstverständlich Männer. Da ich keine Familie habe, konnte ich diese Arbeit übernehmen. Wenn ich ver- heiratet wäre und Kinder hätte, wäre meine Situation anders. Da würde ich davon abhängen, wie kooperativ mein Ehepartner wäre. Da meine Mutter heuer in die Rente geht, könnte ich mit ihrer Unter- stützung rechnen.

MARSINOVA: Ich war nie ver- heiratet, an meinem Institut gab es eine gute Zusammenarbeit mit den männlichen Kollegen. Ich war Redakteurin der Fachzeitschrift „Slowakische Sprache", weil ich den Kollegen fachlich überlegen war, ich fühlte mich beruflich nie unterschätzt. Am Anfang war ich die einzige Frau am Institut. Nach meiner Rückkehr aus Haft und Zwangsarbeit in der Fabrik arbei- teten dort schon mehrere Frauen.

FURCHE: Wie war das während Ihres Studiums?

MARSINOVA: Das war in der Kriegszeit, da wurden die Frauen gebraucht.

FURCHE: Haben Frauen auch Aufstiegschancen?

JANACOVA: Ja, die habe ich schon. Ich arbeite derzeit wissen- schaftlich an der Hochschule, um das Doktorat zu erwerben. Außer- dem unterrichte ich an der Techni- schen Hochschule. Dafür werde ich von meinem Institut freigestellt.

FURCHE: Ich komme nochmals auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zurück. Wie im Westen ist die Kooperationsbereitschaft des Mannes entscheidend. Funktioniert die?

JANACOVA: Meine Kollegin im Institut ist verheiratet und hat zwei Kinder, sie hat keine Zeit für wis- senschaftliches Arbeiten, ihr Mann hilft im Haushalt nicht mit. Sie kann keine Dienstreisen machen, sich nicht weiterbilden. Ihr Mann ar- beitet selbst wissenschaftlich, der macht Dienstreisen.

MARSINOVA: Wenn die Frau die Verantwortung für Kinder hat, muß sie sich auch für die Kinder opfern.

FURCHE: Gibt es in der CSFR eine bezahlte Karenzzeit?

JANACOVA: Es gibt ein Jahr Karenzzeit, 28 Wochen lang erhält die Frau 90 Prozent ihres Gehaltes, dann 600 Kronen im Monat. Beim zweiten Kind gibt es eine zweijäh- rige Karenzzeit.

MARSINOVA: Die Frauen müs- sen bald wieder arbeiten, weil die Männer zu wenig verdienen. Von sozialen Regelungen können daher nur wenige Frauen Gebrauch ma- chen. Durch Beruf und Familie sind die Frauen sehr belastet.

FURCHE: Im Westen entdecken Väter, daß ihre Aufgaben in der Familie auch für sie positiv sind. Gibt's das auch in der CSFR?

MARSINOVA: Durch die neue christliche Familien-Bewegung nehmen auch bei uns junge Väter ihre Rolle in der Familie anders wahr, langsam finden Verän- derungen statt. Zunächst sind das noch Ausnah- men.

FURCHE: Auch in Ih- rem Land haben die Scheidungen zugenom- men, in welcher Lage befinden sich geschiede- ne Frauen?

JANACOVA: Diese Frauen haben es sehr schwer, der Vater muß zwar für die Kinder be- zahlen, aber dieses Geld reicht nicht, sie haben, meist nur ein Existenz- minimum.

FURCHE: Aus wel- chen Gründen werden bei Ihnen Ehen geschie- den?

JANACOVA: Ich glau- be, oft sind es finanziel- le Gründe: viele junge Familien wollen alles auf einmal anschaffen. Oft heiraten junge Leute zu früh, beispielsweise des- wegen, weil die Frau schwanger ist.

MARSINOVA: Bei uns ist es für die Familie der Frau noch immer ein Skandal, wenn sie unverheiratet schwanger wird.

JANACOVA: Das ist schlimmer, als wenn eine Ehe schon nach zwei Jahren wieder geschieden wird.

FURCHE: Wird, um nicht unge- wollt schwanger zu werden, Emp- fängnisverhütung betrieben? Gibt es Abtreibungen?

MARSINOVA: Gesetzlich ist verankert, daß Frauen ohne Zu- stimmung des Mannes eine Abtrei- bung vornehmen lassen können. Bei uns herrscht eine sehr freie Sexual- moral, es gibt keine Erziehung in sexualethischen Fragen.

JANACOVA: Viele junge Men- schen haben kein Gefühl der Ver- antwortlichkeit. Sie denken nicht daran, daß die Frau schwanger werden könnte.

FURCHE: Ist die Information über Empfängnisverhütung ausrei- chend? Gibt es Zugang zu Verhü- tungsmitteln?

JANACOVA: Bei uns verschreibt der Frauenarzt einer Sechzehnjäh- rigen nicht die Pille.

MARSINOVA: Nach der Geburt des ersten Kindes bringt die Kran- kenschwester wohl der Frau die Pille, aber die Menschen in unse- rem Land sind nicht zur Familien- planung erzogen worden.

JANACOVA: Meiner Meinung nach ist dies Schuld der Eltern, die zu wenig Zeit für ihre Kinder ha- ben, sich nicht mit ihnen beschäfti- gen. Die Kinder werden vor allem durch die Straße erzogen.

MARSINOVA: Im sozialistischen Denken fühlt sich die Frau nicht für die Kindererziehung verant- wortlich, die Gesellschaft erzieht die Kinder. Die Frau möchte ihre Freiheit haben, das ist die Emanzi- pation der Frauen.

JANACOVA: Zu wenig Verant- wortung für die Kinder scheint mir eine der Schattenseiten der Eman- zipation zu sein.

FURCHE: Gibt es in Ihrem Land Diskussionen über Emanzipation?

JANACOVA: Ja, seit kurzem. In meinem Institut war der Direktor dagegen, daß ich als Frau Projekt- leiterin werde, aber der Stellver- treter hat dann für mich entschie- den.

FURCHE: Wie ist die Stellung der Frauen in der Kirche?

MARSINOVA: Im Untergrund wird schon über diese Fragen dis- kutiert und wir bemühen uns auch, etwas davon durchzusetzen. Bei- spielsweise haben Frauen bisher nicht Theologie studieren können, das wird vielleicht ab Herbst in- Prag möglich sein.

Mit Ingrid Janacova, einer Ingenieurin für Maschinenbau in Preßburg, Jahrgang 1960, und Marta Marsinova, einer emeritierten Professorin für slowakische Sprache an der Akademie der Wissenschaften in Preßburg, Jahrgang 1922, sprach Leonore Hambosek.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau